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Massenmord mit Ansage: Hitler und sein Buch "Mein Kampf"

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In der ersten Hälfte der 1930er Jahre gelangt in Berlin der radikalste Faschismus der Geschichte an die Macht. Die Nationalsozialisten errichten eine mörderische Diktatur, überziehen Europa mit Krieg, Terror, Genozid, reißen schließlich auch Deutschland in den Abgrund. Derweil ist ihr ideologisches Programm aus Gewalt, Rassenhass und Eroberungswillen von Anfang an bekannt: NS-Chef Adolf Hitler hat es in seinem Buch "Mein Kampf" ausführlich dargelegt.


Host und Redaktion: Insa Bethke (GEOEPOCHE)

Gast: Jens-Rainer Berg (GEOEPOCHE)

Sprecher: Peter Kaempfe

Produktion: Andolin Sonnen (RTL+)

 

 

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MEHR GEOEPOCHE ZUM HÖREN …

In der ersten Hälfte der 1930er Jahre gelangt in Berlin der radikalste Faschismus

der Geschichte an die Macht.

Die Nationalsozialisten errichten eine mörderische Diktatur,

überziehen Europa mit Krieg, Terror, Genozid, reißen schließlich auch Deutschland in den Abgrund.

Derweil ist ihr ideologisches Programm

aus Gewalt, Rassenhass und Eroberungswillen von Anfang an bekannt.

NS-Chef Adolf Hitler hat es in einem Buch ausführlich dargelegt. Dargelegt.

Verbrechen der Vergangenheit. Ein Crime-Podcast von Geo Epoche und RTL Plus.

Hallo, herzlich willkommen. Es geht weiter mit Verbrechen der Vergangenheit.

Unsere Sommerpause 2026 ist Geschichte und wir starten in Richtung Herbst ja

schon mit einem düsteren, aber sehr relevanten Thema. Es geht dieses Mal um den Faschismus.

Das ist ein Begriff, den vermutlich jede und jeder irgendwie kennt.

Aber was genau sich dahinter verbirgt, was Faschismus oder besser der Faschismus

eigentlich ist oder war, Das ist vielleicht gar nicht jedem so geläufig und

bewusst. Und das wollen wir ändern in dieser Folge, mit dieser Folge.

Wir werden das einmal gleich kompakt aufdröseln, was sich hinter dem Begriff

Faschismus verbirgt. Da könnt ihr dann hoffentlich was mitnehmen.

Und wer so richtig tief in das Thema eintauchen will, die neue Ausgabe von GeoEpoche,

die jetzt also gerade im Handel ist, die dreht sich komplett um die Geschichte des Faschismus.

Und dann ist es ein passender Zufall, dass wir zu einer unserer letzten Folgen,

die über den sogenannten Römenputsch von einem Hörer eine Mail bekommen haben

mit der Frage, die thematisch sehr gut jetzt in diese Folge passt.

Und zwar haben wir in der Folge über den Römenputsch kurz die Frage aufgeworfen,

warum eigentlich ausgerechnet Braun zur Farbe der Nationalsozialisten wurde.

Wir haben dann keine Antwort drauf gegeben, war vielleicht nicht so klug,

aber das holen wir jetzt am Ende dieser Folge nach, versprochen.

Und wir, das ist mein Kollege Jens Rainer Berg, der mir gegenüber sitzt,

er hat die Produktion der neuen Ausgabe der Faschismus geleitet und ist da ziemlich

tief ins Thema eingestiegen.

Ich bin Insa Bethke und ja, wir freuen uns, dass ihr zuhört. Ja, hallo auch von mir.

Also Jens Rainer, wir befassen uns heute mit dem Faschismus,

in dem natürlich sehr viel Verbrechen steckt, aber es geht auch,

zunächst mal ganz unscheinbar, um ein Buch.

Ja, aber nicht um irgendein Buch, sondern um eines der meistgedruckten Werke

in deutscher Sprache und um ein Buch aus dem historischen Giftschrank und da

nochmal aus dem Hochsicherheitsfach.

Ja, es geht um meinen Kampf von Adolf Hitler. Das ist eine Mischung aus Autobiografie,

aus Programm, aus Parteigeschichte.

Vor allem ist es aber eine Hetzschrift sondergleichend. Definitiv.

Früher im Nationalsozialismus stand es in einer großen Zahl von deutschen Haushalten.

Und wurde auch mehr gelesen, als die meisten Menschen danach zugegeben haben.

Das haben Studien später gezeigt.

Dann nach 1945 war das lange nicht auf Deutsch als normale Erscheinung erhältlich,

wegen der Gefahr der Volksverhetzung und auch aus Urheberrechtsgründen.

Und auch jetzt wird meist noch geprüft, in welchem Rahmen und mit welcher Intention

der Text veröffentlicht wird.

Antiquarisch war das Buch immer zu bekommen. Das wissen vielleicht auch nicht

alle. Also grundsätzlich war das Buch legal als historisches Werk und Dokument.

Und die Urheberrechtsproblematik ist ein bisschen kurios. Die Urheberrechte

für meinen Kampf gingen nämlich nach dem Krieg auf den Freistaat Bayern über,

weil Hitler da als letztes gemeldet war.

Und es gibt die Regelung nach europäischem Recht, dass 70 Jahre nach dem Tod

eines Erschaffers eines Werkes die Urheberrechte automatisch erlöschen.

Und das wurde bei Hitler auch ganz formal korrekt durchgezogen,

pünktlich 70 Jahre nach seinem Tod, nach seinem Selbstmord im April 1945,

also mit Ablauf des Jahres 2015, war Schluss mit den Rechten.

Und dann gab es gleich Anfang 2016, weil das dann möglich war, eine große,

lange vorbereitete, historisch kritische und intensiv kommentierte Ausgabe vom

Münchner Institut für Zeitgeschichte mit Achtung, 3500 Anmerkungen.

Ja, und ganz wichtig, wenn man sich das Buch antun will, also Mein Kampf antun

will, dann sollte man wirklich auf jeden Fall zu dieser Ausgabe,

dieser kommentierten Ausgabe greifen. Auf jeden Fall.

In der Geschichte, die wir gleich hören, da betrachtet unser Autor Matthias

Mesenhöller nicht nur das Werk, also Mein Kampf, sondern er setzt es ins Verhältnis

zu dem, was darauf historisch schmerzhaft real folgte.

Also zu der Geschichte, zum Drama, zu den Abgründnissen Nationalsozialismus.

Ja, selbst wenn es klar ist, dass ein Buch und ein Programm sich nicht automatisch

und logischerweise auch,

nie eins zu eins in Realgeschichte übersetzt, ist klar, dass man es als einen

wichtigen Quellentext der nationalsozialistischen Ideologie und Weltanschauung

auch zur Entstehung des Nationalsozialismus lesen kann.

Aber man kann die Bezüge auch noch weiter fassen, es nämlich als einen Schlüsseltext

des Faschismus bezeichnen.

Und damit wären wir ja beim Rahmen unseres Gesprächs hier.

Wir wollen, ich habe es angekündigt, einmal klären, was der Faschismus war.

Das ist ein Wort, das ja gerade jüngst wieder häufiger auch in aktuellen Debatten zu hören ist.

Stimmt, in Bezug auf rechtsautoritäre oder auch rechtspopulistische Tendenzen weltweit.

Etwa in Bezug auf Trump, seinen Staatsumbau, das Regieren per Dekret,

das man jetzt so mitkriegt, das Ignorieren demokratischer Regeln,

und Gepflogenheiten oder auch die Gewaltaktionen der Eisbeamten,

das wird kommentiert und dabei häufiger die Frage gestellt, ist das Faschismus?

Und Trump selbst nimmt die Begrifflichkeit mit umgekehrten Vorzeichen auch auf,

wenn er etwa gegen die Antifa als Feindbild wettert, also gegen die antifaschistische Linke.

Ja, die Frage ist tatsächlich ja immer schnell da, steht im Raum.

Also ob das, was in den USA passiert, Faschismus ist, habe ich auch persönlich

schon häufiger so erlebt.

Darauf gibt es aber keine kurze Antwort, muss man sagen. Das ist auch definitiv

keine einfache Antwort. Keine einfache Antwort. Dazu muss man erstmal definieren,

was Faschismus ist, was er war.

Und da gibt es verschiedene Ansätze. Und wenn man den historischen Faschismus

als Vergleich heranzieht, dann muss man sagen, Geschichte wiederholt sich nicht.

Dafür ist dann der jeweilige Kontext und die Zeitbezogenheit viel zu entscheidend.

Aber die Betrachtung der Vergangenheit kann schon,

diverse Merkmale identifizieren, die den Faschismus damals ausgemacht haben

und die nach Ansicht von Forschenden Faschismus auch in einer allgemeinen Weise

ausmachen oder ausmachen können.

Und diese Elemente muss man genau im Blick haben. Von denen kann man viele wiederum

heutzutage erkennen und die Lehre ist dann sehr, sehr wachsam sein,

wie sich die Lage entwickelt.

Ja, wir schauen jetzt erstmal nach hinten, würde ich sagen, zu den Anfängen.

Was genau also ist der historische Faschismus? Wann beginnt er?

Ja, kurz und trocken gesagt, Faschismus ist eine radikale, ultranationalistische,

gewaltbereite, antidemokratische politische Massenbewegung, die im frühen 20. Jahrhundert entsteht.

Als Strömung an vielen Orten in Europa, aber verdichtet zur politischen Kraft

als erstes in Italien unter Benito Mussolini 1922.

Das ist der Beginn der Urfaschismus sozusagen, der auch weiter prägt.

Ja, und da sprechen wir über eine insgesamt dramatische Zeit.

Sich das bewusst zu machen, ist wichtig, um die Genese des Faschismus zu verstehen.

Die Jahre um die Jahrhundertwende, um 1900 und die Jahrzehnte danach,

die sind wirklich richtig wild.

Stichwort Industrialisierung. Ja, die Industrialisierung macht nochmal einen

richtigen Schub in der Zeit.

Massenproduktion, immer neue Waren, die Städte explodieren, werden also immer

größer, die Bevölkerungszahlen nebenzu, dazu bahnbrechende technische Innovationen,

rasante Elektrifizierung, Telefon, Telegraf, neue Medien wie Rundfunk und Kino,

Auto und Flugzeug, dann Entdeckungen wie Röntgenstrahlen, Radioaktivität,

Quantenphysik, Relativitätstheorie.

Ja, das heißt, für die Menschen wandelt sich die Welt rasant.

Das ist für viele dann auch schlicht eine Überforderung. Ja,

das sind alles Umwälzungen, die die Menschen überwältigen.

