Hitler und der "Röhm-Putsch": Mord unter Freunden
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Im Frühjahr 1934 stürzen innere Machtkämpfe, Intrigen und wachsender Unmut in der Bevölkerung das noch junge NS-Regime in eine Krise. Vor allem die SA, die paramilitärische "Sturmabteilung " der Nationalsozialisten, gefährdet Hitlers Herrschaft. Bis der lange zögernde Parteichef zuschlägt: Unter dem Vorwand, einen angeblichen Aufstand der SA-Führung zu vereiteln, entfesseln er und seine Paladine einen beispiellosen Blutrausch.
Host und Redaktion: Insa Bethke (GEOEPOCHE)
Gast: Jens-Rainer Berg (GEOEPOCHE)
Sprecher: Peter Kaempfe
Produktion: Andolin Sonnen (RTL+)
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"Germanen gegen Rom": Unte
Im Frühjahr 1934 stürzen innere Machtkämpfe, Intrigen und wachsender Unmut in
der Bevölkerung das noch junge NS-Regime in eine Krise.
Vor allem die SA, die von Ernst Röhm geführte paramilitärische Sturmabteilung
der Nationalsozialisten, gefährdet Hitlers Herrschaft.
Bis der lange zögernde Parteichef zuschlägt, unter dem Vorwand einen angeblichen
Aufstand der SA-Führung zu vereiteln, entfesseln er und seine Paladine einen
beispiellosen Blutrausch. Musik.
Verbrechen der Vergangenheit. Ein Crime-Podcast von Geo-Epoche und RTL Plus.
Hallo, herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Verbrechen der Vergangenheit,
dem Podcast von Geo-Epoche über die dunkle Seite des Menschen und der Macht.
In dieser Folge geht es um ein entscheidendes, vielleicht aber gar nicht mal
so bekanntes Ereignis in der NS-Zeit, genauer in der frühen Phase des NS-Regimes.
Ein Verbrechen, das auch damals schon als Nacht der langen Messer bekannt ist.
Adolf Hitler, der Befiehl des 1934 persönlich, er hat es geplant und er räumt
damit nicht irgendwen aus dem Weg, sondern einen seiner engsten einstigen Weggefährten.
Einen Freund, kann man wohl sagen.
Die beiden, Ernst Röhm, Chef der SA und Adolf Hitler, haben sich geduzt.
Ja, dieses Verbrechen, das ist ein wichtiger, grausamer Moment auf Hitlers Weg zur absoluten Macht.
Und warum, das klären wir jetzt, bevor wir dann eintauchen in die damaligen
Ereignisse, in den angeblichen, muss man ja sagen, Röhm-Putsch.
Mir gegenüber sitzt mein Kollege Jens Rainer Berg. Er hat die Geschichte,
die ihr gleich hört, recherchiert und geschrieben. Schön, dass du da bist.
Auch von mir, hallo. Also heute, Jens Rainer, geht es um den Nationalsozialismus.
Klar, haben wir hier schon häufiger betrachtet bei Verbrechen der Vergangenheit.
Das ist ja auch ein Verbrechen übervolles Thema auf sehr vielen Ebenen,
bis hin zum beispiellosen Völkermord an den Juden.
Und auch dieses Mal sprechen wir, ich habe es ja jetzt schon gesagt,
über ein Verbrechen. Das ist aber ja etwas anders gelagert. Ja, genau.
Diesmal geht es eben nicht um ein Verbrechen an Verfolgten, an politischen Gegnern
oder auch gegnerischen Soldaten und Zivilisten im Krieg. sondern es geht um
Gewalt innerhalb des Machtapparats, im Herzen der Diktatur sozusagen.
Nämlich um einen Massenmord an einer innerparteilichen Opposition.
Es geht, wie eben ja schon etwas ausgeführt, um die Beseitigung,
in Anführungsstrichen, der SA-Führung um Ernst Röhm Ende Juni, Anfang Juli 1934.
Erklär du uns doch nochmal etwas genauer, was die SA eigentlich ist.
Das ist ja eine Abkürzung, die man kennt wie so viele berüchtigte Abkürzungen
und Institutionen aus der NS-Zeit.
Und viele kommen auch ein Stück später vor. Daher erstmal ein bisschen Begriffsklärung,
Abkürzungsklärung. Was hat es mit der SA auf sich?
Was steckt da in diesen zwei Buchstaben drin?
Also platt gesagt sind das Hooligans, Polit-Hooligans, also eine straff durchgegliederte
Organisation einerseits, aber im Prinzip eine Bande von Schlägern.
Gegründet wird die SA um 1920, allerdings erstmal ziemlich harmlos als Turn-
und Sportabteilung der NSDAP in München.
Die NSDAP damals noch eine sehr kleine rechtsradikale Splitterpartei,
die nicht so viele Leute kennen.
Und 1921 erhält diese Turntruppe dann den Namen Sturmabteilung.
Da haben wir die Abkürzung.
Genau, abgekürzt SA und da wird es dann im Namen schon deutlich aggressiver.
Und die SA ist eben auch de facto eine Kampforganisation.
Ja, da fragt man sich, wir sind in der Zeit der Weimarer Republik,
warum braucht eine Partei in einer Demokratie eine Kampforganisation?
Ja, die SA sollte anfangs die Veranstaltung der NSDAP absichern,
also eine Art Ordnertruppe sein.
Aber vor allem sollte sie aktiver Teil des politischen Kampfes werden.
Und dazu muss man sagen, Politik in der frühen Weimarer Republik war nicht nur
sehr instabil insgesamt, sondern sie war auch extrem gewaltvoll, gewaltbereit.
Das kann man sich aus heutiger Sicht kaum noch vorstellen, aber was man in den
letzten Jahren zum Beispiel phasenweise für das,
demokratische Afghanistan von 2001 bis in die frühen 20er Jahre oder auch aus
dem Irak nach dem Sturz von Saddam Hussein aus den Nachrichten kennt.
Also eine Situation, wo Anschläge, Attentate, heftige Konfrontationen an der Tagesordnung sind.
Das galt damals für Deutschland. Das hat zahlreiche Gründe.
Nicht zuletzt Verrohung durch
den Ersten Weltkrieg und die sehr harten weltanschaulichen Gegensätze.
Aber wie auch immer, es gab jedenfalls in der frühen Weimarer Republik genau das.
Straßenschlachten zwischen politischen Lagern, Attentate, diverse Putschversuche
von rechts, linke Unruhen.
Auch Hitler versucht ja 1923 zu putschen.
Er ruft damals, genau im November 1923, die Nationale Revolution aus.
Und ja, sein Plan war tatsächlich nach Berlin zu marschieren,
in die Hauptstadt und die Macht zu übernehmen.
Ja, er putscht in München, scheitert aber. Da sind auch ein paar hundert SA-Leute beteiligt.
Und nach dem Scheitern wird die NSDAP und die SA erst mal verboten.
Aber wir wissen es, es gibt ein Comeback für beide.
Es gibt ein Comeback. So viel Spoiler muss leider sein.
1925 kann sich die und darf sich die NSDAP neu gründen.
Und auch die SA wird neu errichtet. und jetzt als integraler Teil der Partei
und NS-Bewegung, wie es hieß.
Die SA ist also jetzt fest eingeplant als Element von Hitlers Doppelstrategie,
nämlich einerseits jetzt formal legal vorzugehen, also als Partei bei Wahlen
eine parlamentarische Mehrheit anzustreben,
Obwohl man offen erklärt, gleichzeitig das parlamentarische System letztlich abschaffen zu wollen.
Aber parallel dazu eben auch ein Vorgehen mit illegalen politischen Mitteln,
mit Gewalt auf der Straße.
Und für genau das war die SA jetzt zuständig. Da sind wir bei deinem Stichwort von eben, Hooligans.
Die SA, die hat die Aufgabe, die Stärke der eigenen Bewegung,
also die der NSDAP zu demonstrieren.
Und zwar durch blanke, stumpfe Gewalt. Genau, sie soll Terror verbreiten.
Das ist so gedacht, gewaltsam gegen die politischen Gegner vorgehen,
gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, auch schon gegen Juden.
Das Ziel, wie du sagst, Stärke zeigen, dem politischen Gegner Schaden,
aber vor allem ihn einschüchtern, im Prinzip alle pro-republikanischen Kräfte
einschüchtern und das System so destabilisieren.
Und damit zusammenhängend soll die SA auch gezielt die öffentliche Ordnung stören,
eigentlich Unordnung stiften und den Eindruck von Chaos verbreiten,
um dann im bürgerlichen Lager so eine Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung zu schaffen,
als deren Garanten oder Lieferanten man sich auf der parlamentarischen Ebene
gleichzeitig als Partei anbot.
Ja, also die SA, die prägt nun stark das Bild dieser neuen entschlossenen faschistischen Bewegung.
Und das tut sie ja auch mit ihren charakteristischen Uniformen.
Das sind braune Hemden, Schaftstiefel, Gürtel und Riemen. Und dieses Braun der
Hemden der SA, das wird dann ja zur Farbe der NS-Bewegung insgesamt.
Ja, diese Farbe ist jetzt an vielen Orten zu sehen. Und warum die Farbe Braun,
das können wir vielleicht ein andermal erzählen. Ja, ist auch eine interessante Geschichte.
Jedenfalls macht die SA, zeigt sich viel öffentlich, macht zur Propaganda gern Aufmärsche.
Zum Beispiel bewusst bei Veranstaltungen der politischen Gegner.
Und praktiziert dann eine eingeübte Kampftaktik, das plötzliche...
Scheinbar aus dem Nichts kommende Ausbrechen aus der Marschformation und dann
ein enthemmtes Losprügeln.
Das war fast unheimlich, so hatte sowas von Urgewalt, war verstörend und eindrucksvoll.
Und diese Aktionen und auch die Kameradschaft und eine gewisse Grundversorgung
der Mitglieder zog vor allem junge Männer aus prekären oder von Abstiegsangst
geprägten Verhältnissen an.
Deswegen steigt auch die Mitgliederzahl ziemlich schnell von 3.600 Mitgliedern
im Jahr 25 auf 60.000 im Jahr 1930.
Und dann nochmal sehr rasant auf 400.000 Anfang 1933, also noch vor der Machtübernahme.
Darin kann man ja letztlich auch die Dramatik der Schlussphase der Weimarer
Republik ein wenig ablesen.
Die Zeit der Weltwirtschaftskrise ist das, in der die Not im Land extrem wird
und die NSDAP nun erstmals hohe Wahlergebnisse einfährt. Und die Gewalt nochmal
steigt nach einer Ruhephase in der Weimarer Republik in der Mitte der 20er.
Dazu muss man sagen, dass auch andere Gruppierungen über paramilitärische Bünde
wie die SA verfügen, etwa die Kommunisten über den allerdings defensiver angelegten,
aber auch sehr wehrhaften roten Frontkämpferbund,
lange sogar noch deutlich größer als die SA.