Und dazu kommen eben auch noch politische Umbrüche. Der Erste Weltkrieg,

ein, wie man heute sagen würde, vielleicht disruptives Drama ganz eigener Güte.

Bringt Gewalt, bringt Unordnung und bringt auch Umordnung, also eine Neuordnung politischer Art.

Danach entstehen neue Staaten, vielfach instabil, schwach, zumindest ungewohnt

für die Menschen, schlecht oder auch unzureichend legitimiert.

Und dann sind nach dem Ersten Weltkrieg auch die ökonomischen Verhältnisse schwierig.

Das ist eine weitere wichtige Dramazutat. Genau, ökonomische Probleme nach dem

Krieg unmittelbar und ganz heftig dann etwas später die allgemein bekannte Weltwirtschaftskrise

Ende der 20er, Anfang der 30er.

Ja und dann kommen da jetzt Leute, die versprechen den Menschen das Heil in

Form einer neuen nationalen Größe und in harter Führung.

So ähnlich, Mussolini scharrt Ex-Weltkriegssoldaten um sich,

gewaltbereit, frustriert, die sich in Kampfgruppen zusammenschließen,

den Fasci Italiani di Combattimento.

Ja, jetzt also aufgepasst, wir haben das entscheidende Wort da jetzt gerade

gehört, daher rührt der Begriff Faschismus.

Exakt, der leitet sich ab von dem italienischen Wort Fascio,

für Bund oder Verbund, das wiederum ursprünglich einfach Bündel bedeutet hat,

oder auch dann noch bedeutet.

Aber mehr bedeutet der Faschismus dann wörtlich auch erstmal nicht,

also Bündlertum von Bund.

Und diese Bünde, geleitet von dem Ex-Sozialisten Benito Mussolini,

kämpfen gegen das bestehende System, die mehr schlecht als recht funktionierende

italienische Demokratie der Zeit.

Und sie prügeln sich mit den Linken. Du hast es gerade erwähnt,

Mussolini, der war ursprünglich Sozialist.

Und Faschisten, die würden wir ja eigentlich eher rechts einsortieren oder nicht nur eigentlich.

Wie kann das sein? Wie passt das zusammen? Das liegt einmal an Mussolinis Disposition,

würde ich das mal nennen, seinem persönlichen Macht- und Aktionsopportunismus.

Kann man vielleicht sagen, er will einfach Einfluss, er will Macht.

Und er will auch den politischen Kampf, da ist mitunter sekundär wie.

Aber die Linken und die Rechten sind damals schon vereint in der Ablehnung des

liberalen Systems und sie berufen sich in Teilen auf ähnliche radikale Politdenker

der Jahrhundertwende, wie zum Beispiel den Franzosen Georges Sorel,

der gewaltsame Umstürze propagiert.

Aber die Sozialisten und die Faschisten sind eben bald auch Erzfeinde.

Dazu muss man sagen, dass die radikale Linke in Italien nach dem Ersten Weltkrieg

stark ist und das Land mit Streiks und Revolutionsrhetorik regelrecht auffühlt.

Und viele aus dem Establishment ziehen nun allmählich eine Allianz mit den aufkommenden

rechten Schlägertrupps der Faschisten vor und machen sie so immer größer und immer beliebter.

Und im Jahr 1922, da wird Mussolini dann tatsächlich Ministerpräsident von Italien.

Ja, durch einen angedrohten Putsch, aber auch indem ihm die traditionellen Eliten

die Macht im Prinzip übergeben.

Und im Amt beginnt er im Grunde sofort, seine Diktatur aufzubauen.

Das dauert trotzdem eine ganze Weile, fast ein Jahrzehnt.

Mit Verträgen, die er 1929 erst mit dem Papst schließt, die eine lange Rivalität

zwischen Vatikan und italienischem Staat beilegen, ist die Errichtung von Mussolinis

Herrschaft abgeschlossen.

So wird das allgemein definiert. Ja, und damit ist also das erste faschistische Regime in der Welt.

Und es bleibt nicht dabei, der Faschismus, der wird jetzt quasi so ein politischer

Trend. Es zeigen sich schon sehr bald in zahlreichen Ländern,

in denen vergleichbare Bedingungen herrschen, ähnliche Bewegungen, stimmt.

Und die sich auch ausdrücklich an Mussolini orientieren, etwa in Österreich,

Großbritannien, auch in Frankreich.

Und es schält sich allmählich so eine Art faschistischer Werkzeugkasten heraus,

eine Sammlung von Merkmalen.

Ja, vielleicht können wir mal einmal in diese Kiste reinschauen.

Was macht die neue Herrschaftsform, also was macht ein faschistisches Regime

aus? Also im Kern erschafft der Faschismus einen autoritären Einparteienstaat.

Mussolini lässt alle oppositionellen Parteien verbieten, die Gewerkschaften

auflösen, die Vereinigungsfreiheit aufheben, also die Möglichkeit Interessengruppen

jeglicher Art zu bilden.

Die Pressefreiheit wird natürlich auch abgeschafft. Sondergerichte verurteilen

Regimegegner in Schnellverfahren.

Eine Geheimpolizei macht Jagd auf Dissidenten. Also Demokratie und Rechtsstaat,

die werden zertrümmert. Die werden zertrümmert. Das Parlament ist im Prinzip

nur noch pro forma existent. Stattdessen wird der sogenannte Großrat des Faschismus geschaffen.

Ein bewusst mystisch gehaltenes Gremium, das meist erst abends ab 22 Uhr bei

Kerzenschein bis in den frühen Morgentag und im Prinzip eine Sendestation von Mussolinis Willen ist.

Was man von Mussolini kennt, das sind ja auch dann die großen propagandistischen Inszenierungen.

Ja genau, Propaganda als Element der Herrschaft ist sehr wichtig und auch ein

Vorbild für spätere Nachahmer.

Mussolini reist durchs Land, hält auf gewaltig inszenierten Veranstaltungen

permanent Reden, nutzt die neuen technischen Möglichkeiten der Massenmedien, den Rundfunk,

der seine Reden überall hinträgt, in die Wohnzimmer, Cafés, Büros.

Sein Bild ist auch allgegenwärtig.

In den Wochen schauen, auf Postkarten, Briefmarken, Münzen, Stempeln,

was weiß ich. Er taucht da immer auf als bulliger Kraftmensch,

als Mann der Tat, der aber auch ganz nahbar ist.

Diese ganze Propaganda, du hast es gesagt, die soll natürlich seine Herrschaft

stützen, Aber nicht nur das, die ist ja auch Teil der Strategie als Bewegung,

möglichst nicht nur den Staat, sondern auch die gesamte Gesellschaft vollständig zu durchdringen.

Also jeden einzelnen Menschen im Land, jede einzelne zu erreichen im Alltag.

Und das von der Geburt bis zum Tod im Grunde. Richtig, im Prinzip von der Wiege

bis zur Bahre. Es gibt dutzende Organisationen für Jugendliche.

Für Freizeitaktivitäten, für Wohlfahrt.

Und es gibt auch die Überwachung. Der faschistische Staat ist ein Polizeistaat.

Die Aufgabe des Bürgers und der Bürgerin, muss man ergänzen,

ist nach dem damals so wortwörtlich formulierten Motto der Faschisten,

Glauben, Gehorchen, Kämpfen.

Wenn wir da einmal ans Glauben anknüpfen, was sind die ideologischen Merkmale

des Faschismus? Also wie sahen die Versprechen aus?

Einiges hast du ja eben schon angedeutet, aber vielleicht können wir das hier

nochmal auf den Punkt bringen. Ja, vorhin habe ich den extrem aggressiven Nationalismus

schon angesprochen. Die Wiedergeburt, den Glanz und die Größe des heiligen Vaterlands

anzustreben, koste es, was es wolle.

Ein wichtiges Element. Ansonsten definiert sich das Gedankengut im Wesentlichen

über Abneigung, simpel gesagt Hass.

Vor allem gegen die, Zitat, Bestie Bolschewismus.

Die Faschisten hassen besonders den internationalistischen Ansatz der Sozialisten

und Kommunisten, die Vorstellung, dass Klassenzugehörigkeit irgendwie wichtiger

und verbindender sein könnte als die Zugehörigkeit zur ihnen heiligen Nationen.

Und zusätzlich hat der Faschismus diverse weitere Antihaltungen gegen den Liberalismus,

gegen den Parlamentarismus, also Demokratie, Republik etc., auch gegen den Konservatismus,

auch gegen den Kapitalismus in seiner ungezügelten Form.

Ein Historiker hat diese Gedankenwelt mal Allfeindschaft genannt.

Und das Schlimme ist, dass sich diese Feindschaft dann in der Wirklichkeit der

faschistischen Regime ja ganz konkret gegen Menschen richtet.

Das heißt, Faschismus funktioniert über Ausgrenzung, Abwertung,

Entwertung und es trifft ganz viele Menschen ganz persönlich.

Ja, schon in Italien werden vermeintliche Außenseiter, in Anführungsstrichen

Geisteskranke, asoziale Landstreiche, eingeschüchtert, überwacht, gedemütigt.

Genauso Kommunisten, Homosexuelle, Sinti und Roma oder Zeugen Jehovas.

In den 1930er Jahren nimmt auch die antisemitische Agitation in Italien zu.

Und das muss man wissen, der Kern der Feindeslogik ist im Faschismus fast immer rassistisch.

Das heißt, als biologisch minderwertig gebrannt markte Menschengruppen sollen

schonungslos ausgegrenzt werden für das vermeintliche Gedeihen von Volk oder Nation.

In Deutschland sind das vor allem Jüdinnen und Juden. Damit kommen wir vielleicht

jetzt wieder zum NS-Regime, um das es ja in der Geschichte dieser Folge gleich gehen wird.

Der Nationalsozialismus, der gilt als eine Variante des Faschismus,

wie auch in den 1930er und 40er Jahren Regime in Ungarn, Kroatien,

Japan eben als Spielarten des Faschismus galten.

Ja, es gibt zum Beispiel sehr viele Ähnlichkeiten zwischen dem italienischen

Urmodell und Deutschland.

Adolf Hitler und die NSDAP orientieren sich aktiv an Mussolini,

der als europäischer Diktator und auch radikaler Neuerer damals eine Art Berühmtheit

war, das muss man schon so sagen. Es gab zwar auch immer eine Rivalität.

Zwischen Hitler und Mussolini und der harte Nationalismus im Faschismus spielte

natürlich politisch immer gegen internationale Allianzen.

Aber Hitler hat etwa viel von der Propaganda und auch von der Selbstdarstellungsstrategie

von Mussolini übernommen.

Und später gab es auch das militärische Bündnis, dann aber unter deutscher Dominanz.

Man muss aber den deutschen Nationalsozialismus trotzdem in der Beurteilung

ein bisschen isolieren.

Denn das NS-Regime, das treibt die faschistischen Prinzipien und auch die tatsächliche

Gewaltpolitik, die daraus fällt, ja wirklich in ein absolutes Extrem.

Genau, das führt über die ohnehin drastischen Maße und Maßstäbe hinaus.

Die deutschen Faschisten ziehen nicht nur in einen brutalen Vernichtungskrieg,

sondern begehen einen unfassbaren Völkermord an Jüdinnen und Juden,

an Sinti und Roma sowie an weiteren Gruppen.

Millionen Menschen fallen dem zum Opfer. Aber das ist eine einmalige Eskalation

und ein Phänomen eigener Art.

Und das hat dann auch Historikerinnen und Historiker dazu veranlasst,

zu bezweifeln, dass man das überhaupt Faschismus nennen kann.

Mitunter ja. Es gibt den allgemeinen Faschismusbegriff, den die Wissenschaft

formuliert hat und den ich vorhin schon angedeutet habe.

Demnach kann Faschismus definiert nach bestimmten Merkmalen theoretisch überall

und seit den Anfängen im frühen 20.

Jahrhundert zu jeder Zeit auftauchen. und folgt man dieser Definition.

Mit der man unterschiedliche Phänomene vergleichen will, ist der Nationalsozialismus

eben nur eine Variante des Faschismus.

Und die ernstzunehmende Kritik daran war, dass diese Einsortierung den Nationalsozialismus,

besonders den Holocaust, verharmlosen würde.

Also Quintessenz kein deutscher Faschismus. Doch, denn mittlerweile sind sich

die Forschenden wiederum grundsätzlich einig, dass der allgemeine Faschismusbegriff

reflektiert angewandt die NS-Verbrechen nicht relativiert.

Und zur Präzisierung spricht man in Bezug auf Deutschland dann oft von Radikal-Faschismus.

Also das heißt, die Nationalsozialisten waren die Radikalen der Radikalen,

kann man vielleicht so sagen. Kann man so sagen, denn Nationalsozialismus war

in vielerlei Hinsicht trauriger Rekord.

In seinem Antisemitismus, in der Durchdringung der Diktatur von Staat und Gesellschaft,

in der Verdrängung der alten Eliten, in der Tödlichkeit.

Die Deutschen haben maßgeblich dazu beigetragen, dass man den Faschismus als

wohl tödlichste Ideologie der Geschichte bezeichnen kann.

Und meist analysiert man die Mordpolitik des NS-Regimes dann auch nochmal als eigenes Phänomen.

Um diese Mordpolitik geht es ja auch in der Geschichte dieser Folge und wie

sie bereits in ihren Grundprinzipien in dem Machwerk angelegt ist,

das Hitler 1925, 1926 in zwei Bänden veröffentlicht hat, Mein Kampf.

Dazu kommen wir jetzt, ein Buch, das ja auch nach 1945 durchaus in einigen Kellern

Deutschlands oder auf Dachböden die Zeiten überdauert hat. Davon hört man immer

wieder mal, dass bei irgendeiner Oma oder irgendeinem Opa da noch irgendwo noch

ein Exemplar von Mein Kampf rumsteht.

Der erklärten Bibel des Nationalsozialismus, die letztlich so eine Art düsteres

Kernstück in der Kiste der NS-Devotionalien bildet, kann man vielleicht sagen.

Übrigens sehr merkwürdig, dieses Aufbewahren alter faschistischer Gegenstände, finde ich.

Stimmt, der Grusel der Vergangenheit in NS-Abzeichen, Uniformen,

Teilen aus dem Krieg, Flaggen und eben auch Büchern.

Für manche sind das ja durchaus Erinnerungsstücke an eine Zeit,

mit der sie weltanschaulich sympathisieren.

Du spielst jetzt auf Alt- und Neonazis an, aber ich glaube, es gibt auch Interesse

an solchen Gegenständen bei

Leuten, die auch nur in die Nähe von faschistischem Gedankengut kommen.

Die haben dann eine Hakenkreuzfahne von den Eltern im Schuppen und werfen die

nicht weg, weil sie sie irgendwie bedeutend finden, so als Zeitzeugnis allgemeiner Art.

Der an sich kann man aber ja eigentlich nur sein, wenn es wirklich der historischen

Erkenntnis sozusagen dient, wenn man da auch das Bewusstsein dafür hat und das

wage ich doch ein wenig zu bezweifeln.

Ja, es geht vermutlich nicht um Erkenntnis, geschweige denn um Analyse,

sondern das ist, wie ich schon sagte, eher so ein diffuser Gruselreiz.

Und dass man Vergangenen irgendeine automatische mystische Bedeutung zuschreibt.

Im Falle der NS-Gegenstände hat das natürlich auch mit den Tabuisierungen zu tun.

Nämlich an diesen teils verboten oder zumindest hoch verpönt.

Und das macht sie dann auch attraktiv. Ja, und diese Mischung aus Geheimnis

einerseits und Bedeutsamkeit des Ganzen andererseits scheint ja auch das aktuelle

Interesse an der NS-DAP-Mitgliederkartei mit zu befeuern.

Da geht es ja um beides. Das ist einmal Bewältigung von Familiengeschichte,

auch von tabuisierter Familiengeschichte, aber dabei ist sicher auch eine gewisse Sensationslust.

Ich finde, man muss sagen, Interesse an dieser Zeit ist natürlich grundsätzlich

gut, aber man sollte sich schon immer den historischen Gesamtkontext vergegenwärtigen.

Es braucht vielleicht keine tiefe Analyse, aber zumindest den kritischen Blick,

nicht bloße Begeisterung für alte Dinge und Details.

Denn das sind einfach keine unschuldigen Gegenstände, sondern sie waren Teil

und zuweilen auch treibende Bestandteile, etwa bei Propagandaartikeln einer

historischen Entwicklung, die einfach abgründig, brutal und tödlich waren.

Darüber haben wir jetzt gesprochen und deren Wiederkehr und sei es auch noch

so modifiziert und zeitgebunden und verändert, ist natürlich,

um alles zu verhindern gilt.

Ja, und damit kommen wir jetzt zu unserer Geschichte, in der es ja zu den Ursprüngen

des Nationalsozialismus zurückgeht und die eine zentrale Frage aufwirft.

Was hätte man wissen können, wenn man in den 1920er Jahren Hitlers Mein Kampf gelesen hat?

Eine ganze Menge, würde ich sagen. Ja und was das ist, das hören wir jetzt.

Danke Jens Rainer bis hierher. Wir blicken jetzt in die geistige Welt von Adolf

Hitler in seinem Buch Mein Kampf.

Massenmord mit Ansage. Eine historische Reportage von Matthias Mesenhöller. Es liest Peter Kämpfe.

Am 30. April 1945, gegen 15.30 Uhr, schließt Adolf Hitler die Tür zu seinem

Arbeitszimmer im Bunker unter der Berliner Reichskanzlei hinter sich.

Er setzt sich auf ein kleines Sofa, hebt eine Pistole an seine rechte Schläfe und drückt ab.

Anschließend schaffen Gefolgsleute den Totenkörper ins Freie,

übergießen ihn mit Benzin, verbrennen den Leichnam.

Der Führer des radikalsten Faschismus der Geschichte ist nicht mehr.

So wie in großen Teilen die Stadt um ihn herum. Berlin ist ein zerbombter Schutthaufen,

dem erbitterte Straßenkämpfe in diesen Tagen den Rest geben.

Dutzende weiterer deutscher Städte liegen in Trümmern. Überhalb Europa hinweg

sind Metropolen wie Dörfer verheert, Landstriche verwüstet, ihre Geschichten ausgelöscht.

Mehr als 50 Millionen Menschen sind tot.

Umgekommen auf den Schlachtfeldern oder im Bombenhagel, ermordet in Gefängnissen,

Konzentrations- und Vernichtungslagern, im Ghetto verhungert,

auf der Flucht erfroren, willkürlich totgeschlagen,

aus Verzweiflung von eigener Hand gestorben.

Die Bilanz des Nationalsozialismus ist apokalyptisch, zuvor unvorstellbar.

Weder die Schrecken des Ersten Weltkriegs noch frühere Völkermorde reichen an

den Gewaltexzess heran, den Hitlers Deutschland über Europa und weitere Erdteile gebracht hat.

Zugleich, und das steigert das Grauen, war es eine Apokalypse mit Ansage.

Denn rund 20 Jahre bevor er sich im Bunker tief unter seinem monumentalen Amtssitz

selbst richtet, schreibt Adolf Hitler ein Buch, das die Grundlinien seiner Politik

vorwegnimmt. Mein Kampf.

Darin verwirft er die Demokratie, den Rechtsstaat, die Menschenrechte.

Stattdessen umreißt er eine autoritäre Volksgemeinschaft, die vermeintlich fremde,

abweichende, seelisch oder erblich kranke, verfolgt, Opposition gnadenlos erstickt.

Er fordert die Vernichtung Frankreichs und der Sowjetunion eine massive Vergrößerung

des deutschen Mutterlandes durch gewaltsame Eroberungen in Osteuropa.

Mein Kampf strotzt vor rhetorischer Brutalität, Hass und Häme,

Insbesondere aber zeigt sich Hitler getrieben von einer fiebrigen Obsession

einer wahnhaft den Text durchziehenden Fixierung auf ein überragendes Feindbild, die Juden,

Sie vor allem macht er für Deutschlands angeblichen Niedergang verantwortlich

Ihnen droht er in den wildesten Tönen Vergeltung an.

Davon freilich, dass einer ein fanatisches Buch schreibt, dann die darin niedergelegten

Ideen mit Gerissenheit, Zähigkeit und ohne Skrupel verfolgt,

werden sie noch nicht Wirklichkeit.

Es braucht Voraussetzungen und Zufälle, Bundesgenossen, willige und unfreiwillige Helfer.

Ohne den Zeithintergrund ist nicht zu erklären, welche seine Ideen Hitler realisieren

kann und welche nicht, Wie viel von seiner Politik in seinem Programm wurzelt,

was Umständen und Situationen entspringt.

Wie der Weltkriegsgefreite zum politischen Autor werden kann,

dann zum Reichskanzler, zum Diktator, schließlich zum Kriegsherren und Massenmörder.