Die gemäßigten Republiktreuen hatten das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, so hieß das.
Beim Wahlkampf vor den Reichstagswahlen im Sommer 1932 eskalieren die politischen
Straßenkämpfe zwischen den unterschiedlichen Gruppen besonders krass.
Da gab es 300 Tote und 1.100 Verletzte, das muss man sich mal vorstellen,
kurz mal innerlich mit heutigen Wahlkämpfen vergleichen.
Unglaublich und was man festhalten muss, Hitlers Strategie, die geht schließlich auf.
Er wird Reichskanzler und errichtet dann mit seinen Mitstreitern in sehr hohem Tempo eine Diktatur.
Ja, die Abläufe und Kausalitäten können wir jetzt hier nicht im Detail behandeln, glaube ich, aber doch.
Dass die SA auch in der ersten Phase der NS-Herrschaft bei der Errichtung des
Regimes weiter eine zentrale, düstere Rolle spielt.
Die Männer zelebrieren einerseits, überhöhen die Machtübernahme auf ihren Kundgebungen
und sie verfolgen nun massiv politische Gegner, andersdenkende Juden.
Es sind auch SA-Männer, die die ersten noch improvisierten Konzentrationslager
einrichten, wo politische Gegner festgehalten und misshandelt werden.
Etwa in Dachau oder Oranienburg.
Von den Behörden werden die SA-Leute häufig als Hilfspolizei genutzt in dieser
Phase und dadurch aufgewertet.
Und zur selben Zeit hält der Zulauf in die Organisation an.
1934 hat die SA schon vier Millionen Mitglieder. Das heißt, diese Zahl hat sich
innerhalb eines Jahres vervierfacht.
Ich habe mal nachgeschaut, das Deutsche Reich hat damals, so Anfang der 1930er
Jahre, um die 65 Millionen Einwohner.
Und da sind ja Frauen und Kinder mitgezählt. Das heißt, das ist wirklich ein
bedeutender Teil der männlichen Bevölkerung, die da eintritt.
Die SA, das ist eine gewaltige Volksinstitution.
Eintreten war recht einfach, wie ein Verein heute vielleicht gekoppelt,
allerdings meist an die Parteimitgliedschaft in der NSDAP.
Dass diese Größe und das Gewicht der SA dann bald zum Problem für das Regime
selbst wird, das hören wir gleich.
Jens Rainer, lass uns nochmal kurz ein paar weitere wichtige Abkürzungen sozusagen abarbeiten.
Die SA hatten wir jetzt, was ist mit der berüchtigten SS? Die Schutzstaffel,
kurz eben SS, ist erstmal nur ein Unterarm der SA.
Entstanden bei deren Neugründung 1925 und von Beginn an ein elitärer Zirkel,
der anfangs vor allem mit dem persönlichen Schutz von Adolf Hitler betraut war.
Man könnte sagen, eine Art Leibgarde des Parteichefs.
Und während die SA so ein bisschen das breite Auffangbecken für enttäuschte,
für unzufriedene, gewaltbereite, rechtsradikal gesinnte Heranwachsende war,
Stilisiert sich die SS schon sehr früh als enge, verschworene Gemeinschaft von
Auserwählten, was sich auch in ziemlich strengen, weltanschaulichen und rassistischen
Auslesekriterien niederschlägt.
Es gab da also Gesinnungstests und Abstammungstests, bevor man eintreten konnte.
Und das Ganze, also diese SS, gehorcht einem besonderen, fast ritterähnlichen,
auch so mittelalterlich gefärbten Kult.
Man inszeniert sich wie ein Orden mit Ritualen, mit mythischen Symbolen.
Totenkopfring ist dann Stichwort, hat man vielleicht mal gehört.
Es gibt Ehrendolche und das macht diese Organisation auch attraktiv und auch
sie gewinnt vor der Machtübernahme schon deutlich an Mitgliedern und hat kurz
vor Machtantritt etwa 50.000 Mitglieder.
Ja, das sind aber jetzt nicht mehr alles nur Leute, die sozusagen zum Schutz
des Parteiführers, also Adolf Hitlers, abgestellt sind. Nein,
nein, längst nicht mehr.
Erstmal sollten sie auch anfangs größere Veranstaltungen schützen.
Übrigens gab es anfangs vor dem Namen Schutzstaffel auch nach andere Bezeichnungen,
Saalschutz, Schutzkommando und Sturmstaffel wurden da benutzt.
Und bald entsteht mit dem SD... Noch eine Abkürzung, die wichtig ist.
Ja, SD für Sicherheitsdienst.
Mit dem SD, der der SS untergeordnet ist, entsteht 1931 ein Nachrichtendienst der NSDAP,
also eine Abteilung, die systematisch Informationen sammelt über politische
Gegner einerseits, aber auch über oppositionelle Strömung innerhalb der Bewegung.
Und da wird es interessant.
Jetzt haben wir hier eine sehr ambitionierte, selbsterklärte Elite,
die SS, die aber organisatorisch hinter der SA zurücksteht und zugleich eine
Schnüffelabteilung, den SD, in ihren Reihen hat.
Auch das wird für die Geschichte, die ihr gleich hört, relevant sein.
Denn was da geschildert wird, ist so etwas wie ein Wachwechsel zwischen SA und SS.
Ja, ein blutiger, erzwungener Wachwechsel.
Denn wie sich zeigt, war die SA für die NS-Bewegung, für das Erlangen der Macht
als raue, aggressive Truppe, hatten wir vorhin erzählt, das perfekte Werkzeug.
In der Phase, in der sich das Regime nun fest einrichten will.
Werden sie aber aus Sicht Hitlers zum Problem, zum eher unkontrollierbaren Faktor,
der unter anderem die bürgerliche Gesellschaft zu verstören droht.
Und auch deswegen holt der Diktator zum Schlag gegen die SA aus.
Und nächster Schritt setzt danach stattdessen auf die nun eigenständige,
von der Oberhoheit der SA befreite, ihm direkt unterstellte SS.
Die SS wird jetzt das neue perfekte Werkzeug für die, wenn man so will,
kalt verwaltete, gnadenlos organisierte Herrschaft des Regimes,
für Verfolgung, für Vernichtungs- und Mordpolitik.
Neben der SA richtet sich der Schlag Hitlers ja auch gegen oppositionelle Bestrebungen
im konservativen Lager. Das hören wir gleich auch noch.
Es geht also auch um das Abrechnen mit alten Feinden.
Da reden wir von womöglich bis zu 200 Todesopfern. Und dann spielt noch das
Militär eine wichtige Rolle bei den Ereignissen.
Es ist also alles recht kompliziert.
Ernst Rainer, schauen wir doch nochmal auf die Begrifflichkeiten rund ums Militär.
Reichswehr, Wehrmacht, was sagt
man da eigentlich? Also anfangs heißen die Streitkräfte noch Reichswehr.
Das ist der Begriff aus der Weimarer Zeit.
Als das deutsche Militär durch den Versailler-Vertrag hart beschnitten war, nur auf 100.000 Mann.
Keine Panzer, keine Luftwaffe, keine U-Boote und noch ein paar andere Auflagen.
Das übrig gebliebene Offizierskorps war großteils, nicht alle,
aber sicher die Mehrheit, antirepublikanisch gesinnt.
Viele von ihnen mit adeligem Background.
Als Hitler an die Macht kommt, teilt die Reichswehrführung viele seiner Ziele,
etwa das Vorgehen gegen Linke und eine Revision des Versailler Vertrages.
Und auch die von Hitler schon früh in kleinen Zirkeln ausgegebene Losung von
der massiven Aufrüstung, der Expansion und Kriegsvorbereitung sehen die Generäle
positiv, erhoffen sich mehr Gewicht, mehr Macht, mehr Möglichkeiten im neuen Staat.
Aber dann ist da auf einmal jetzt die SA. Angeführt von Ernst Röhm will die
nach der Machtübernahme der NSDAP nun der Reichswehr Konkurrenz machen.
Genau, Röhm merkt sehr klar, dass der SA ihre strategische Funktion auf der
Straße wegbricht allmählich und er träumt davon, seine Organisation stattdessen
zur neuen Militärmacht Deutschlands zu machen, zu einer riesigen,
vollbewaffneten Miliz mit staatlichem Gewaltmonopol,
die sich neben die Reichswehr gesellt, wobei er sich die Reichswehr eher als
untergeordnet vorstellt.
Das können die Reichswehr-Generäle nicht wollen.
Eindeutig nicht. Die sehen da eine Gefahr des Nationalsozialismus,
dass ihre traditionelle Rolle wegbricht.
Deswegen sind sie teils auch zunächst abwartend gegenüber dem Regime,
unterstützen Hitler aber bei seiner Aktion gegen Römen und die SA aktiv und
sind sehr froh, als Hitler sich dann gegen Römen durchsetzt.
Kurze Zeit nach der Mordaktion dienen sich die Generäle dem Regime denn auch,
Voll an, lassen die Reichswehr einen Eid direkt auf Adolf Hitler schwören.
Ab da mit dieser Selbstunterwerfung sind Militär und Regime eng vermählt.
Ab da gilt auch das Ideal des Soldaten als Nationalsozialist in Uniform.
Heute kennt man da das demokratische Gegenbild vom Bürger in Uniform.
Aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges kennt man dann als Namen für das deutsche
Militär ja den Begriff Wehrmacht.
Aber der kommt auch schon deutlich früher auf. Ja, 1935 wird die allgemeine
Wehrpflicht wieder eingeführt, weil man schlicht Leute für die Aufrüstung braucht.
Davor war es ein Berufsherr.
Und dabei wird die Reichswehr in Wehrmacht umbenannt. Zugleich schwenkt man
auch mit diesem Akt offiziell weg von einer Defensivstrategie auf Offensive.
Der Reichswehrminister heißt jetzt Reichskriegsminister und die Reichsmarine
wird zur Kriegsmarine. Erinnert mich irgendwie, wie kann es bloß sein,
an die USA, wo Pete Texas ja auch nicht mehr Verteidigungsminister,
sondern Kriegsminister genannt werden will.
Ja, den Gedanken hatte ich auch. Kommen wir aber nochmal zu den Ereignissen
von 1934, von denen wir gleich mehr hören.
Das ist insgesamt eine ganz entscheidende Phase für das NS-Regime.
Ja, im Sommer 1934 vollendet sich nach Meinung der Forschung der Aufbau des Regimes.
Da kommen nämlich gleich mehrere Dinge zusammen.
Nach der mörderischen Ausschaltung der Opposition Anfang Juli stirbt Anfang
August Reichspräsident Paul von Hindenburg.
Hitler lässt sich daraufhin zum Führer und Reichskanzler ernennen.
Ein Akt, dem bei einer Volksabstimmung fast 90 Prozent der Wähler zustimmen, kurz darauf.
Zum Teil sind die Stimmen manipuliert, aber die Zustimmung ist trotzdem überwältigend.
Und Hitler ist damit endgültig unumschränkter Diktator.