Das umso mehr, als in jenem Jahr, in dem Hitler die später so bezeichnete Bibel

des Nationalsozialismus zu schreiben beginnt, 1924, wenig auf eine politische

Zukunft für ihn hindeutet.

Selbst viele Anhänger halten den deutschen Faschismus für einen bereits ausgeträumten

Traum, Gegner ihn für einen vorübergezogenen Albtraum.

Nach einem dilettantischen Putschversuch ist die NSDAP verboten, ihr Anhang zu schlagen.

Hitler selbst sitzt in Festungshaft. Ein gescheiterter Revoluzzer erledigt, so scheint es.

Die Republik, die der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9.

November 1918 in Berlin ausruft und die sich dann in Weimar eine Verfassung

gibt, hat von früh an erbitterte Feinde.

Auf der linken Seite ist vielen die parlamentarische Demokratie nicht revolutionär

genug, kursieren Parolen von Sozialismus und Diktatur des Proletariats.

Auf der rechten geht reaktionären Monarchisten und völkisch-nationalen schon

die neue republikanische Ordnung zu weit.

Bewaffnete Kämpfe flammen auf, ein Bürgerkrieg droht, zumal sich in allen Lagern

an Gewalt gewöhnte Heimkehrer aus dem verlorenen Weltkrieg gegenüberstehen.

Zu ihnen zählt auch der gefreite Adolf Hitler, gebürtiger Österreicher,

gescheiterter Kunstmaler, Träger des Eisernen Kreuzes erster Klasse,

bei einem Gasangriff zeitweilig erblindet.

Im Frühjahr 1919 dient er in einem Münchner revolutionären Soldatenrat,

trägt eine rote Binde am Arm.

Flirtet Hitler wie vergleichbar Benito Mussolini in Italien zunächst mit der extremen Linken?

Wahrscheinlich erscheint, dass er richtungslos und auch opportunistisch durch

die Wirren der Zeit treibt.

Im September desselben Jahres tritt er einer rechtsradikalen Splittergruppe

bei, der Deutschen Arbeiterpartei DAP.

Aus Überzeugung, als Spitzel im Auftrag der Reichswehr oder wiederum aus Opportunismus?

Auch das ist unklar. Sicher ist, dass hier sein größtes Talent Anerkennung findet.

Hitler kann reden. Er vermag Zuhörer mitzureißen.

Ihre Ängste, ihren Zorn und Groll, ihre Sehnsüchte zu erspüren,

aufzugreifen und in aufpeitschende Tiraden zu fassen,

in dramatische, ekstatische Auftritte, die ihn bald zu einer Größe der Münchner rechten Szene machen.

Zwar sind seine Themen im völkischen Lager gängig, Protest gegen den als demütigend

empfundenen Frieden von Versailles, sei radikaler Nationalismus,

Hass auf Linke, liberale Demokraten, den Kapitalismus,

ein boshafter, geifernder Antisemitismus.

Gleichwohl trägt seine Gabe zur Enthemmung ihn an die Spitze der Partei,

deren Name inzwischen Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei NSDAP lautet.

Wenig davon wäre denkbar unter gewöhnlichen Umständen.

Doch nationale Untergangsstimmung nach dem verlorenen Krieg,

ein überhitztes politisches Freund-Feind-Denken, Streiks, Putschversuche,

Straßen, Schlachten halten Deutschland in einem fiebrigen Ausnahmezustand.

München, 8. November 1923. Im Bürgerbeukeller drängen sich 3000 Menschen,

um eine Rede des konservativen bayerischen Landeschefs zu hören.

Da dringen Männer in Stahlhelmen in den Saal, schieben ein schweres Maschinengewehr hinein.

Hitler kommt herein, bahnt sich einen Weg durch die Menge, feuert mit einer

Pistole in die Decke und verkündet die nationale Revolution,

einen Marsch auf Berlin nach dem Vorbild Mussolinis.

Mit einer aufwühlenden Rede bringt der NSDAP-Chef den Saal hinter sich,

dann presst er den anwesenden Vertretern von Staatsführung, Militär und Polizei

die Zusage ab, ihn zu unterstützen.

Tatsächlich steht eine große Zahl bewaffneter Anhänger bereit,

vor allem aus der SA, der Sturmabteilung, der Prügelmiliz der Partei.

NSDAP-Trupps kleben in der Nacht Plakate, die Hitler zum Reichskanzler ausrufen.

Doch der Putsch ist amateurhaft, hat einen Stich ins Theaterhafte.

Niemand in der bayerischen Führung will ernsthaft bei einem solchen Husarenstück mitmachen.

Weder Armee noch Polizei schließen sich an.

Gegen Mittag des folgenden Tages kommt es an der Feldherrenhalle zu einem kurzen

heftigen Schusswechsel mit der Polizei.

Vier Beamte fallen, 14 Aufständische kommen zu Tode, die anderen laufen auseinander.

Auch Hitler selbst flieht, wird jedoch rasch aufgespürt und verhaftet.

Der Putschversuch fällt in die Spätphase der chaotischen Nachkriegszeit.

Ab Ende 1923 gelingt es der jungen Demokratie, die ausufernde Inflation einzuhegen,

die Wirtschaft zu stabilisieren, in die internationale Diplomatie zurückzukehren.

Die Republik fängt sich.

Indes haftet ihr bei vielen Deutschen

weiter das Stigma an, ein Kind von Niederlage und Revolution zu sein.

Zumal in Militär und Beamtenschaft finden sich konservative Demokratieverächter,

die wie zuvor dem Staat dienen, seine neue Form aber ablehnen.

Zu ihnen zählt auch der Richter, der Anfang April 1924 das Urteil über die gescheiterten Aufrührer spricht.

Es fällt denkbar milde aus.

Hitler bekommt fünf Jahre Festungshaft, mit Aussicht auf vorzeitige Entlassung

bei guter Führung, ehrenvoll zu verbüßen in einer Anstalt in Landsberg am Lech.

Der Häftling kann sich in der Anlage weitgehend frei bewegen,

hat eigene Kleidung und Möbel.

Er empfängt hunderte Verehrer, Körbe, Weise, Unterstützerbriefe,

Blumen, Kuchen und Pralinen, Wein, Bücher.

Sein Theater-Coup hat ihn endgültig

zu einer Berühmtheit unter der republikfeindlichen Rechten gemacht.

Nun lässt er sich Schreibmaschine und Papier kommen. Hitler will die erzwungene

Pause vom Agitatorenleben nutzen, um ein Buch zu schreiben, das seine Person

und Gedanken umfassend vorstellt.

Eine Mischung aus Lebensbericht, Parteigeschichte und Programmschrift,

die weniger neue Anhänger gewinnen soll, denn die vorhandene Gefolgschaft ideologisch festigen.

Schon der erste Satz des Textes spielt einen Ton an, der Hitlers Selbstverständnis umreißt.

Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, dass das Schicksal mir zum Geburtsort

gerade Braunau am Inn zuwies.

Alles in diesem Leben ist Vorsehung, höhere Fügung.

Die Geburt in Österreich unweit der deutschen Grenze, dann elende Lehrjahre

in der verachteten Vielvölkermetropole Wien,

Und als Ausweg die Übersiedlung nach München, Bewährung als Freiwilliger im

Weltkrieg und Verzweiflung nach der vermeintlich durch Verrat herbeigeführten Niederlage,

schließlich die angebliche Trotzreaktion

in die Politik zu gehen und der Aufstieg zum Führer der NSDAP.

Der autobiografische Teil von Mein Kampf fügt Wahrheit, Dichtung,

Auslassungen und Verzerrungen zu einem klischee-mäßigen Bildungsroman.

Am Ende erscheint sein gerade einmal 35 Jahre alter Verfasser als eine an Widrigkeiten

gewachsene, geniebegabte Heldengestalt,

berufen, Deutschland zu retten und mit ihm die arische Rasse.

Das ist der Dreh- und Angelpunkt des Werks.

Eine pseudowissenschaftliche Lehre über menschliche Rassen, die angeblich von

höherem oder minderem Wert sind, gegeneinander ums Überleben kämpfen,

Seine Rassentheorie dient Hitler als Schlüssel zu allem.

Klassengegensätze, imperiale Kriege, die von ihm verabscheute zeitgenössische

Kunst und Unterhaltungsindustrie, Mädchenhandel und Prostitution,

hinter jeglichem Geschehen wähnt er den ewigen Konflikt der Rassen.

Insbesondere aber eine jüdische Verschwörung mit dem Ziel, die angeblich überlegenen,

kulturtragenden Aria zu schwächen.

Dabei diene den Juden als ideologische Waffe der Marxismus.

Zugleich schreibt Hitler freilich, die Juden herrschten als Finanzkapitalisten über die Wirtschaft.

Die Presse sei von ihnen unterwandert und streue Lügen.

Mithilfe von Parlamentarismus und Parteienstreit lähmten sie stärkere Nationen.

Das ist in jeder Hinsicht Humbug. Angefangen beim Begriff Rasse.

Doch Hitlers, wie er es nennt, Weltanschauung, führt Vorstellungen und Vorbehalte

zusammen, die weit verbreitet sind.

Er spitzt sie zu und gibt den teils weitschweifigen Ausführungen polemische Würze.

Gedanklich wenig originell spannt er vielfach Halbverstandenes aus einer unsystematischen

Lektüre zusammen, darunter rassistische Modeschriftsteller wie Houston Stuart

Chamberlain, die Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche,

klassische deutsche Historiker wie Leopold von Ranke oder Heinrich von Treitschke,

Bismarcks Memoiren, immer wieder antisemitische Broschüren sowie die verschwörungsmythische

Fälschung »Protokolle der Weisen von Zion«.

So entsteht ein Text voller Floskeln und schiefer Bilder.

Hochtrabender Schwulst wechselt mit nassforschen Gossen-Jargon,

Parlamentswanzen, November-Lumpen, Pack, getragen von Hass ohne Maß.

Dennoch, Getreue wie Josef Goebbels werden das Buch bald bewundern und lieben,

während Gegner Stil und Gehalt verachten.

Den Autor kann solche Kritik kaum beeindrucken. Hitler hat für Humanität,

Ästheten, die sogenannte Intelligenzpresse nur Spott.

In freimütigen Passagen zur Kunst der Propaganda erklärt er,

dass es dieser allein um Wirkung gehe. sie stets auf die feminin-gefühlsgesteuerte

Masse auszurichten sei.

Sie müsse den Gegner dämonisieren, wenige einfache Kernaussagen wiederholen,

der Gestalt Tatsachen nicht darlegen, sondern schaffen.

Und je stärker die Provokation der herrschenden Vertreter von Vernunft und Geschmack

ausfalle und damit deren empörte Reaktionen, desto besser.