Er ist Führer der Partei, das war ja vorher auch schon. Führer des Staates,
vorher war Hindenburg der Staatsoberhaupt, Führer der Regierung.
Sowie ebenfalls von Hindenburg übernommen nun auch Oberbefehlshaber offiziell der Armee.
Hitler sitzt also fest im Sattel. Er ist der Inhaber der absoluten Macht jetzt 1934.
Wir springen jetzt nochmal zurück
in die Zeit, in der dieser Schlusspunkt noch so nicht abzusehen war.
In das Drama um die Mordaktion an Ernst Röhm und so vielen anderen Figuren,
die Hitler dafür, also für seinen Weg an die Spitze dringend,
loswerden wollte. in die Reportage, Jens Rainer, die du darüber geschrieben
hast, Mord unter Freunden. Es liest Peter Kämpfe.
Genau ein halbes Jahr ist es her. Da hat der Freund ihm geschrieben,
wie sehr er dem Schicksal dankbar sei, dass er Männer wie ihn als Kampf genossen habe.
Welche unvergänglichen Dienste er für die Bewegung geleistet habe.
Mein lieber Ernst Röhm, hat er ihn damals in dem Brief genannt. Und jetzt, am 1.
Juli 1934, befiehlt dieser Freund, Reichskanzler Adolf Hitler, seinen Tod.
Kurz vor 18 Uhr nähern sich SS-Männer der Zelle 474 im Gefängnis München-Stadelheim,
in der Ernst Röhm bis vor kurzem Stabschef der SA und Minister im Kabinett Hitler eingesperrt ist.
Sie lassen die Tür öffnen und dem Gefangenen eine Pistole und eine Sonderausgabe
des völkischen Beobachters hineinreißen.
Die Schlagzeile der Zeitung, Röhm verhaftet und abgesetzt, durchgreifende Säuberung in der SA.
Er habe zehn Minuten Zeit, sich selbst zu töten, lassen sie ihn wissen.
Die Tür wird wieder geschlossen.
Doch kein Schuss ertönt. Als die Frist verstrichen ist, öffnet ein Gefängnisbeamter
die Zelle und nimmt die Pistole, die immer noch unberührt auf dem kleinen Tisch
neben der Tür liegt, wieder an sich.
Dann bauen sich zwei der SS-Männer mit gezogenen Dienstwaffen vor der aufgestoßenen Zellentür auf.
Röhm steht in der Mitte des engen Raumes, ein kleiner, beleibter,
46-Jähriger mit nacktem, verschwitztem Oberkörper.
Von einer Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg ist sein Gesicht vernarbt,
die Nase über dem Schnurrbart deformiert, ihrem Rücken scheint ein Stück zu fehlen.
Er versucht etwas zu sagen, aber die SS-Männer bedeuten ihm mit Handzeichen,
dass jede Rede zwecklos sei.
Da wird Röhm ganz ruhig und reckt sich auf Schaut,
wie sich einer der Wachmänner des Gefängnisses später erinnern
wird Fast trotzig Sekunden darauf fallen die Schüsse Insgesamt drei Kugeln treffen
Röhm in Brust und Hals Einer der mächtigsten Männer des NS-Regimes ist tot Hingerichtet
auf Geheiß Hitlers Weil er zur Belastung geworden ist Zum gefährlichen Konkurrenten,
zum Unruhestifter in schwierigen Zeiten.
Und Röhm ist nur das prominenteste Opfer.
In einem zwei Tage währenden Blutrausch entledigt sich das Regime im Sommer
1934 dutzende Abweichler, unbequeme Rivalen aus den eigenen Reihen.
Wichtige Köpfe der konservativen Eliten, Generäle, hohe Beamte,
Reichstagsabgeordnete müssen ebenfalls sterben.
So weitgehend, so exzessiv, aber auch so chaotisch ist dieser Gewaltschlag,
dass sogar vollkommen Unbeteiligte getötet werden.
Unter dem Vorwand, einen angeblichen Putsch zu verhindern, zersprengt Hitler
ein Gewirr aus inneren Machtkämpfen und Intrigen, das sein Regime in eine existenzielle Krise gestürzt hat.
Am Ende ist die nationalsozialistische Herrschaft gefestigter als zuvor.
Der Despot hat dabei eine neue Form
der Bestialität gezeigt und eine unmissverständliche Botschaft gesandt.
Er wird vor nichts zurückschrecken, um seine Macht zu sichern.
Und vor niemandem.
Etwa ein Jahr zuvor, im Sommer 1933, muss vielen klar geworden sein,
dass die Wege der alten Gefährten Hitler und Röhm unweigerlich auseinanderdriften.
Da verkündet der Reichskanzler vor wichtigen Amtsträgern, man müsse nun den
freigewordenen Strom der Revolution in das sichere Bett der Evolution hinüberleiten.
Er meint, der offene Terror gegen politische Gegner, das brutale Wüten von NS-Schergen
auf den Straßen des Reichs und in improvisierten Lagern, solle einem ruhigeren Machtausbau weichen.
Hitler, der den Gewaltexzess zuvor gewollt hat, denkt taktisch.
Er will sein Regime gemeinsam mit den konservativen Eliten in Militärwirtschaft
und Beamtentum festigen, nicht gegen sie.
Und gerade aus diesen Kreisen sind immer mehr Beschwerden über die NS-Schläge eingegangen.
Also verspricht Hitler Mäßigung, Ruhe und Ordnung.
Röhm aber tönt vollkommen anders.
Nur wenige Wochen vor Hitlers Ansprache über das Ende der ungezügelten Gewalt
hat er in einer NS-Zeitschrift gepoltert, man werde es nicht dulden,
dass die deutsche Revolution einschläft oder auf halbem Wege verraten wird.
Leidenschaftlich wettert er gegen bürgerliche Spießerseelen und schleudert ihnen
entgegen, ob es ihnen passt oder nicht.
Wir werden unseren Kampf weiterführen. Wenn sie endlich begreifen,
um was es geht, mit ihnen.
Wenn sie nicht wollen, ohne sie.
Und wenn es sein muss, gegen sie.
Viel deutlicher kann man nicht dem zurückhaltenden Kurs entgegenstehen, den Hitler nun vorgibt.
Und die drohenden Worte kommen ja nicht von irgendwem.
Röhm führt die neben der NSDAP wichtigste Organisation des Nationalsozialismus, die SA.
Er hat sie groß gemacht.
Rund eine Million meist junge Männer gehören ihr im Sommer 1933 an.
Die SA, kurz Versturmabteilung, gegründet Anfang der 1920er Jahre,
ist der paramilitärische Arm der NS-Bewegung eigentlich eine gewaltige Schläger-Truppe.
Einst, in den Anfängen, wurde sie als Wachmannschaft bei Parteiveranstaltungen eingesetzt.
Vor allem am Ende der Weimarer Republik machte sie mit Aufmärschen Propaganda
für die NSDAP, schüchterte systematisch die politischen Gegner ein,
lieferte sich bürgerkriegsähnliche Straßenschlachten mit Anhängern der Linken.
In der Phase der Machtergreifung nach dem 30.
Januar 1933 waren es vor allem SA-Männer in ihren braunen Hemden gewesen,
die voll in Brunst den Terror des neuen Regimes entfesselten.
Den »Tag der Rache« nannten sie das.
Nun aber, da Hitler die Revolution, den gewaltsamen Umbau des Landes für beendet
erklärt hat, fehlt der SA plötzlich die Aufgabe. Sie erscheint überflüssig.
Propaganda und Terror übernehmen nun nach und nach staatliche Stellen,
etwa die geheime Staatspolizei in Preußen.
Gerade die einfachen SA-Männer, die sich immer als Speerspitze der NS-Bewegung
verstanden haben, sind enttäuscht.
Viele hatten erwartet, dass sich nach der Machtübernahme durch die NSDAP ihre
eigene Situation schlagartig verbessern würde.
Oft aus kleinbürgerlichem Hause oder der Mittelschicht stammend,
ein großer Teil von ihnen arbeitslos,
hatten sie sich der SA nicht immer deshalb angeschlossen, weil sie die nationalsozialistische
Weltanschauung teilten, sondern weil die Organisation ihnen eine Gemeinschaft gab.
Wohnheime und warme Suppen bot und vor allem Hoffnung auf die Zukunft.
Doch jetzt sind die meisten immer noch arbeitslos.
Die aus Naivität ersehnten gut dotierten Posten in der Polizei,
im Militär oder der Verwaltung sind ausgeblieben.
Selbst einfache Hilfsjobs sind schwer zu bekommen und daran ändert sich auch
kaum etwas, als die Arbeitgeberverbände dem Regime im Sommer 1933 zusagen,
Angehörige der SA zu bevorzugen.
Zu schlecht sind die Erfahrungen in den Betrieben mit den raubeinigen Straßenkämpfern,
die unpünktlich sind, häufig gar nicht erscheinen und nur mäßige Arbeit leisten.
So verfängt es bei den unzufriedenen SA-Männern, dass Röhm immer wieder betont,
der Kampf um Veränderung müsse weitergehen, dass er erklärt,
eine zweite Revolution stehe noch aus.
Doch auch wenn Röms Begriffe dabei vage sozialistisch klingen,
auch wenn er Bürgerschreck-Rhetorik benutzt, ein gesellschaftspolitisches gar
linkes Programm steht nicht dahinter.
Vielmehr geht es ihm darum, mit einer neuen Zukunftshoffnung,
mit der Aussicht endlich doch noch Beute zu machen, die SA-Basis zusammenzuhalten.
Auf diese Weise will er Druck aufbauen und seiner Organisation mehr Gewicht
innerhalb des Regimes verschaffen und damit sich selbst.
Röhm verfolgt eine ehrgeizige Idee, wie die SA trotz allem zum zentralen Machtfaktor aufsteigen kann.
Sie soll die neue Armee des Regimes werden.
Aus ihr könnte, so sein Plan, ein Millionenmann starkes Volksheer erwachsen,
das die NS-Herrschaft im Inneren und gegen äußere Feinde sichert.
Die alte Reichswehr, die nach dem Versailler Vertrag auf 115.000 Mann verkleinerte
Berufsarmee, dürfte seiner Vorstellung nach dem neuen Heer allenfalls zuarbeiten,
etwa in der Ausbildung der Soldaten.
Für sich selbst beansprucht Röhm letztlich den Posten eines Kriegsministers
und die militärische Führungsrolle im Reich.
Es wäre für ihn die Vollendung seiner
Karriere Denn der Sohn eines Münchner Eisenbahn-Oberinspektors
sieht sich vor allem als Soldat Für ihn ist die
Politik dem Militärischen untergeordnet Der
Nationalsozialismus vor allem ein soldatisches Projekt Voller Begeisterung war
Röhm einst als 26-jähriger Berufsoffizier in den Ersten Weltkrieg gezogen Verbrachte
ein Jahr als Kompanieführer an der Front das er später als das Schönste meines
soldatischen Lebens bezeichnet.
Aus den Schützengräben brachte er seine Verachtung für alles Zivile mit,
den Hass auf die bürgerliche Welt und ihre Konventionen, verbunden mit Antisemitismus
und erbitterter Feindschaft gegen
die demokratischen Kräfte der Weimarer Republik sowie die Kommunisten.
Röhm knüpfte Kontakte zu verschiedenen ultranationalistischen Organisationen.
1919 trat er als einer der ersten Parteigenossen in die spätere NSDAP ein und
wurde zum Vertrauten Adolf Hitlers, der mit Röms Unterstützung bald zum Parteiführer aufstieg.
Nun, im Laufe des Jahres 1933 beginnt der SA-Chef eine heikle Strategie.
Er vergrößert seine Truppe mit aller Macht, um durch pure Masse den politischen
Druck für seine Ziele zu erhöhen.
Röhm lässt Neumitglieder anwerben,
gliedert rechte Kampfverbände und Wehrsportorganisationen in die SA ein.
Binnen kurzem zählt sie deutlich mehr als eine Million Mann und wächst weiter.
Bald übersteigt ihre Mitgliederzahl die der NSDAP.
Und Röhm scheint mit seinem Vorgehen Erfolg zu haben.
Per Gesetz vom 1. Dezember macht Hitler ihn zum Reichsminister,
zwar ohne Geschäftsbereich und damit hat sein Amt vor allem symbolischen Wert,
aber Röhm glaubt sich nun endgültig im Zentrum der Macht.
Einen Monat später schreibt ihm der Reichskanzler zum Jahreswechsel jenen scheinbar
so freundschaftlichen Brief.
Und doch, nur sechs Monate darauf, am Ende einer sich immer schneller zuspitzenden,
weitgespannten Krise, wird Ernst
Röhm einem beispiellosen staatlichen Gewaltexzess zum Opfer fallen. 28.
Februar 1934, Berlin Im Vortragssaal des Reichswehrministeriums haben sich die
Spitzen von Reichswehr und SA versammelt.
Adolf Hitler will ihnen eine Entscheidung mitteilen.
Die Reichswehr werde, verkündet er, der einzige Waffenträger der Nation sein.
In einer längeren Rede, in der er einen zukünftigen Eroberungskrieg beschwört,
sowie die Notwendigkeit zur Aufrüstung, spricht er sich gegen Röms Pläne für eine SA-Miliz aus.
Dessen Organisation sei allenfalls dazu fähig, für die vormilitärische Ausbildung
zu sorgen und Hilfsaufgaben zu übernehmen.
Wahrscheinlich hat sich Hitler schon sehr viel früher entschlossen,
der etablierten Führung der Reichswehr mit Aufrüstung und Kriegsvorbereitung
die Hauptrolle beim Militärischen zu übertragen. Zu kostbar ist deren professionelles Wissen.
Zu einflussreich sind die alten Generäle, um sie zu brüskieren und sie sich so zu Gegnern zu machen.
Doch erst jetzt fällt der oft zögerliche Kanzler ein eindeutiges Urteil,
eines, das die Befehlshaber der Reichswehr mit höchster Zufriedenheit erfüllt
und Röms Machtträume je zertrümmert.
Die Aufgabenteilung müssen der SA-Chef und Reichswehrminister General Werner
von Blomberg so gleich mit ihrer Unterschrift besiegeln.
Bei einem anschließenden Sektfrühstück in seinem Berliner Amtssitz bemüht sich
der vor Wut und Enttäuschung innerlich kochende Röhmhaltung zu bewahren,
reicht Blomberg sogar die Hand.
Doch als die Reichswehroffiziere gegangen sind, beginnt er vor seinen Leuten
zu schimpfen. Was der lächerliche Gefreiter erklärte, gilt nicht für uns.
Hitler ist treulos und muss mindestens auf Urlaub.
Wenn nicht mit, so werden wir die Sache ohne Hitler machen.
Drastische, ja hochverräterische Worte, und sie bleiben nicht in dem Raum.
Einer der anwesenden SA-Führer, Viktor Lutze, trägt sie wenig später Rudolf
Hess zu, dem Stellvertreter Hitlers in der NSDAP.
Kurz darauf berichtet der Augenzeuge auch dem Parteichef selbst davon.
Der sei, so berichtet Lutze später, nach langer Unterredung zu dem Ergebnis
gekommen, wir müssen die Sache ausreifen lassen.
Gut möglich, dass Hitler in diesem Moment beschließt, Röhm in die Schranken zu weisen.
Schon einen Monat zuvor hat er den Leiter der geheimen Staatspolizei in Preußen
angewiesen, Material über die SA zu sammeln.
Ein paar Tage später, am 9. März, geht ein verschlüsselter Funkspruch bei den
Innenbehörden der Länder ein. Absender, der Reichsinnenminister.
Man habe, so die Nachricht, umfangreiche Waffentransporte aufgedeckt,
mitunter getarnt, die vom Ausland her deutsche Seehäfen erreichen.
Die Transporte seien sofort zu Beschlagnahmen.
Bei den Lieferungen, von denen wohl nur wenige tatsächlich abgefangen werden,
handelt es sich nach Erkenntnissen von Ermittlern um von der SA angekaufte Waffen,
Karabiner sowie leichte und schwere Maschinengewehre.
Denn ungeachtet der Abmachung mit der Reichswehr von Ende Februar bewaffnet
Röhm zahlreiche seiner Einheiten.
Bald wird die SA über rund 200.000 Feuerwaffen verfügen, auf dem Schwarzmarkt
gekauft oder im Ausland, viele davon zwar veraltet oder in schlechtem Zustand,
einige aber auch fabrikneu.
Demonstrativ lässt Röhm seine Mannschaften Manöver absolvieren,
ordnet regelmäßige Aufmärsche an Es ist, als wolle er eine militärische Machtposition
durch vollendete Tatsachen erzwingen Die Generäle der Reichswehr sind höchst
beunruhigt über die Aktivitäten ihres Rivalen Vor allem,
weil Hitler nichts gegen Röms Gebaren zu unternehmen scheint,
22. März. Die wirtschaftlichen Zahlen sind weitaus schlechter als erwartet.
Auf einer Konferenz mit NS-Parteigrößen erklärt Hitler, es gelte eine Katastrophe zu verhindern.
Der Aufschwung der ersten Monate des Regimes ist offenbar verpufft.
Rohstoffmangel bremst die Industrie.
Während immer mehr Güter nach Deutschland importiert werden, sinken die Exporte.
Der Devisenbestand der Reichsbank schrumpft. Hitler kritisiert bei dem Treffen die SA.
So gefährdeten deren eigenmächtige Boykott-Aktionen gegen große Kaufhäuser,
einst von den Nationalsozialisten als Feinde der deutschen Einzelhändler ausgemacht,
die wirtschaftliche Besserung.
Immer wieder verüben SA-Leute zudem überall im Reich Gewalttaten,
entfesseln Schlägereien, stürmen Kabarettbühnen, belästigen Passanten,
verprügeln, alkoholisiert sogar Polizeibeamte und Reichswehrsoldaten.
Die Regimeführung, nunmehr auf Ruhe und Ordnung bedacht, missbilligt diese Ausbrüche,
selbst wenn sie sich gegen die erklärten Feinde des Nationalsozialismus richten.
In der Bevölkerung gelten die SA-Männer ohnehin längst als dreiste Raudis.
Und der Unmut der Bürger gegen die Schläger nimmt weiter zu.
Zudem wird deutlich, dass es Röhm und den anderen SA-Führern immer schwerer
fällt, ihr mittlerweile mehr als drei Millionen Mitglieder zählendes Riesenheer zu disziplinieren.
Groß und aggressiv, machthungrig und unkontrollierbar, die SA kann die Stabilität
von Hitlers Staat inzwischen ernsthaft gefährden.
18. April, Berlin. So, als sei er ein unabhängiger Staatsmann,
tritt Röhm vor die versammelte Auslandspresse und das diplomatische Chor.
Er selbst hat die Journalisten und Botschafter geladen. Denn nun soll auch die
Weltöffentlichkeit erfahren, weshalb die SA für Deutschland so wichtig ist.
Kein bisschen gezähmt. Fast noch schriller als zuvor predigt er abermals die
Fortführung der Revolution.
Und allen, die ihre reaktionäre Gesinnung aus früheren Zeiten nicht abgelegt
hätten, kündigt er an, erbarmungslos das Genick zu brechen.
Der Auftritt, der gegen jedes Parteireglement verstößt, ist eine Provokation.
Ebenso wie Röms öffentliche Attacken gegen die Bonzokratie, die er den nun auf
guten Posten sitzenden NSDAP-Funktionären vorwirft.
Der Anführer der SA hat schon lange ein distanziertes Verhältnis zur Partei,
doch jetzt sucht er bewusst die Konfrontation.
Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Röhm mag sich sicher fühlen.
Er selbst sieht sich als loyalen, aber gleichberechtigten Kameraden Hitlers,
der offen auch abweichende Meinungen äußern kann.
Und sein Selbstbewusstsein ist groß. Auf dem Parteitag im Herbst 1933 war er
der prominenteste Nationalsozialist nach Hitler.
Im Personenkult der SA hat er sich gar auf eine Stufe mit dem Reichskanzler
hieven lassen. deren Siegheilruf bei Veranstaltungen richtet sich nun oft an
Hitler und Röhm gleichermaßen.
Doch die Eigenmächtigkeiten und Anmaßungen, die Drohgebärden und Machtspiele
lassen die Zahl von Röms Gegnern beständig wachsen.
Und es gibt etwas, das ihn verwundbar macht, er ist homosexuell.
Spätestens seit 1931 ist die sexuelle Orientierung des SA-Chefs ein offenes Geheimnis.
Nachdem die sozialdemokratische Münchner Post mit Schlagzeilen wie »warme Bruderschaft
im Braunen Haus«, Stimmung gegen Röhm und andere homosexuelle NSDAP-Mitglieder gemacht hatte,
wurden ebenfalls von politischen Widersachern private Briefe veröffentlicht.
In denen sich der verheiratete SA-Chef gegenüber einem Aktivisten der schwulen
Emanzipationsbewegung eindeutig zu seinen Neigungen bekannte.
Außerdem musste sich Röhm, der sich schon seit Jahren im Münchner Strich jungen
Milieu bewegte, von der Kriminalpolizei verhören lassen.
Zu einer Verurteilung nach § 175 des Strafgesetzbuches, nachdem sexuelle Handlungen
zwischen Männern strafbar sind, kam es jedoch nicht.
Immer wieder aber haben Funktionäre der NSDAP intern erklärt,
Röhm sei untragbar für die NS-Bewegung.
Hitler allerdings hat sich in dieser Sache stets hinter den SA-Chef gestellt.
Er verwehre sich gegen die verleumderische Hetze Außerdem sei das Ganze Privatsache.
20. April, Berlin. Heinrich Himmler, Chef der SS, übernimmt die Führung der
preußischen geheimen Staatspolizei.