Indem der Text diese Techniken offenlegt, macht er seine Leser zugleich zu verführten

und eingeweihten Wissenden.

Und wenn er die Masse wiederholt hochmütig träge, feig und geistlos nennt,

dann zwinkert er seinen Lesern zu, dass sie natürlich nicht gemeint sind,

sondern zu den wachen, wagemutigen Zählen.

Das Spiel ist raffinierter, als es auf den ersten Blick scheint.

Derweil ist es bitter ernst gemeint.

Mein Kampf bietet keine Blaupause für Hitlers späteres Handeln an der Macht.

Dafür ist Geschichte zu unberechenbar, und das weiß er auch.

Taktisch bleibt Hitler zeitlebensflexibel, ein Opportunist.

Aber in Grundzügen legt er alles offen. Ähnlich wie hinsichtlich seiner Propagandamethoden.

Eine paranoide Unduldsamkeit gegenüber Widerspruch und Abweichlern.

Eine geradezu protzig betonte Rücksichtslosigkeit, eine von Schicksalsglauben

und Selbstüberschätzung getragene Bereitschaft zum Wagnis um alles oder nichts,

die Stoßrichtung kommender Verbrechen und Kriege.

Selten hat ein Gewaltherrscher seine Absichten vorab so unmissverständlich zu erkennen gegeben.

Selten aber auch haben Zeitgenossen die Warnung ähnlich leichtfertig ignoriert,

als Nonsens und leeres Politgerede abgetan, die Gefahr unterschätzt.

Am 20. Dezember 1924, nachdem er kaum mehr als ein Fünftel der verhängten Strafe

abgesessen hat, wird Adolf Hitler wegen guter Führung auf Bewährung entlassen.

Ein bitterkalter Tag.

Doch in der vorweihnachtlichen Münchner Wohnung, in der Tierstraße,

warten Freunde mit Blumenkränzen.

Freudig springt sein Schäferhund Wolf den Heimkehrer an.

Die rührselig überlieferte Szene passt zur neuen Taktik.

Streng im Rahmen des Gesetzes, gelobt Hitler, werde er sich von nun an bewegen.

Vermutlich steht dahinter die nüchterne Einsicht, dass seine Anhängerschaft

abgeschmolzen und in rivalisierende Fraktionen zerfallen ist.

Die Republik hingegen Kraft gewinnt, Selbstbewusstsein.

Zugleich sind da noch die rechten Sympathisanten im Beamtenapparat.

Anfang 1925 lassen die Behörden eine Neugründung der nach dem Putschversuch verbotenen NSDAP zu.

Im Sommer des Jahres erscheint der erste Teil von Mein Kampf. Ende 1926 der Zweite.

Eine Kampfansage an die parlamentarische Demokratie. Zunächst ohne Schaden.

Bei der Reichstagswahl 1928 erlangt die NSDAP nur 2,6 Prozent der Stimmen.

Hitlers Bewegung ist nicht mehr als eine Splitterpartei.

Allein der Eindruck von Stabilität trügt.

Zwar erreichen Produktion und Volkseinkommen in den bald golden genannten späten

20er Jahren wieder das Vorkriegsniveau, lindert ein wachsender Sozialstaat manche

verbliebene Not im Alter bei Krankheit und Arbeitslosigkeit.

Als wollten sie ihr Überleben feiern, strömen die Deutschen in die Tanzsäle,

in neue Lichtspielpaläste, Kabarets, die großen Sportarenen.

Auf dem Land besuchen sie das Wanderkino, bestellen aus dem Warenhauskatalog,

hören Radio oder Grammophon.

Die Jungen, zumal die jungen Frauen, zeigen sich selbstbewusster,

selbstbestimmter als ihre Eltern.

Doch eben diese Aufbrüche, das Vergnügen an Konsum und Unterhaltung,

fortdauernde Arbeits- und Verteilungskämpfe, Avantgarde-Kunst und frivole Satire,

Reformpädagogik sexuelle Befreiung.

Neue Frauenbilder verstören nicht nur konservative aus dem Bürgertum,

sondern auch im Kaiserreich geprägte Arbeiter.

Zugleich überdauern politische Gewaltbereitschaft und Klassenhass im Inneren,

bitterer Revanchismus nach außen.

Als im Oktober 1929 in New York die Börse einbricht,

in der Folge Finanzmärkte und Volkswirtschaften weltweit abstürzen,

Firmenpleiten, Massenarbeitslosigkeit und Not kassieren,

da zieht die erneute Krise der Republik rasch den Boden unter den Füßen weg.

Sie eröffnet jenen Parteien, die der Demokratie seit je feindlich gesinnt sind,

sie als das System verunglimpfen, die Chance, Parlament und Regierung zu sabotieren.

Während Konservative und Reaktionäre um Reichspräsident Paul von Hindenburg

auf ein autoritäres Präsidialregime hinarbeiten,

rekrutieren Kommunisten und Nationalsozialisten Kämpfe, Heizen mit blutigen

Straßenschlachten die Bürgerkriegsstimmung an.

Im November 1932 erzielt die NSDAP bei Reichstagswahlen nahezu ein Drittel der

Stimmen, die KPD knapp 17 Prozent.

Eine Koalitionsmehrheit gegen die Extremisten ist rechnerisch unmöglich.

Zögernd stimmt der Reichspräsident zu, den radikalen Volkstribun einzuspannen,

um einem im Kern konservativ-reaktionären Kabinett einen populären Kopf zu geben.

Am 30. Januar 1933 ernennt Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.

Eine katastrophale Entscheidung. Sei es, dass Hindenburg und seine Kamarilla

Hitler wegen dessen theatralischer Radikalität nicht hinreichend ernst nehmen,

oder dass sie ihre eigene Macht und Gerissenheit überschätzen,

sie sind weder vorbereitet auf das, was kommt, noch ihm gewachsen.

Zwar hat auch Hitler keinen ausgefeilten Plan.

Er ergreift eher Gelegenheiten, nimmt dann wieder taktische Umwege,

ergibt sich ein Schritt aus dem anderen und entfaltet zumal die Gewalt,

eine eigene, kaum zu steuernde Dynamik.

Doch insgesamt folgt der Schrecken der nächsten zwölf Jahre dem Programm,

das der Führer der Nationalsozialisten zuvor dargelegt hat.

Dabei eskaliert die Gewaltherrschaft in Etappen, die bestimmten Themen aus Mein Kampf entsprechen.

Aufstieg und Untergang des deutschen Radikal-Faschismus lassen sich entlang

seines Schlüsseltextes abschreiten.

Diktatur.

Damit ist die Bewegung aber antiparlamentarisch. Und selbst ihre Beteiligung

an einer solchen Institution kann nur den Sinn einer Tätigkeit zu deren Zertrümmerung besitzen,

zur Beseitigung einer Einrichtung, in der wir eine der schwersten Verfallserscheinungen

der Menschheit zu erblicken haben.

Adolf Hitler, mein Kampf. So verdruckst der Satzbau so klar die Botschaft.

Die NSDAP will die Macht über das Parlament, um es zu zerstören.

Sie hält sich an die Verfassung, um genau diese Verfassung baldmöglichst pseudolegal

über den Haufen zu werfen.

Und sie betrachtet ihren einmal ins Amt gebrachten Machthaber als im Weiteren unumschränkt.

Indes meidet mein Kampf den Begriff Diktatur. Lieber spricht Hitler vom Führerprinzip.

Statt bei Gremien, die per Abstimmung Beschlüsse fassen, soll die Entscheidungsgewalt

bei von oben ernannten Einzelpersonen liegen, die gegenüber ihren Untergebenen

absolute Autorität genießen.

Dafür wiederum dem eigenen Vorgesetzten unbedingten Gehorsam schulden.

Gewählte Institutionen und der demokratische Rechtsstaat sollen so abgelöst

werden durch eine Pyramide von Führern,

an deren Spitze schließlich der Führer steht, der natürlich niemand anderer

als Hitler selbst sein kann.

Dessen konservativen Steigbügelhaltern gehen solche Ideen zu weit,

würden sie damit doch selbst an den Rand gedrängt.

Derweil meinen sie den NSDAP-Chef einrahmen, ihn beherrschen zu können und werden

kalt erwischt von der Wucht, mit der die Nationalsozialisten daran gehen,

sich den Staat anzueignen.

Die Gelegenheit dazu verschafft diesen ein niederländischer Linksextremist,

der ein revolutionäres Fanal setzen will.

Am Abend des 27. Februar 1933 dringt Marinus von der Lubbe in das Reichstagsgebäude

ein, legt Brandsätze und steckt sie an.

Der Plenarsaal geht in Flammen auf, prasselnd greift das Feuer um sich.

Es lodert in den Fenstern, schlägt endlich gleißend aus der geborstenen Kuppel des Parlamentsbaus.

Sirenen, Feuerwehr, Kabinettsmitglieder eilen zum Tatort.

In Krisensitzungen mit Polizei und Parteispitze schreit Hitler hysterisch herum,

ein groß angelegter kommunistischer Aufstand habe begonnen.

Oder ist das alles Show? Der vermeintliche Brandstifter ein vorgeschobenes Opfer?

Und die wahren Täter kommen aus dem NS-Umfeld?

Das Gerücht kursiert von Anfang an.

Bis heute steht der Verdacht im Raum. Allzu nützlich erweist sich der Anschlag

für Hitlers Griff nach umfassender Macht.

Noch in der Nacht werden linke Politiker und Intellektuelle verhaftet.

Am nächsten Tag erlässt Hindenburg eine Verordnung des Reichspräsidenten zum

Schutz von Volk und Staat, die fast alle Grundrechte außer Kraft setzt.

Ein aus Kommunisten und Revolutionsfurcht geborener Freibrief,

im Namen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung buchstäblich jedermann zu verfolgen.

SA sowie SS, die Hitler besonders ergebene Schutzstaffel, werden offiziell zu

Hilfstruppen der Polizei ernannt,

verschleppen Zehntausende politischer Gegner und pferchen sie in rasch überfüllte

Gefängnisse, improvisierte Haftkeller und Lager.

Weitgehend entrechtet sind die Insassen ungeregelter Gewalt ausgesetzt,

Demütigungen, Folter bis zum Mord.

Auch das erfüllt eine Drohung. Der Terror der Sozialdemokraten,

heißt es in Mein Kampf, sei nur mit Gegenterror zu brechen.