Nur auf Betreiben Hitlers hat Hermann Göring, der preußische Ministerpräsident,
ihm das neue Amt übertragen, denn eigentlich mag er Himmler nicht.
Aber er traut ihm zu, den Einfluss Röms und seiner aufsässigen Truppe in Preußen zurückzudrängen.
Dort hat die SA, die Göring einst selbst als Hilfspolizei engagiert hatte,
Besonders viel Gewicht.
Etwa durch SA-Sonderkommissare, die in vielen Behörden als Berater für Unruhe sorgen.
Oder durch SA-Leute, die zu Polizeipräsidenten aufgestiegen sind.
Sie ist ein Stachel in Görings Macht. Eine lästige, verhasste Konkurrenz, die er beseitigen will.
Himmler ist Röhm lange eng verbunden gewesen. Seine SS untersteht als eine Art
Eliteeinheit der SA formal deren Stabschef, also Röhm.
Doch ist es genau diese Unterordnung, die Himmler nun in Görings Sinne motiviert.
Wenn die Macht der SA geschmälert oder gebrochen würde, könnte sich die SS endlich
als eigene mächtige NS-Organisation aus dem Schatten der SA lösen.
Gemeinsam mit dem SS-Mann Reinhard Heydrich, der jetzt die praktische Leitung
der Gestapo übernimmt, fasst Himmler den SA-Chef ins Visier.
Die beiden werden zum Kern einer Anti-Röhm-Front von NS-Mächtigen,
die sich nach und nach aus unterschiedlichen Motiven zusammenfindet.
Neben Göring sind noch Rudolf Hess und die graue NSDAP-Eminenz Martin Bormann
dabei, die befürchten, dass Röms Machtstreben die Partei empfindlich erschüttern
oder sogar hinter die SA drängen könnte.
Vor allem Heidrich treibt nun die Arbeit gegen Röhm systematisch voran.
Sein Ziel, einen Vorwand zu finden für einen Schlag gegen die SA.
Er gibt Order an Gestapo-Beamte und Mitarbeiter des ihm ebenfalls unterstehenden
SD, der SS-internen Überwachungsabteilung, dass sie Nachrichten und Fakten über
verdächtige Aktivitäten der SA aufstöbern sollen.
Zudem nimmt er Kontakt zu Dienststellen der Reichswehr auf, die inzwischen selbst
nach möglichen Angriffspunkten bei der SA suchen.
Kurz darauf beginnt eine reichsweite Kampagne gegen Miesmacher und Kritikkaster.
Mit Reden, Presseberichten und Rundfunkkommentaren will Propagandaminister Goebbels
die zunehmende Unzufriedenheit in der Bevölkerung bekämpfen.
Denn trotz der nahezu vollständigen Gleichschaltung von Behörden und Institutionen
ist Hitlers Diktatur keinesfalls schon fest verankert.
Noch immer ist ein Großteil der zuvor sechs Millionen Arbeitslosen ohne feste Beschäftigung.
Viele Arbeiter sind ernüchtert über die vermeintlichen Erfolge der Regierung Hitler.
Die Ergebnisse der Wahlen zu den nationalsozialistischen Vertrauensräten,
die anstelle der alten gewerkschaftlichen Betriebsräte eingeführt worden sind,
sind für das Regime derart peinlich, dass sie nie veröffentlicht werden.
Kaufleute klagen unterdessen über fehlende Nachfrage und die Untätigkeit der
Machthaber, das Problem zu lösen.
Die Bauern fühlen sich durch die zahlreichen neuen Vorschriften gegängelt.
Nicht wenige Deutsche stören sich auch an dem Auftreten vieler Parteifunktionäre,
die in Luxusschwelgen, in teuren Villen leben, Mercedes-Limousinen fahren.
Spürbar verlieren die Nationalsozialisten an Rückhalt.
Adolf Hitler selbst bleibt zwar weiter populär doch es entsteht,
wohl nicht zuletzt wegen seiner unentschlossenen passiven Haltung gegenüber
der SA bei manchen erstmals der Eindruck von Führungsschwäche und Goebbels grelle
Propagandakampagne scheint bei vielen nur noch das Gefühl zu bestärken das Regime
befinde sich in einer Krise.
4. Juni, gut Neudeck. Reichspräsident Paul von Hindenburg zieht sich früher
als sonst üblich für den Sommer auf seinen Landsitz in Ostpreußen zurück.
Der 86-Jährige ist krank. Seit Wochen gibt es Gerüchte über ein Blasenleiden,
das den Kreis dahin raffen könnte.
Der mögliche Tod des Staatsoberhauptes stellt plötzlich mitten in der Krise
eine zentrale Machtfrage in Deutschland auf neue, drängende Weise.
Wer soll seine Nachfolge antreten?
Für Hitler ist das eindeutig. Er will Hindenburg beerben und damit seine Herrschaft absichern.
Doch dafür braucht er die Gefolgschaft der Generäle. Die stehen bis jetzt loyal
zum Weltkriegsveteranen Hindenburg, der qua Amt auch ihr Oberbefehlshaber ist.
Gern würden sie diese Loyalität auf Hitler übertragen, Der Reichskanzler verfolgt
mit Aufrüstung und Expansion auch ihre wichtigsten außenpolitischen Ziele.
Außerdem versprechen sich die Militärs von der Politik des Kanzlers,
ihre während der Weimarer Republik eingebüßte Macht zurückzugewinnen.
Als Zeichen ihres Entgegenkommens haben die Generäle den für Beamte und andere
Berufsgruppen geltenden ARIA-Paragrafen auch in der Armee eingeführt und deshalb
jüdische Soldaten entlassen.
Allerdings sind die Militärs zur vollen Unterstützung nur dann bereit,
wenn Hitler ihnen konsequent und unwiderruflich das Waffenmonopol garantiert,
die renitente SA endgültig zurückstutzt.
Der Beistand der Generäle scheint noch aus einem weiteren Grund bedeutsam.
Denn inzwischen sammelt sich ein Kreis aus Rechtskonservativen,
die für die Zeit nach Hindenburg planen, Deutschland in einen autoritären Staat
unter ihrer Kontrolle umzuwandeln.
Je näher Hindenburgs Ende zu Rücken scheint, desto fieberhafter arbeiten die
Drahtzieher der Gruppe.
Ausgerechnet Vizekanzler Franz von Papen wird zum Protagonisten dieser für das
Regime, womöglich gefährlichen Opposition.
Am Tag, an dem der kranke Hindenburg nach Ostpreußen reist, trifft sich Hitler
in der Reichskanzlei zu einem langen Gespräch mit Röhm.
Mehr als vier Stunden reden die zwei.
Kein Protokoll gibt den Inhalt der Unterhaltung wider.
Doch nichts deutet darauf hin, dass die beiden aneinandergeraten.
Auch nicht, dass Hitler Röhm maßregelt, ihm gar droht.
Das Ergebnis des Treffens ist vielmehr eine Absprache, die erst einmal Entspannung
bringen soll Die gesamte SA,
über vier Millionen Mann, wird im Juli für einen Monat Ferien machen Röhm selbst
will sich zur Kur begeben.
17. Juni. Marburg. In der Aula der Universität erklimmt Franz von Papen das Podium.
Vor ihm 600 ehemalige Studenten, Professoren, Ehrengäste, einige Journalisten.
Papen ist der Festredner zur 14. Hauptversammlung des Marburger Universitätsbundes
und die Worte, die er nun an die Zuhörer richtet, gleichen einer Sensation.
Denn der Vizekanzler übt offene Kritik am Regime.
Papen, nominell immerhin zweithöchstes Mitglied der Regierung,
spricht davon, dass sich Eigennutz, Charakterlosigkeit,
Unwahrhaftigkeit, Unritterlichkeit und Anmaßung unter dem Deckmantel der deutschen
Revolution ausbreiteten.
Er geißelt die Lenkung der Presse durch das Propagandaministerium und bezeichnet
die Vorherrschaft einer einzigen Partei nur als einen Übergangszustand auf dem
Weg zu einem von ihm angestrebten antidemokratischen Staat ohne Parteien.
Verwerflich, so führt er aus, wäre der Glaube, ein Volk mit Terror einen zu
können, dieser sei stets Ausfluss eines bösen Gewissens.
Er beklagt einen falschen Personenkult, warnt vor der Verwechslung von Vitalität mit Brutalität.
Er tadelt das Streben vieler NSDAP-Kader, den Geist mit dem Schlagwort Intellektualismus abzutun.
Nie wieder danach im Nationalsozialismus wird von einer prominenten Person in
derartiger Schärfe öffentlich Kritik geübt.
Die Honoratioren im Saal applaudieren. Und obwohl Goebbels so schnell wie möglich
versucht, die Verbreitung des Wortlauts zu unterbinden, zirkulieren bald Abschriften der Rede.
Papens Worte sorgen weithin für Aufsehen, für Interesse bei den Unzufriedenen.
Dabei ist der Vizekanzler nur ein Sprachrohr. Geschrieben hat die Rede,
die Papen vermutlich erst auf der Fahrt nach Marburg gelesen hat,
Edgar Jung, ein rechtskonservativer Publizist und Mitarbeiter des Vizekanzlers.
Gemeinsam mit Herbert von Bose, Papens Presse-Referent, baut Jung um den Vizekanzler
eine konservative Oppositionsgruppe gegen Hitler auf, sucht Kontakt zu kritischen Generälen.
Wir sind mit dafür verantwortlich, dass dieser Kerl an die Macht gekommen ist.
So soll Jung sich schon kurz nach dem Januar 1933 Vertrauten gegenüber geäußert haben.
Wir müssen ihn wieder beseitigen.
Wohl spätestens Ende 1933 ist den meisten Konservativen klar geworden,
dass die Zähmung Hitlers misslungen ist.
Die Männer und Papen wollen einen autoritären Staat, in dem die alten Eliten
wieder das Sagen haben. Am besten eine Monarchie.
Schon betreiben sie Planspiele, welche Politiker einem zukünftigen Kabinett angehören sollen.
Die tatsächlichen Erfolgsaussichten der kleinen Gruppe sind trotz des Aufruhrs
nach der Rede wohl eher gering. Zumindest solange die wichtigsten Generäle der
Reichswehr klar auf Seiten des Regimes stehen.
Hitler ist alarmiert. Auf keinen Fall will er den Konservativen zu viel Zeit
geben, sich weiter zu formieren.
Und er will verhindern, dass die SA weiterhin das Verhältnis zur Reichswehr
belastet und die Generäle dem Papenkreis in die Arme treibt.
So reift in den folgenden Tagen wohl endgültig der Entschluss,
einen Schlag gegen Röms Truppe zu führen.
Und nach und nach scheint Hitler mit finsterem Instinkt zu erkennen,
dass dieser Schlag besonders wirkungsvoll und ihm doppelt nützlich sein könnte,
wenn er sich gleichzeitig auch gegen seine Gegner aus dem konservativen Lager richtete.