Widerstand regt sich kaum. Im Gegenteil, eine verbreitete Sehnsucht nach Ruhe

auf den Straßen, Tief sitzender Antikommunismus und die fiktive Legalität der

Präsidialverordnung verschaffen der brachialen Verachtung des Rechts Zustimmung,

zumindest Duldung bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung,

der Presse, der konservativen Eliten.

Weitere Gesetze folgen, die

das Parlament entmachten, jede Möglichkeit legaler Opposition erledigen.

Schließlich sitzt Hitler so fest im Sattel, dass er Ende Juni 1934 eine Mordaktion anordnen kann,

bei der rund 100 hochrangige Parteigenossen und prominente Konservative,

denen er misstraut, sowie alte Gegner erschossen werden.

Von vielen Seiten wird ihm der Terror abermals als Stärke ausgelegt.

Als einige Wochen später der Greise Paul von Hindenburg stirbt,

vereint Hitler das Amt des Reichspräsidenten mit dem des Regierungschefs.

Und in einer Volksabstimmung erlangt der Führer und Reichskanzler,

wie er nun auch als Staatsoberhaupt genannt wird, fast 90 Prozent Unterstützung für diesen Schritt.

Anders als Mussolini ist es dem deutschen Diktator gelungen,

sich aus der Abhängigkeit von jenen konservativen Kräften zu lösen,

die ihm kurz zuvor an die Macht geholfen haben.

Und tiefer als in Italien, wo sich das Regime mit dem König arrangieren muss,

das Leben stärker traditionsverhaftet ist, durchdringt das faschistische System

in Deutschland bald die Gesellschaft.

Fraglos spielen dabei Druck und Manipulation eine Rolle,

Doch tatsächlich steht an diesem Punkt wohl die Mehrheit der Deutschen bereitwillig

hinter ihrem Staatschef, seiner nahezu totalen Macht, dem in Mein Kampf umrissenen Führerstaat.

Die Bibel des Nationalsozialismus.

Die Vereinigung aber von Theoretiker, Organisator und Führer in einer Person

ist das seltenste, was man auf dieser Erde finden kann.

Diese Vereinigung schafft den großen Mann.

Adolf Hitler, Mein Kampf.

Hitler, der in einer Mischung aus Stolz und Understatement wohl noch bis in

die frühen 1930er Jahre als berufgern Schriftsteller angibt,

lässt keinen Zweifel, wen er mit dem großen Mann meint.

Die Überzeugung von der eigenen Genialität und Bedeutung prägt und treibt ihn.

Wissen die Deutschen, auf wen sie sich da einlassen?

Sie müssten schon entschlossen wegschauen und hören, um es nicht zu sehen.

Zum einen sind da Hitlers zahlreiche unverhohlene Reden und zum anderen ist da eben sein Buch.

Nachdem die zweibändige, großformatige und recht teure Erstausgabe von Mein

Kampf sich eher enttäuschend verkauft hat,

legt der Verlag 1930 eine günstigere Volksausgabe in einem rund 800 Seiten starken

Band auf, die deutlich besser läuft.

Zumal mit dem Erfolg der NSDAP das Interesse an der Bekenntnisschrift ihres Vorsitzenden wächst.

Erst recht treibt dann Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler den Absatz

nach oben, während sich in manchen NS-Parteilokalen nun auch die Aufnahmeanträge

bis unter die Decke stapeln.

Ende 1933 übersteigt die Gesamtauflage eine Million, darunter billige Broschurausgaben,

aber auch aufwendige Geschenkbände.

Beim Preisausschreiben einer im selben NSDAP eigenen Verlag erscheinenden Münchner

Illustrierten ist ein in Pergament gebundenes Prunkexemplar mit Widmung zu gewinnen.

Über die folgenden Jahre schwankt der Verkauf, bleibt aber auf hohem Niveau.

Weitgehend ohne Zwang. Schullektüre wird mein Kampf nie.

Eine Empfehlung des Innenministeriums an die Standesämter, jedem Brautpaar Hitlers

Buch zu überreichen, scheitert vielerorts daran, dass die Kommunen nicht bereit

sind, das Geld zum Ankauf der Bände aufzubringen.

Denn verschenken will der Führer seine Arbeit nicht. Von Anfang an ging es ihm

stets auch um die Tantienen.

Nichtsdestoweniger wird mein Kampf mit rund 12,5 Millionen Exemplaren in mehr

als 1.000 Auflagen und diversen Ausgaben,

darunter eine in Blindenschrift, bis 1945 zum meistgedruckten Originalwerk eines

Autors deutscher Sprache überhaupt.

Aber wird es auch gelesen? Wahrscheinlich weitaus häufiger und gründlicher,

als die Deutschen dereinst zugeben mögen.

Das zeigen direkt nach dem Ende des Dritten Reichs von den Besatzern durchgeführte Befragungen.

Dass es sich um einen ungelesenen Staubfänger gehandelt habe,

dürfte zu den späteren Schutzbehauptungen zählen, man habe ja von nichts gewusst.

Ähnlich im Ausland. Bereits 1933 erscheinen gekürzte Übersetzungen ins Englische

unter dem Titel »My Struggle in London« als »My Battle in Boston«.

1934 kommt in Paris die vollständige französische Übertragung »Mont combat« heraus.

Etwa zur gleichen Zeit halten zumindest ausgewählte Leser in der Sowjetunion

eine russische Version in Händen.

Etliche europäische und außereuropäische Sprachen folgen bis Ende des Zweiten

Weltkriegs und seither weitere Ausgaben, namentlich auf Englisch,

Arabisch und Persisch, in Indonesien wie Bangladesch.

Allein lauter Alarm bleibt die Ausnahme.

Charakteristisch ist vielmehr die Abwiegelung eines britischen Experten um 1933,

den Staatsmann Hitler nicht für den Nonsens in Haft zu nehmen,

den er einst als verbitterter Häftling geschrieben habe.

Zu aberwitzig scheint der Gedanke, der Mann in der Reichskanzlei könnte seine

politischen Wutanfälle gänzlich ernst meinen.

Reine Rhetorik, so tun ja auch in Deutschland viele Hitlers geifernde Reden ab.

Erst einmal gefällt seinem Publikum die radikale Sprache, der Rausch der Massenaufmärsche,

das Versprechen von Ordnung, Zusammenhalt, Macht anstelle der demokratischen Wirren,

die Idee einer neuen Gemeinschaft,

die Volksgemeinschaft.

So wird das Reservoir, aus dem die junge Bewegung ihre Anhänger schöpfen,

soll in erster Linie die Masse unserer Arbeitnehmer sein.

Diese gilt es dem internationalen Wahne zu entreißen,

aus ihrer sozialen Not zu befreien, dem kulturellen Elend zu entheben und als

wertvollen, national fühlenden Faktor in den Kreis der Volksgemeinschaft zu überführen.

Adolf Hitler, Mein Kampf Voller Hoffnung kommt der Bauernjunge in die Stadt.

Doch die Arbeit, die er findet, verliert er schnell wieder, womöglich im Winter.

Er sucht sich neue Arbeit, verliert sie erneut. So kommt er immer weiter herunter,

verwahrlost, lebt auf der Straße oder in einer verdreckten, jämmerlichen Wohnhöhle.

Der Hunger verschleißt seine Moral. Hat er Familie, zerrütten Streit um Geld,

Enge, oft genug, Alkohol, Misshandlung, die Ehe.

Die Kinder gewöhnen sich an das Elend und stumpfe Rohheit, lernen in ihren Volksschuljahren

kaum etwas, geraten ohne Chancen

und Hoffnung in noch schlechtere Verhältnisse als schon ihre Eltern.

So umreißt Hitler durchaus einfühlsam, wie viele Menschen im Kapitalismus vor die Hunde gehen.

Es ist ihm ernst mit der Idee, die beiden vielleicht mächtigsten Schlagworte

der Epoche zusammenzufügen, Nation und soziale Frage.

Anders als die politische Konkurrenz jedoch verwirft er die ebenso lächerlichen

wie zwecklosen Wohlfahrtsduseleien des demokratischen Sozialstaats,

erst recht aber revolutionäre Umverteilung und Enteignungen.

Im offenen Klassenkampf sieht Hitler eine künstliche Spaltung,

ausgelöst vom Egoismus einiger gedankenloser Vaterlandsvergessener Ausbeute

auf der einen Seite von marxistischen Hetzern auf der anderen.

Demgegenüber fordert er ein System staatlicher Lenkung, das Unternehmer wie

Beschäftigte zusammenwirken lässt, im Sinne der Volksgemeinschaft also zum Vorteil aller.

Ein romantischer, ja, sentimentaler Entwurf, der von Interessengegensätzen nichts wissen will.

Von Gleichheit freilich noch weniger. Hitler glaubt an einen aristokratischen

Grundgedanken der Natur, der das Vorrecht der tüchtigen, reichbegabten,

der wertvollsten Köpfe begründet.

Indes seien sie dem Gemeinwohl zu verpflichten, und es solle auch der geringste

Volksgenosse an einem sicheren Arbeitsplatz so entlohnt werden,

dass es zum Leben reicht.

Das verheißt Hoffnung.

Doch bebt die ganze Idee vor Machtwillen der politischen Führung gegenüber Wirtschaft und Gesellschaft.

Mehr noch, Hitlers völkisches Gemeinwesen aus Führern, Arbeitern der Stirn und

Arbeitern der Faust hat ausdrücklich keinen Platz für jene, die er als Schwache

oder Lebensuntüchtige diffamiert,

auch nicht für Verräter und Egoisten, also Einzelgänger, Widerständler.

Insbesondere aber schließt es kategorisch und ohne jede Rücksicht sogenannte Fremdrassige aus.

Was sich sozial gibt, basiert auf radikaler Ausgrenzung und Gleichschaltung.

Folgerichtig werden ab 1933 die freien Gewerkschaften zerschlagen.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Einheitsverband Deutscher Arbeitsfront zusammengezwungen,

entstehen zahlreiche Plan- und Kontrollämter.

Gleichzeitig kommen tatsächlich Millionen Arbeitslose wieder zu Lohn und Brot.

Vor allem, weil sich die Weltwirtschaft erholt, Konjunkturprogramme noch aus

der Weimarer Republik greifen.

Zudem pumpt die Regierung über verdeckte Kredite gewaltige Summen in eine massive Aufrüstung.

Ein gewagtes Spiel, das früher oder später in den Staatsbankrott führen muss,

es sei denn, die Waffen werden eingesetzt, dann mögen Eroberungen die Finanzen

auf Kosten der Besiegten sanieren.

Derweil bleiben die Stundenlöhne niedrig, während Unternehmensgewinne steigen.