Die Aktion gegen die SA würde von dem parallelen Schlag gegen die Papenopposition
ablenken und ihn für die Eliten, die mit den konservativen Opfern sympathisieren
könnten, zugleich annehmbarer machen.
So könnte Hitler mit einem Mal das Knäuel aus inneren Fronten zerschlagen,
das sich inzwischen gebildet hat.
Was der Reichskanzler in diesem Moment genau vorhat, ist im Nachhinein kaum
noch zu rekonstruieren.
Vertrauten gegenüber spricht er wohl nur davon, Röhm absetzen oder verhaften zu lassen.
Auch später wird es keinen zentralen Plan oder Befehl geben.
Vielmehr werden sich die Ereignisse in einer unheimlichen Dynamik aus Initiative,
Improvisation und gegenseitiger Verstärkung der unterschiedlichen Akteure entfalten.
25. Juni. Die Stimme von Rudolf Hess schnarrt über den Reichssender Köln.
Wehe dem, der die Treue bricht, im Glauben durch eine Revolte der Revolution dienen zu können.
Es klingt wie eine Warnung des Hitler-Vertrauten an die SA.
Der SS-Führer und Röhm-Gegner Reinhard Heydrich hat in den Wochen zuvor intensiv
daran gearbeitet, das Gespenst eines Putsches zu fabrizieren,
hat unzählige Gerüchte,
Falschmeldungen und fingierte SA-Geheimbefehle in die Welt setzen lassen.
Seine Leute manipulieren unter anderem Dokumente, die eine umfassende Bewaffnung beweisen sollen,
erstellen angebliche Abschusslisten der SA-Führung, auf denen die Namen hoher
Reichswehroffiziere stehen und lassen sich von konspirierenden SA-Männern Verdächtiges
melden, Gerede über eine Revolution,
die Einrichtung eines SA-Kerkers, um das Gehörte anschließend aufzubauschen.
So detailliert und perfide ist mittlerweile das Konstrukt einer angeblichen
Aufstandsgefahr, dass sogar Mitarbeiter der Gestapo beginnen, daran zu glauben.
Gemeinsam mit Himmler ruft Heidrich jetzt SS- und SD-Führer aus dem ganzen Reich
in Berlin zusammen und teilt ihnen mit, dass eine Revolte der SA unmittelbar
bevorstehe, man müsse sich auf Abwehrmaßnahmen vorbereiten.
Die Suggestion wirkt auch bei der Reichswehr. Am 26.
Juni wird dort ein offenbar gefälschter Befehl Röms bekannt,
die SA solle sich für einen Angriff gegen die Reichswehr bewaffnen.
Dies löst höchste Alarmstimmung aus.
Es wird beschlossen, dass die Reichswehr die SS, die die Aktion gegen die SA
anführen soll, mit Waffen und Transportmitteln unterstützt.
Inzwischen merken auch viele SA-Leute, das etwas dreut.
Gerüchte gehen um. Röhm sei in Ungnade gefallen, das Regime wolle gegen sie vorgehen.
Schon am 25. Juni hat SS-Chef Himmler Edgar Jung verhaften lassen den Redenschreiber Papens.
Der Vizekanzler protestiert, doch es gelingt Hitler-Papen in Gesprächen hinzuhalten.
Gemeinsam mit dem Reichspräsidenten würden sie eine für alle Seiten annehmbare
Lösung der Krise finden.
28. Juni, Berlin. Die Vorbereitungen von SS und Reichswehr sind abgeschlossen.
Doch noch immer gibt es keinen konkreten Plan für eine Aktion.
Hitler will wohl irgendwann vor dem 1.
August handeln, denn dann kehren vier Millionen SA-Männer gestärkt und erholt
aus ihrem Urlaub zurück.
Die Reichswehr rechnet sogar mit einem noch späteren Termin im Herbst.
Aber es gibt schon Listen mit Namen von Todeskandidaten.
Gleich mehrere NS-Potentaten haben makabre Kataloge mit unerwünschten Personen
erstellt, die am Tag X liquidiert werden sollen.
Heydrich lässt solche Listen von Gestapo, SS und SD anlegen.
Auch Göring hat eine in Auftrag gegeben, ebenso der bayerische NSDAP-Gauleiter.
Auf den Listen stehen vor allem Namen hoher SA-Männer, aber längst nicht nur.
Fast nach Gutdünken werden neue Opfernamen hinzugefügt, andere wieder gestrichen,
wenn sie mächtige Fürsprecher haben.
Noch eher der Schlag des Regimes begonnen hat, zeigt sich hier,
mit welcher Willkür die Morde geplant werden.
Am Nachmittag dieses Junitages beschleunigen sich die Ereignisse plötzlich.
Hitler weilt in Essen. Er besucht die Hochzeitsfeier des dortigen NSDAP-Gauleiters.
Vermutlich noch auf dem Fest erhält er einen Anruf aus Berlin.
Was ihm am Telefon mitgeteilt wird, ist beunruhigend.
Oskar von Hindenburg, der Sohn des Staatsoberhauptes, habe dem Kreis um Papen
zugesagt, ein Treffen des Vizekanzlers mit seinem Vater zu arrangieren.
Ein letztes Mal will Papen versuchen, den kranken Reichspräsidenten für eine
politische Wende zu gewinnen, die Hitlers Macht drastisch einschränken würde.
Am 30. Juni soll er auf Hindenburgs Landgut erscheinen, in zwei Tagen.
Abends zieht sich Hitler mit seinem Gefolge, darunter Hess und Göring,
in seine Suite im Hotel Kaiserhof in der Essener Innenstadt zurück.
Und jetzt entscheidet er sich für einen konkreten Zeitplan.
Der Schlag soll noch vor Papens Treffen mit Hindenburg erfolgen.
Hitler ruft Röms Adjudanten im oberbayerischen Bad Wiessee an.
Der SA-Chef hält sich für eine Rheuma-Behandlung in dem Kurort am Tegernsee
auf, ehe am Montag der allgemeine Urlaub der SA beginnt.
Hitler erteilt den Befehl, dass sich alle höheren SA-Führer am 30.
Juni vormittags in Röms Domizil einfinden sollen, ehe Hitler habe mit ihnen zu sprechen.
Göring fliegt noch am gleichen Abend nach Berlin zurück. Er soll die dortigen
Aktionen gegen die SA koordinieren.
Und gegen den Kreis um Papen.
29. Juni Bad Godesberg. Hitler bezieht mit seiner Entourage einige Zimmer im
Rheinhotel Dresen mit Blick auf den Fluss.
Das Haus ist bei Staatsmännern und Prominenten beliebt, es gilt als ruhig und diskret.
Hitler konferiert und telefoniert. Per Funk lässt er den Kommandeur der Leibstandarte
SS Adolf Hitler, seiner persönlichen Elite-Schutztruppe von Berlin,
nach Bad Godesberg ordern.
Unterdessen erreichen ihn Nachrichten über Unruhen in der SA.
So habe der SA-Gruppenführer in Berlin seine Männer in Alarmbereitschaft versetzt.
Hitlers Stimmung verfinstert sich. Ob die Meldung stimmt, lässt sich nicht mehr klären.
Tatsächlich aber sprechen mehrere hohe SA-Führer in diesen Tagen Mobilisierungsbefehle
aus, randalieren an einigen Orten SA-Männer. Sie reagieren damit auf Gerüchte,
ein Schlag gegen ihre Organisation stehe bevor.
Doch das sind Proteste und Abwehrmaßnahmen, keinesfalls Putschversuche.
Weder Röhm, der in naiver Verkennung der Lage wohl immer noch glaubt,
er genieße Hitlers Wertschätzung, noch andere SA-Führer planen einen Aufruhr.
Aber die Lüge von der Revolte schafft auf einmal eine Wirklichkeit,
die ihr zu entsprechen scheint.
Offenbar ersinnt auch Hitler selbst immer neue Hirngespinste.
Als Goebbels, der vor allem auf einen Schlag gegen die Konservativen drängt,
am Abend in Bad Godesberg eintrifft,
setzt Hitler ihm ein abenteuerliches Verschwörungsszenario auseinander.
Es gebe Beweise für ein Komplott, an dem auch Kurt von Schleicher,
Hitlers Vorgänger als Reichskanzler, sein früherer Parteirivale Georg Strasser
und der französische Botschafter beteiligt seien.
Der Propagandaminister scheint die Geschichte zu glauben. Jedenfalls verzeichnet
er sie in seinem Tagebuch.
Ebenso wie die Absicht des Reichskanzlers.
Samstag handelt er gegen Röhm und seine Rebellen mit Blut.
Als der Kommandeur der Leibstandarte im Hotel eintrifft, beauftragt ihn Hitler
sofort nach München zu fliegen und sich von dort zu melden.
Samstag, 30. Juni, Berlin. Um kurz nach Mitternacht rasen zwei Kompanien der
SS-Leibgarde insgesamt etwa 1.300 Männer auf Lastwagen von ihrem Hauptquartier
in Lichterfelde zum Anhalterbahnhof.
Dort beschlagnahmen sie einen
Ferienzug, in dem gerade Touristen auf ihrer Abfahrt in den Urlaub warten.
Die SS-Leute besteigen den Zug mit Fahrtziel Bayern.
Etwa zur gleichen Zeit meldet sich der Kommandeur der Leibstandarte aus München
bei Hitler. Er erhält den Auftrag, die aus Berlin kommenden Kompanien in Empfang
zu nehmen und sie bis 11 Uhr nach Bad Wiessee zu bringen, dem Aufenthaltsort Röms.
2 Uhr, Hangela. Mit Goebbels und weiteren Begleitern besteigt Hitler auf dem
Flugplatz in der Nähe von Bonn eine dreimotorige Junkers U52.
Die Maschine startet Richtung München.
3.30 Uhr, München.
Direkt nach der Landung auf dem Flughafen Oberwiesenfeld berichtet der örtliche
NSDAP-Gauleiter Hitler von rund 3000 SA-Leuten, die in der Nacht unter Schimpftiraden
auf den Führer randalierend durch die Stadt gezogen seien.
Der Zwischenfall ist ein weiteres Beispiel für SA-Leute, die protestieren,
weil sie sich hintergangen oder bedroht fühlen.
Der Führer ist gegen uns. Die
Reichswehr ist gegen uns. SA, heraus auf die Straße, haben sie skandiert.
Hitler legt den Vorfall als neuerliches Indiz für den angeblichen Verrat des Römlagers aus.
Dies ist der schwärzeste Tag meines Lebens, hört ihn einer der Begleiter sagen.
Spontan entschließt er sich nicht bis zum Vormittag zu warten,
sondern sofort loszuschlagen.
Kurz darauf fährt die Autokolonne ins bayerische Innenministerium.
Dort nähert sich Hitlers Zustand langsam der Hysterie. Noch einmal lässt er
sich von der Münchner SA-Demonstration am Abend berichten, verlangt schnaubend
das sofortige Erscheinen der beiden verantwortlichen SA-Führer.