Entgegen Hitlers Beteuerung im Nationalsozialismus könne jeder junge Deutsche

alles werden, ist es kaum weniger schwer als zuvor, aus der Arbeiterschaft in

eine Chefetage aufzusteigen.

Für loyale Parteigänger ergeben sich immerhin Chancen im durch Entlassungen

von unerwünschten ausgedünnten Staatsdienst der aufwachsenden Armee.

Umso größere Wertschätzung erfährt der ehrliche Arbeiter in der Propaganda.

Zudem subventioniert der Staat Konsumgüter wie den Volksempfänger und den geplanten

Volkswagen Ansätze zu einem Massentourismus bis hin zu Kreuzfahrten.

Und nicht zuletzt eröffnet die zunehmend durch organisierte Volksgemeinschaft Möglichkeiten,

im Alltag ein wenig Macht und Ansehen zu gewinnen über ein Ehrenamt,

in den NS-Massenverbänden für Frauen etwa, den Organisationen für Ärzte oder Lehrer,

in der auf Gesundheitspflege ausgerichteten NS-Volkswohlfahrt,

dem Winterhilfswerk für Bedürftige,

als Blockwart, Ortsbauernführer oder in der SA, bei Fahrten und Zeltlagern der

Hitlerjugend des Bundes Deutscher Mädel.

Für manchen ist das Gruppenzwang für viele ein Gemeinschaftserlebnis.

Bereits Anfang 1935 meldet die Gestapo, die geheime Staatspolizei,

dass es keinen nennenswerten Widerstand gegen das Regime mehr gäbe.

Vermutlich stimmt das. Denn diejenigen, die an den Rand gedrückt werden, sind vielfach wehrlos.

Außer der mundtot gemachten, gewaltsam verfolgten Opposition sind das etwa schwule,

prostituierte, auffällige Alkoholiker und im NS-Jargon arbeitsscheue,

Langstreicher, Gewohnheitsverbrecher.

Die alles erfassende wahnhafte Rassen- und Vererbungslehre führt derlei,

wie es heißt, asoziales, gemeinschaftsschädliches Verhalten auf genetische Anlagen

zurück, vergleichbar mit einer Erbkrankheit.

Beides bringt Hitler schon in Mein Kampf zusammen, wenn er etwa von einem körperlich

verhunzten und damit natürlich auch geistig verlumpten Jammerpack spricht,

und fordert, dessen Fortpflanzung zu unterbinden.

Nun erlaubt ein Gesetz zur Verhütung erbkrankennachwuchses als betroffen eingestufte

Menschen zwangsweise zu sterilisieren.

Bis 1945 werden rund 400.000 Männer und Frauen zum Opfer der Prozedur.

Einige Tausend sterben an Komplikationen.

In demselben Ungeist grenzt die Volksgemeinschaft unbescholtene Bürger aus,

die in keiner Weise auffällig sind, geschweige denn kriminell,

auch wenn mein Kampf es ihnen in wildesten Klischees unterstellt.

Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang satanische Freude in seinem

Gesicht auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit

seinem des Mädchens Volke raubt.

Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.

Adolf Hitler, mein Kampf.

Wo er sich zu den Juden äußert, schreibt Hitler oft am Rand des Kontrollverlusts.

Seine Beschimpfungen werden derart unflätig, seine Verschwörungsthesen so haltlos,

seine Abwertungen so radikal und zugleich seine Ängste so gewaltig,

dass der Text schlechterdings hysterisch klingt.

Zugleich bemüht sich Hitler, der sich selbst als fanatischen Antisemiten bezeichnet,

seinem Judenhass mithilfe angeblicher biologischer Theorien und historischer

Betrachtungen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.

Zu Beginn der NS-Diktatur leben in Deutschland rund 550.000 Juden,

etwas weniger als ein Prozent der Bevölkerung, seit Gründung des Reiches 1871

gleichberechtigte Bürger.

Nun ruft das Regime zum Boykott jüdischer Werkstätten, Geschäfte,

Arztpraxen, Anwaltskanzleien auf, werden Juden aus dem Staatsdienst entlassen,

durch ihre nichtjüdischen Standesgenossen aus den freien Berufen gedrängt.

Böbeleien auf der Straße nehmen zu. Angriffe.

Im September 1935 erkennt ein Gesetz den jüdischen Deutschen die vollen Bürgerrechte ab.

Wenig später sollen eine Verordnung zu eben diesem Gesetz festlegen,

wer eigentlich als Jude, als Feind anzusehen ist.

Denn da Hitlers Antisemitismus nicht religiös oder kulturell argumentiert, sondern biologisch,

und in den Juden eine minderwertige, dennoch gefährliche Rasse erblicken will,

kann er sich mit der Glaubenszugehörigkeit nicht zufriedengeben.

Er muss vielmehr auch zum Christentum übergetretene oder nichtreligiöse Fremdrassige

enttarnen, ein abstruses Unterfangen.

Pseudowissenschaftliche Versuche, jüdische Blutsanteile zu messen,

scheitern denn auch kläglich.

Und am Ende steht doch wieder die Religionszugehörigkeit der Großeltern,

auf deren Grundlage die Verordnung die schematische Einstufung in Juden und

unterschiedliche Grade von jüdischen Mischlingen vorsieht.

Die Schikanen zielen zunächst darauf ab, eine möglichst große Zahl von Juden aus dem Land zu treiben.

Mit dem willkommenen Nebeneffekt, dass sich ihre arischen Mitbürger an dem Besitz

der Bedrängten bereichern können.

Jüdische Eigentümer von Unternehmen oder Immobilien etwa genötigt werden,

diese unter Wert zu verkaufen.

Doch in den Plünderungen und Demütigungen, den noch vereinzelten Gewalttaten,

deutet sich bereits an, was kommen wird.

Nachdem der NS-Antisemitismus die Juden zu Feinden erklärt und entrechtet hat,

ja als schlimmste Widersacher deutscher Größe überhaupt verleumdet,

ist es kein allzu großer Schritt mehr zu systematischer Gewalt,

zu Mord, auch zu Massenhaften.

Bei dieser Aufheizung spielt nicht zuletzt ein psychologisches Motiv eine Rolle.

Das Regime braucht Feinde, um seine Gewalt zu rechtfertigen und den Zusammenhalt

der Volksgemeinschaft zu stärken.

Feinde im Inneren, aber auch nach außen.

Krieg. Deutschland wird entweder Weltmacht oder überhaupt nicht sein.

Adolf Hitler, Mein Kampf.

In wenigen Punkten wird mein Kampf so konkret wie außenpolitisch.

Der Todfeind ist und bleibt Frankreich, dessen Vernichtung anzustreben sei.

Lebensraum müsse im Osten, also in Polen und vor allem in Russland, gewonnen werden.

Über Seekolonien? Unsinnig. Deutschlands Aufgabe sei ein Imperium über den Osten Europas.

Als erster Schritt dazu sind die deutschsprachigen Regionen jenseits der Reichsgrenzen

anzugliedern, gegebenenfalls mit Gewalt.

Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich.

Auf keinem Gebiet aber erweckt Hitler nach 1933 auch so gezielt falsche Eindrücke.

Er redet von Frieden, von Respekt für die Nachbarvölker, schließt gar einen

Nicht-Angriffspakt mit Polen.

Vor Generälen der Reichswehr erklärt er, dass er taktiert, um Zeit zu gewinnen, um aufzurüsten.

Eingehüllt in einen Nebel versöhnlicher Rhetorik beginnt Deutschland mit gezielten,

sich steigernden Verstößen gegen den Vertrag von Versailles.

Die Aufrüstung selbst gehört dazu, eine Wiedereinführung der Wehrpflicht.

Und im März 1936 rücken die Verbände in das demilitarisierte Rheinland ein,

einige Protestnoten, mehr nicht.

Wenig später unterstützen Deutschland und Italien die Faschisten um Francisco

Franco im Spanischen Bürgerkrieg.

Im März 1938 marschiert die Wehrmacht in Österreich ein. Nichts geschieht.

Vielmehr scheint zumal die britische

Regierung beeindruckt von den Bildern jubelnder Menschen in Wien,

betrachtet inzwischen den Frieden von Versailles als ohnehin zu hart und will

Deutschland mit Appeasement, mit Besänftigung entgegenkommen.

Um den Frieden zu wahren, lassen die Weltmächte Ende September 1938 die letzte

funktionierende Demokratie Mitteleuropas in Prag fallen,

und stimmen einer Annexion der

deutsch besiedelten Grenzregionen der Tschechoslowakei durch das Reich zu.

Wenige Wochen später entfesselt das Regime in Deutschland die bis dahin schwersten

Ausschreitungen und Plünderungen gegen Synagogen, Jüdische Geschäfte,

Häuser, Irre, Bewohner, internationale Empörung,

aber sonst keine Reaktion.

Hitler gelangt zu der Ansicht, dass der Westen den Krieg um jeden Preis meiden will,

und lässt im Frühjahr 1939 auch den restlichen tschechischen Teil des Nachbarlandes

besetzen, übergibt die Slowakei einer Marionettenregierung und schlägt dann

einen schier aberwitzigen Haken.

Ende August geht er einen Pakt mit jener Macht ein, die er bereits in Mein Kampf

und seither stets geschmäht und dämonisiert hat wie keine zweite mit der Sowjetunion.

So abgesichert schließt er, als die Wehrmacht wenige Tage darauf Polen überfällt,

ein Eingreifen des Westens erst recht aus.

Die armen Würmchen meint er zu kennen.

Er irrt. Frankreich und Großbritannien erklären Deutschland den Krieg.

Ihre Regierungen haben verstanden, dass es Hitler um mehr geht als die Revision

einiger Klauseln des Versailler Vertrags.

Er greift nach Weltmacht und seine Position ist stärker denn je.

Auch weil sich ihm niemand in den Weg gestellt hat, als noch Zeit war.

Weil niemand wahrhaben wollte, dass der NS-Führer sein Programm ernst meint.

Dass nicht der frühe Extremist, sondern der spätere Staatsmann die Verkleidung war.

Selbst unzulänglich gerüstet warten die Alliierten anschließend weitgehend ab.

Und so kann Hitler auch seinen nächsten Zug machen, wie angekündigt.

Im Mai 1940 greift die Wehrmacht Frankreich an und wirft es binnen Wochen nieder.

Der folgende Schritt, gemäß der fast anderthalb Jahrzehnte zuvor veröffentlichten

Strategie, wäre eine erneute Wendung nach Osten, um dort Lebensraum zu erobern,

ein Imperium auf Kosten der Sowjetunion,

doch die ist ja inzwischen ein Bundesgenosse?

Enthemmung.