Als die zwei Männer, die daheim im Bett gelegen haben, gegen 4.30 Uhr vollkommen
irritiert eintreffen, verweigert Hitler jedes Gespräch.
Er stürzt auf sie zu, reißt ihnen die Rangabzeichen von der Uniform und schreit,
sie sind verhaftet und werden erschossen.
Schergen bringen die Männer kurz darauf ins Gefängnis München-Stadelheim.
Hitler aber will jetzt zu Röhm.
Unverzüglich. Auf die bestellten SS-Kompanien kann er nicht mehr warten.
Sechs Uhr dreißig, Bad Wiessee. Ein heißer Sommertag bricht an.
Die drei Limousinen, in denen Hitler, Goebbels und eine kleine Gruppe von Begleitern,
vor allem Kriminalpolizisten, unterwegs sind, halten vor der Pension Hanselbauer.
Das dreistöckige Haus im traditionellen bayerischen Stil mit Balkonen aus dunklem
Holz liegt nur wenige Meter vom Tegernsee entfernt.
Röhm und die SA-Führer, die schon
für die geplante Konferenz am Vormittag angereist sind, schlafen noch.
Sie haben am Abend zuvor ausgiebig gefeiert und getrunken.
Die Gruppe um Hitler stürmt ins Haus. Vorbei an der verblüfften Wirtin,
die etwas von der Ehre des hohen Besuchs stammelt.
Einer der Polizisten klopft an Röms Tür, Zimmer 7. Eben Augenblicke vergehen.
Als der SA-Chef endlich verschlafen öffnet, wird die Tür von außen aufgestoßen.
Mit entsicherter Pistole steht Adolf Hitler vor seinem Duzfreund Röhm.
Vollkommen überrascht und im Schlafanzug muss sich Röhm den gebrüllten Vorwurf
Verräter anhören, so wie die Erklärung, er sei verhaftet und er solle sich anziehen.
Es hilft nichts, dass Röhm alles abstreitet.
Dann verhaften Hitler und die Polizisten auch die anderen SA-Führer.
In einem der Zimmer finden sie den Chef der Breslauer SA mit einem jungen Mann im Bett.
Ein Detail, das die Propaganda später ausschlachtet.
Die Verhafteten werden in den Keller der Pension gesperrt.
Mit einem Reisebus, den einer von Hitlers Begleitern am Ort anmietet,
werden sie später ins Gefängnis Stadelheim gebracht.
Noch während der Verhaftungen kommt es zu einer brenzligen Situation.
Ein Lastwagen mit Angehörigen der SA-Stabswache aus München fährt in Bad Wiessee vor.
Die Männer, kampferprobte Anhänger Röms, sind bewaffnet und ernsthaft irritiert,
als sie ihren Chef nicht antreffen.
Doch Hitler tritt vor sie und erklärt entschieden, er selbst habe nun die Führung der SA übernommen.
Er gibt den Männern den Befehl, umzukehren. Die SA-Leute gehorchen.
Auf Hitlers Rückweg nach München kommen ihm immer wieder Autos mit weiteren
SA-Führern entgegen, die sich zur Konferenz einfinden wollen.
Hitler lässt die Männer verhaften oder fordert sie auf, sich der Kolonne anzuschließen.
Unterdessen nimmt ein Kommando der Bayerischen Politischen Polizei,
deren Leiter SS-Chef Heinrich Himmler ist, auf dem Münchner Hauptbahnhof sämtliche
dort für die Tagung eintreffenden SA-Führer fest.
Gegen Mittag spricht Hitler vor SA und Parteiführern im Münchner Braunenhaus,
der NS-Parteizentrale.
Noch immer ist er in äußerster Rage, ein Ballenschaum, so ein Augenzeuge stiebt
ihm aus dem Mund, mehrfach überschlägt sich seine Stimme.
Dies sei der größte Treuebruch der ganzen Weltgeschichte.
Röhm habe zwölf Millionen Reichsmark vom französischen Botschafter erhalten,
so behauptet der Reichskanzler nun, um ihn umbringen zu lassen und Deutschland
an seine Feinde auszuliefern.
Jetzt aber würden Röhm und seine Kumpane exemplarisch bestraft.
Zum neuen Chef der SA erklärt er Viktor Lutze, jenen Mann, der Anfang März Röms
kritische Worte über Hitler an die Parteispitze weitergetragen hatte.
Nach seiner Rede markiert Hitler
auf einer Liste der in Stadelheim inhaftierten SA-Führer sechs Namen.
Einige Zeit später steht der Kommandeur der Leibstandarte vor diesen Männern
und eröffnet ihnen ihr Schicksal.
Sie sind vom Führer zum Tod verurteilt worden. Heil Hitler.
Dann erschießen SS-Leute einen nach dem anderen.
Ernst Röhm ist nicht darunter.
Nachmittags, Berlin. Kommandos von SS, SD, Gestapo und normaler Polizei fahren
durch die Straßen der Hauptstadt.
Bereits gegen 10 Uhr hat Goebbels von München aus Göring in der Hauptstadt angerufen
und ihm das vereinbarte Stichwort übermittelt, der Startschuss für Verhaftungs-
und Mordaktionen überall im Reich.
Heidrich, der noch in der Nacht zuvor die letzten Vorbereitungen getroffen,
die Listen erneut um tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder des Papenkreises
ergänzt hat, entsendet nun seine Todesschwadronen.
Auch Göring scheint dadurch angespornt, dass Hitler in München schneller und
rücksichtsloser zugeschlagen hat als geplant.
Ich habe meine Aufgabe erweitert, wird er am Abend des Tages öffentlich verkünden.
So befiehlt er nun statt Verhaftungen Liquidierungen oder überlässt die Entscheidung
den Mordgesellen selbst.
Wie in München entfalten sich auch in Berlin die Ereignisse in einer Mischung
aus Improvisation und gnadenloser Entschlossenheit.
Als erstes haben am Vormittag 30 SS-Männer mit Maschinenpistolen sowie einige
Gestapo-Beamte das Vizekanzleramt gestürmt und Papens Pressechef Bose niedergestreckt,
die Hauptfigur der reaktionären Opposition.
Die Leiche Edgar Jungs, des bereits mehrere Tage zuvor verhafteten Autors der
Marburger Rede, wird am 1.
Juli in einem Straßengraben gefunden.
Vizekanzler Papen entgeht dem Tod wohl deshalb, weil er als Protégé Hindenburgs
gilt und aus Furcht vor diplomatischen Irritationen, man nimmt ihn in Hausarrest.
Auch zahlreiche frühere Gegner sind unter den Mordopfern.
Ein Todeskommando hat schon am Vormittag General Kurt von Schleicher und dessen
Frau in ihrer Villa in Neubabelsberg erschossen.
Schleicher, ab Dezember 1932 kurzzeitig Reichskanzler, hatte mehrfach versucht,
Hitler von der politischen Macht fernzuhalten.
Am Nachmittag verhaften Gestapo-Beamte Georg Strasser, lange Zeit als Reichsorganisationsleiter
der zweite Mann in der NSDAP.
Bis er sich nach einem Zerwürfnis mit Hitler Ende 1932 von allen NS-Ämtern zurückzog.
Nun üben Göring und Himmler Rache und wollen zugleich ausschließen,
dass er jemals in die Politik zurückkehrt.
Die beiden befürchten wohl, dass sich ihr früherer Parteirivale eines Tages
mit Hitler aussöhnen könnte.
Strasser wird am Abend im Berliner Gestapo-Hauptquartier erschossen.
Und noch eine alte Rechnung wird an diesem Tag beglichen.
In der Nähe von Dachau stirbt Gustav Ritter von Kahr eines gewaltsamen Todes.
Jener erzkonservative bayerische Politiker, der 1923 den Hitler-Putsch in München
niedergeschlagen hatte.
Um 22 Uhr trifft Hitler mit dem Flugzeug in Berlin ein.
Göring und Himmler erwarten ihn mit einer Ehrenkompanie.
Das Gesicht des Reichskanzlers ist fahl und unrasiert, er wirkt abgespannt.
Göring plädiert dafür, die gesamte Aktion bald zu beenden.
Hitler entgegnet jedoch, es gäbe noch viele, die erschossen gehörten.
Sonntag, 1. Juli, früher Nachmittag Berlin.
Bis jetzt hat Hitler gezögert, Röhm töten zu lassen. Schreckt er vor dem Freundesmord zurück?
Erwägt er einen Schauprozess?
Himmler und Göring jedenfalls drängen ihn wieder und wieder,
den abgesetzten SA-Chef ihren großen Rivalen zu opfern.
Nun, bei einem Fest für Kabinettsmitglieder und deren Ehefrauen im Garten der
Reichskanzlei, gibt Hitler schließlich den Befehl, man solle Röhm aber zuerst
nahe legen, sich selbst zu töten.
Nur wenn er das nicht tue, sei er zu exekutieren.
Kurz nach 18 Uhr stirbt Ernst Röhm in seiner Zelle in München-Stadelheim.
Je länger die Aktion andauert, desto willkürlicher wird verhaftet und gemordet.
In Bayern verschleppen Hescher einen Musikkritiker mit Namen Schmidt.
Vermutlich, weil er bei den Recherchen für die Verhaftungslisten mit einem SA-Führer
gleichen Namens verwechselt worden ist.
SS-Männer erschießen ihn, ehe der Irrtum aufgeklärt werden kann.
Niemand weiß später, warum auch ein nationalsozialistischer Theologe getötet
wird, der Hitler einst bei der Abfassung von Mein Kampf geholfen hatte.
Vielfach nutzen lokale SS-Führer die Gelegenheit für persönliche Rache,
beseitigen kurzerhand eigene Feinde aus der örtlichen SA oder sogar Konkurrenten innerhalb der SS.
In Schlesien ziehen SS-Einheiten wie im Amok plündernd und schießend durch die Gegend.
Am nächsten Morgen erklärt Hitler die Säuberungsaktion offiziell für beendet.
Noch am selben Tag verfügt Göring, alle Akten über das Blutbad zu vernichten.
Dokumente, die dennoch erhalten bleiben, bezeugen später etwa 90 namentlich
bekannte Opfer des zweitägigen Massakers, darunter ungefähr 50 SA-Angehörige.
Schätzungen zufolge sind insgesamt aber bis zu 200 Personen ums Leben gekommen.
Genauere Angaben wird es wegen der bruchstückhaften
Überlieferung und der Unübersichtlichkeit der Taten nie geben.
Das vollständige Ausmaß der Nacht der langen Messer, wie die Mordaktion schon
bald genannt wird, bleibt der Öffentlichkeit verbogen.
Und doch wird keinesfalls verheimlicht, dass das Regime einen Großteil der SA-Führung
sowie zahlreiche wichtige politische Gestalten des Landes getötet hat.
Einfach so. Ohne Anklage. Ohne Prozess.
In einer selbst den Gesetzen des NS-Staates widersprechenden Mordaktion.