Im ewigen Kampfe ist die Menschheit groß geworden und nur im ewigen Frieden geht sie zugrunde.

Adolf Hitler, mein Kampf.

Mit dem Krieg ändert sich alles. Die schnellen, spektakulären Siege stärken

den Rückhalt des Regimes.

Beute und unterworfene Industrien erweitern seine materielle Basis enorm.

Vor allem jedoch fallen die letzten Schranken von Recht und Moral, eskaliert die Gewalt.

Im Krieg findet der Nationalsozialismus vollends zu sich selbst.

Zu jener entfesselten Brutalität, die ihm ein Kampf vorwegnimmt.

Mehr als im Westen gilt es für Osteuropa, zunächst vor allem für Polen,

Das von Hitler vorgegebene Ziel lautet schlicht Zerschlagung der Nation Ermordung

ihrer Führungsschichten, Versklavung der Mehrheit Einverleibung des Gebiets

für die künftige deutsche Weltmacht,

Zehntausende Zivilisten werden erschossen Millionen umgesiedelt oder zur Zwangsarbeit

deportiert ihre Kultur systematisch unterdrückt und zerstört.

Noch einmal schlimmer trifft es die mehr als zwei Millionen Juden im deutsch besetzten Polen.

Sie werden in Ghettos zusammengetrieben, in denen bald unfassbare,

enge Hunger, Krankheiten herrschen.

Indes gibt es keinen Plan, was mit ihnen geschehen soll.

Die deutschen Stadthalter der eroberten Gebiete wollen sie loswerden.

Die meisten auswärtigen Regierungen gewähren den Verfolgten allenfalls widerwillig

und in geringer Zahl Zuflucht.

Ideen kommen auf, den Juden ein ostpolnisches Reservat zuzuweisen,

sie nach Madagaskar abzuschieben.

Da geht Hitler den letzten großen in Mein Kampf entworfenen Schritt.

Trotz unwägbarer Risiken, gemäß seiner inzwischen einschlägigen Strategie des

Alles oder Nichts, fällt im Morgengrauen des 22. Juni 1941 die Wehrmacht in die Sowjetunion ein.

Der Russland-Feldzug ist von vornherein als Vernichtungskrieg angelegt,

in dem die Eroberer Gefangene wie Zivilisten als vermeintlich rassisch minderwertige

Untermenschen unnachsichtig töten,

ausbeuten, dem Tod durch Hunger und Krankheiten preisgeben.

Und er verdoppelt die Anzahl der Juden unter deutscher Herrschaft auf rund sechs Millionen.

Im Schatten des Krieges haben die Nationalsozialisten bis Sommer 1941 bereits

etwa 70.000 Menschen, vorwiegend seelisch Kranke, als nutzlose Esser und Ballastexistenzen ermordet.

Dabei experimentieren die Täter auch damit, viele gleichzeitig mit Giftgas zu töten.

Seit dem Einmarsch in die Sowjetunion erschießen vor allem spezielle Einsatzgruppen

Hunderttausende Jüdinnen und Juden hinter der Front,

Denn das ist die Antwort, die das Regime auf die Frage gefunden hat Was mit

den europäischen Juden geschehen soll Es wird sie umbringen Alle,

Ab Anfang 1942 verketten die Deutschen ihre Erfahrung aus dem Massenmord an

Kranken mit dem geplanten Genozid,

und errichten im besetzten Polen spezielle Vernichtungslager,

das größte auf dem Gebiet der Gemeinde Birkenau nahe der Kleinstadt Auschwitz.

Juden aus ganz Europa werden in diese Lager deportiert und umgebracht, oft mit Gas.

Es sind Orte unaussprechlichen Grauens, an denen sich ungehemmter Sadismus verbindet

mit einem kalten, fast klinischen Vernichtungswillen gegenüber ganzen Menschengruppen.

Den Gedanken eines Völkermords spricht nicht einmal mein Kampf offen aus,

indes ist er in der Sprache angelegt, die den Juden als Parasit,

Bacillus, Pestilenz, Blut, Egel und Made verschimpft.

Als Ungeziefer, dass man vertilgen müsse, dass es unbarmherzig auszurotten gelte.

Der Mord entspricht der Logik der NS-Rassentheorie, ihrem Hass und Angst erfüllten

Wahn eines dauernden Todeskampfes namentlich zwischen Juden und Ariern.

Das, und wie der Holocaust dann beschlossen und ausgeführt wird,

Er gibt sich aus zuvor unberechenbaren Konstellationen und Dynamiken,

auch aus Entscheidungen der Stadthalter vor Ort und des ebenso ehrgeizigen wie

ideologisch-fanatischen Sicherheits- und SS-Chefs Heinrich Himmler samt seinem Apparat.

Doch denkbar, letztlich wünschenswert, erscheint der Exzess bereits in Hitlers Programmschrift.

Und es braucht ein bemerkenswert taubes Ohr, für deren Roheit das nicht wahrzunehmen.

Insgesamt ermorden die Deutschen bis 1945 rund sechs Millionen Juden,

dazu ungefähr die gleiche Anzahl nichtjüdischer Zivilisten aus politischen oder

rassistischen Gründen,

darunter etwa eine große Zahl Sinti und Roma.

Es ist dieses Menschheitsverbrechen, das den Nationalsozialismus mehr als alles

andere von den faschistischen Regimen außerhalb Deutschlands unterscheidet.

Bis Ende 1942 wendet sich der Krieg gegen das Reich und dessen Verbündete.

Gefangen im Phantasma seiner eigenen Genialität und einer arisch-germanischen

Überlegenheit, hat Hitler es verschmäht, die schlichten Kennzahlen ernst zu nehmen.

Weder nach seiner mobilisierbaren Bevölkerung noch nach seiner Wirtschaftskraft

oder dem Rüstungspotenzial vermag Deutschland zugleich gegen die Sowjetunion.

Das britische Weltreich, die Widerstandsbewegungen im besetzten Europa und seit

Dezember 1941 auch noch die USA zu bestehen.

Nun legen britische und US-amerikanische Luftflotten die deutschen Städte in Schutt.

Die Wehrmacht weicht unter wachsenden Verlusten zurück, erst im Osten,

nach alliierten Landungen in Italien und Nordfrankreich auch im Westen.

Die Verbündeten überschreiten im Herbst 1944 die deutschen Grenzen.

Am 21. April 1945 dringt die Rote Armee ins Stadtgebiet von Berlin vor.

Neun Tage später erschießt sich Hitler in seinem Bunker.

Am 8. Mai kapituliert die Wehrmacht. Es ist vorbei.

Der deutsche Radikal-Faschismus besiegt. Ein Albtraum, wie die Welt vielleicht

noch keinen gesehen hat.

Angekündigt 20 Jahre zuvor in einem Buch, das zu viele nicht ernst nehmen wollten,

andere zur Offenbarung und Richtschnur erkoren, so dass daraus Geschichte werden konnte.

Das war Peter Kämpfe mit einer Reportage aus der aktuellen Geo-Epoche-Ausgabe der Faschismus.

So, Jens Rainer, jetzt lösen wir unser Versprechen vom Anfang ein.

Was hat es mit den braunen Hemden der Nationalsozialisten auf sich?

Die der italienischen Faschisten, den Hitler ja anfangs nachgeeifert hat,

die waren ja schwarz. Also warum braun bei den deutschen Nationalsozialisten? Das klären wir jetzt.

Also, anfangs haben die Anhänger der nationalsozialistischen Schlägertrupps

der SA, und damit ging es ja los, wohl keine einheitlichen Uniformen getragen.

Der Krieg war noch nicht lange her, da konnte man nicht allzu wählerisch sein.

Und dann hat sich zunächst wohl Rot als Farbe der NS-Bewegung durchgesetzt,

eine Farbe, die eine gewisse Signalwirkung hatte. Ja, aber Problem,

das war bereits die Farbe von Kommunisten und Sozialdemokraten.

Genau, das war strategisch unklug. Und zu Braun kam es dann womöglich so,

wobei die Details der Geschichte heute doch ziemlich umstritten sind.

Ein Teilnehmer am Hitlerputsch von 1923 hat Teile der SA mit Hemden ausgestattet,

die mal für die Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika vorgesehen waren,

als Deutschland noch seine Kolonien hatte.

Kaki hellbraun war da die Farbe, weil die einfach irgendwie verfügbar waren,

auf dem Markt angeboten wurden und auch, weil der Oberbefehlshaber der Schutztruppe.

In Ostafrika, Paul von Letto-Vorbeck, von vielen damals noch als Lichtgestalt verehrt wurde.

Ja, du sagst es, die Einzelheiten der Geschichte sind mit Vorsicht zu betrachten,

aber sicher ist, 1925 hat sich dann braun, und zwar dann ein dunkleres Braun

als das der Kolonialtruppen, als Farbe der NS-Bewegung durchgesetzt.

Die Uniform, die mussten die Mitglieder übrigens selbst bezahlen.

Das hat Geld in die Parteikassen gespült und auch in die eines bekannten Modekonzerns

übrigens. Ja, das schwäbische Textilunternehmen von Hugo Boss.

Hat ab 1931 Braunhemden produziert. Das war vorher insolvent.

Nachdem der Firmeninhaber Hugo Boss dann in die NSDAP eingetreten war und den

Hemden-Deal mit den Nationalsozialisten abgeschlossen hatte, ging es aufwärts.

Das lassen wir jetzt hier mal so stehen. Das war es für dieses Mal.

Wenn ihr mehr über den Faschismus und den Nationalsozialismus im Besonderen

hören und lesen wollt, schaut.

Ich schlage da jetzt einfach nochmal die Werbetrommel in unsere aktuelle Ausgabe,

die gibt es gerade überall, wo es gute Zeitschriften gibt, im Geoshop immer

natürlich und digital könnt ihr sie auf GeoEpoche Plus lesen.

Da findet ihr auch unser gesamtes Audioangebot und ihr könnt die neuen Folgen

von Verbrechen der Vergangenheit wie bei RTL Plus immer zwei Wochen früher hören

als auf den anderen Podcast-Plattformen. Die Links zu all diesem findet ihr in den Shownotes.

Und ansonsten noch wie immer an dieser Stelle der Hinweis, dass wir uns sehr

über Fragen, über Lob und konstruktive

Kritik per Mail an verbrechendervergangenheit.geo.de freuen, wenn ihr

Geo-Epoche auf Instagram folgt und wenn ihr Verbrechen der Vergangenheit in

euren Apps abonniert und auch freundlich bewertet.

In zwei Wochen gibt es dann hier die nächste Folge. Macht's gut bis dahin. Tschüss.

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