Es gibt Pressekonferenzen, auf denen über die Opfer gesprochen wird,
staatliche Verlautbarungen, Zeitungsmeldungen.
Die Reaktion im Land aber ist nicht etwa Erschrecken oder Furcht,
sondern Zustimmung und Erleichterung.
Denn wirkungsvoll verbreiten die NS-Potentaten ihre Lüge von einem heldenhaft
vereitelten Putschversuch, an dem die Opfer beteiligt gewesen seien.
Darüber hinaus fühlen sich die meisten Deutschen vor allem befreit von der SA,
dieser Schläger-Truppe.
Zudem stürzen sich die Propagandisten nun geschickt auf die zuvor geduldete
Homosexualität Röms und anderer SA-Führer,
malen das Bild einer sittenlosen, korrupten SA-Riege, die das Land in den Abgrund habe ziehen wollen.
Die tatsächlichen Hintergründe aber bleiben unbeachtet. Angesichts des Schlages
gegen die SA interessiert sich die Öffentlichkeit wenig für die Vernichtung
der konservativen Opposition.
Das ist die vorherrschende Empfindung, dass nun die Ordnung wiederhergestellt ist.
Und kaum jemand stößt sich daran, dass dies ganz offenbar durch willkürlichen
staatlichen Massenmord erreicht worden ist.
So zerrüttet bereits ist das Rechtsempfinden der Deutschen, die moralische Orientierung
nach den gewaltsamen Lagerkämpfen von Weimar und 17 Monaten nationalsozialistischer Herrschaft.
Hitlers Ansehen nimmt nach dem Massaker sogar zu.
Auch Bürger, die ihn eigentlich ablehnen, bewundern auf einmal seinen vermeintlichen
Mut, seine Durchsetzungskraft.
Ein interner Lagebericht der Behörden stellt für eine alte KPD-Hochburg in Oberfranken
fest, der Führer hat bei der breiten Masse, insbesondere bei jenen,
die der Bewegung noch abwartend gegenüberstanden,
durch sein tatkräftiges Handeln ungeheuer gewonnen.
Niemand, keine Institution oder gesellschaftliche Gruppe missbilligt öffentlich
die Mordaktion, im Gegenteil.
Das Kabinett legalisiert das Massaker noch am 3. Juli mit einem neuen Gesetz als Staatsnotwehr.
Die Politiker, unter ihnen auch mehrere Parteilose wie Justizminister Franz
Gürtner, erheben so den Mord zum ordnungsgemäßen Staatsakt,
während der aus dem Hausarrest entlassene Papen der Sitzung fernbleibt.
Ein einschneidender Moment, der die letzten Reste von Rechtsstaatlichkeit in
Deutschland hinwegfegt.
Nicht nur juristisch kann nun niemand mehr Hitler anfechten.
Der Oppositionskreis und Papen ist zerschlagen, die alte Macht der SA zerschmettert.
Deren neuer Chef, Viktor Lutze,
beginnt sofort damit, die Organisation umzubauen, ihre Reihen zu säubern.
Bewaffnete Einheiten werden aufgelöst oder ausgegliedert.
Disziplinlosigkeiten von SA-Männern massenhaft mit Ausschluss bestraft.
Auch jeder, der körperlich nicht einem gewissen Standard entspricht, muss austreten.
Schnell sinkt die Mitgliederzahl.
1938 wird die SA nur noch gut eine Million Mitglieder haben.
Das Leitbild der Truppe ist nun nicht mehr der ungebundene Rabauke,
sondern der bescheidene Berufstätige und Familienmann.
SA-Männer treiben jetzt vor
allem Sport, messen sich bei den deutschen Gepäckmarschmeisterschaften,
um sich auf einen zukünftigen Kriegsdienst vorzubereiten.
Sie marschieren brav bei NS-Feiern auf und helfen beim Katastrophenschutz,
werden sich allerdings später bei Pogromen erneut als üble Schläger und Mörder hervortun.
Doch die SA ist kein Machtblock mit eigener politischer Ausrichtung mehr,
sondern nur noch ein großer Wehrsportverein,
eine reine Hilfstruppe des nationalsozialistischen Staates.
Gewonnen aber hat die SS, genau wie von Himmler und Heidrich erhofft.
Drei Wochen nach dem Massaker erklärt Hitler die Schutzstaffel zur eigenständigen
Organisation innerhalb der NSDAP, frei von jeder Bevormundung durch die SA-Führung
und nur ihm selbst rechenschaftspflichtig.
Hitler setzt nicht mehr auf eine undisziplinierte Riesentruppe,
sondern auf eine kleinere elitäre Garde.
Immer stärker wird die SS, der schon bald der gesamte Polizeiapparat untersteht,
von nun an die Gewalt- und Verbrechensherrschaft des Nationalsozialismus prägen.
Und auch die Reichswehr, deren Offiziere am 30. Juni in ihren Casinos die Aktion
gegen die SA mit Sekt gefeiert haben, wird jetzt vollends zur Stütze des Regimes.
Ihre Führung schmiegt sich geradezu an Hitler an.
Ergeben lobt Reichswehrminister General Blomberg den Kanzler in der Kabinettssitzung am 3.
Juli als Staatsmann und Soldat von einer Größe, die bei allen das Gelöbnis für
Leistung, Hingabe und Treue wachgerufen habe.
Vor allem unterstützt die Armeeführung Hitler, als er kurz darauf ansetzt,
den Oberbefehl über die Streitkräfte zu erlangen.
Am 2. August 1934 stirbt Paul von Hindenburg.
Bereits einen Tag zuvor hat sich Hitler per Gesetz vom Kabinett zusichern lassen,
dass mit dessen Ableben die Ämter des Reichspräsidenten und Reichskanzlers auf
seine Person vereinigt werden.
Den Titel Reichspräsident nimmt Hitler allerdings nicht an.
Der sei unzertrennlich verbunden mit dem Namen des großen Toten, schreibt er.
Stattdessen macht er die zuvor ausschließlich auf sein Parteiamt bezogene Bezeichnung
Führer nun zum Teil seiner staatlichen Titulatur.
Damit ist er nicht nur Parteiführer, Regierungschef und Staatsoberhaupt,
sondern auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte.
Die Militärs bestärken ebenfalls den neuen Bund.
Auf Initiative des Reichswehrministeriums geloben alle Soldaten noch am 2.
August dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler absoluten Gehorsam.
Zwar sind einige Offiziere skeptisch, offene Aufledung aber bleibt aus.
Am 19. August gibt es eine Volksabstimmung über das Gesetz, das Hitlers neue
Position festschreibt.
Trotz Manipulation und politischen Drucks beträgt die Zahl der Ja-Voten auf
die Frage »Stimmst du, deutscher Mann und du,
deutsche Frau, der in diesem Gesetz getroffenen Regelung zu?« »Nur 89,9 Prozent.«
»Zur Enttäuschung der NS-Spitze.« Dennoch ist das Plebiszit ein Zeichen für die große Zustimmung,
die die deutschen Hitler entgegenbringen.
Wenige Wochen nach dem Massaker vom 30. Juni herrscht Adolf Hitler so unumschränkt wie nie zuvor.
Er ist in einer Weise unangreifbar, die nur Monate zuvor, inmitten der Krise, kaum denkbar schien,
von der Reichswehr gestützt und von der Bevölkerung verehrt,
In seiner Hand das stets schlagkräftiger werdende Terrorinstrument der SS,
rechtlich ausgestattet mit absoluter Macht, gebietet Hitler nun über den totalen Staat.
Allein das demokratische Ausland zeigt Erschrecken über die Ereignisse in Deutschland,
über den Ausbruch staatlicher Gewalt.
Und dennoch, die internationalen Beobachter unterschätzen das Regime.
Sie halten das Vorgehen gegen die SA eher für eine Art Bandenkrieg,
wie ihn der Gangster Al Capone in den 1920er Jahren entfesselt hat.
Ein Ereignis ohne allzu große politische Tragweite. Oder glauben,
wie die US-Zeitschrift The Nation irrigerweise, diese Orgie des Blutvergießens
markiere den Anfang vom Ende Hitlers.
Die für die Zukunft so verhängnisvolle Lehre aus jenen Tagen im Sommer 1934
scheint außerhalb Deutschlands niemand zu ziehen.
Dass Hitler und seine Paladine bereit sind, für den Erhalt und die Mehrung ihrer
Macht bis zum Äußersten zu gehen.
Ja, so sind am Ende alle Institutionen des Landes also auf Linie gebracht.
Und die Mordaktion vom Sommer 1934, die hat nochmal gezeigt,
mit welcher Skrupellosigkeit Hitler und das Regime vorzugehen bereit sind.
Ja, und mit tödlicher Konsequenz im Zweifel nicht nur gegen die ohnehin verachteten,
erklärten Feinde der Bewegung, sondern auch gegen Widerspenstige im eigenen Lager.
Sie gehen über Leichen und das in alle Richtungen.
Ein düsteres Bild. Aber es gibt
meiner Meinung nach auch noch eine zweite Lehre aus dem eben Gehörten.
Denn die Tatsache, dass das Regime davor im ersten Halbjahr 1934 spürbar in
eine existenzielle Krise rutscht, ist auch bemerkenswert.
Das ist schon eine Zeit, in der einiges auf der Kippe steht.
Das ist im Nachhinein natürlich überhaupt nicht tröstlich.
Sollte und könnte uns aber dafür sensibilisieren, dass im historischen Ablauf
nichts völlig unausweichlich ist.
Manchmal sind die Chancen für einen anderen Verlauf auch größer, als man denkt.
Was immer das an Hoffnung oder Motivation, aktiv zu werden, auch auslösen kann.
Ja, okay, nehmen wir mit. Danke, Jens Rainer, dass du da warst.
Davor habt ihr Peter Kämpfe mit einer Geschichte aus der Geo-Epoche,
Ausgabe Deutschland unter dem Hakenkreuz Teil 1 gehört.
Wenn ihr das Ganze nachlesen möchtet oder gleich den ganzen Zweiteiler von Geoepoche
über die NS-Zeit, den findet ihr wie alle unsere Ausgaben und Artikel in digitaler
Form auf Geoepoche Plus.
Da gibt es auch Verbrechen der Vergangenheit wie bei RTL Plus immer zwei Wochen
früher als anderswo zu hören.
Unsere Paid-Podcast-Serien Deutschland 1945 und German gegen Rom sind dort inklusive natürlich.
In den Shownotes ist der Weg zu einem Testangebot für Geoepoche Plus verlinkt.
Ansonsten freuen wir uns wie immer, wenn ihr uns an verbrechendervergangenheit.geo.de
per Mail Feedback oder auch eure Fragen schickt.
Wenn ihr Geo-Epoche auf Instagram folgt und wenn ihr uns in euren Podcast-Apps
freundlich bewertet und Verbrechen der Vergangenheit abonniert,
das würde uns sehr helfen.
In zwei Wochen hört ihr dann wieder von uns. Macht's gut bis dahin. Tschüss. Tschüss.