Mit beispielloser Skrupellosigkeit unterwerfen sich die Europäer in der Ära
des Kolonialismus nahezu den gesamten Erdball.
Oft sind es nicht Staaten, sondern Kaufleute und Abenteurer,
die Stützpunkte an fernen Küsten errichten und sogar ganze Städte.
1619 gründen Händler der niederländischen Vereinigten Ostindien-Kompagnie den
Ort Batavia im heutigen Indonesien.
Die Siedlung mit bald 30.000 Einwohnern wird das Zentrum eines riesigen Wirtschaftsimperiums,
erschaffen mit Geschäftssinn, Habsucht und Mord.
Verbrechen der Vergangenheit Ein Crime-Podcast von GEO Epoche und RTL+.
Hallo, herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Verbrechen der Vergangenheit,
dem Podcast von Geo-Epoche über die dunkle Seite des Menschen und der Macht.
Erstmal muss sich ein Hinweis loswerden, auch auf die Gefahr hin,
dass es für einige von euch nichts Neues ist.
Und zwar, das Geo-Epoche-Team hat was Neues in Sachen Audio im Angebot.
Und zwar eine sechsteilige Podcast-Serie über die Terroranschläge vom 11.
September 2001, die sich in diesen Tagen ja zum 25. Mal jähren.
Die erste Folge gab es hier bei Verbrechen der Vergangenheit neulich ja schon
zu hören. Die ganze Serie mit der Stimme von Peter Kämpfe. Übrigens könnt ihr
auf geo plus hören. Findet ihr ganz einfach unter geo.de-september.
Also wir würden uns freuen, auch Peter Kämpfe, der da wieder tolle Arbeit geleistet
hat, wenn ihr uns dahin folgt.
Geo.de-september. Dort gibt es alle sechs Folgen von 11.
September. So, und jetzt eine Frage. Was fällt euch ad hoc zum Stichwort Niederlander
ein? Also zu unserem Nachbarn an der Nordsee.
Windmühlen, Tulpen, Gauder, Frau Antje zählt nicht.
Vielleicht berühmte Künstler wie Rembrandt, Vermeer, Van Gogh,
Deichbau und Entwässerungskunst, schon ein bisschen spezieller.
Die Grachten in Amsterdam gibt sicher noch einiges mehr, was man da an Assoziationen haben kann.
Aber die VOC, die Vereinigte Ostindische Kompanie zu Deutsch,
behaupte ich jetzt mal, ist nicht dabei.
Die hat nicht jeder und jede sofort im Kopf. Dabei hat sie die Niederlande entscheidend
geprägt, die Geschichte der Niederlande.
Und darum geht es in dieser Folge um die VOC, den Aufstieg der Niederlande zur
militärischen, wirtschaftlichen und auch kulturellen Weltmacht.
Und damit um Handel, viel Geld und um skrupellose Machenschaften.
Zeitlich sind wir im 17. Jahrhundert im sogenannten goldenen Zeitalter der Niederlande.
Das eben aber auch sehr dunkle Seiten hatte, wie wir gleich hören werden.
Und bevor wir mit den niederländischen Händlern ins heutige Indonesien segeln
und sie dort mit Batavia, das heutige Jakarta, gründen lassen,
wollen wir einmal die Geschichte der Niederlande kurz Revue passieren lassen.
Denn die ist wirklich spannend und staunenswert, aber vielleicht ja gar nicht mal so bekannt.
Ich bin Insa Bethke, mir gegenüber sitzt mein Kollege Manuel Opitz und wir freuen
uns, dass ihr zuhört. Schön, Manuel, dass du da bist. Hi, Insa.
Manuel, die Niederländer und ihr Aufstieg zur Großmacht, das ist,
kann man vielleicht sagen, sowas wie ein Überraschungserfolg der Geschichte.
Denn da gab es ja eigentlich ursprünglich gar nicht viel, außer viel Wind und
viel Wasser. Ja, und so ein paar Deiche.
Und trotzdem bauen sie ja ein riesiges Wirtschaftsimperium auf.
Und die Frage ist natürlich, wie gelingt denen das? Ja, dazu muss man sagen,
dass die Vorzeichen für die Niederlande im Mittelalter nicht gerade gut stehen.
Für Jahrhunderte ist diese Region da im Nordwesten Europas ja ein territorialer
Flickenteppich und diese einzelnen Territorien dieses Teppichs,
die verstehen sich auch nicht wirklich prächtig, sondern führen immer wieder Kriege gegeneinander.
Sowas wie einen König oder einen Fürsten, der über die gesamte Region herrscht,
den gibt es nicht. Bis sich die Situation dann im Jahr 1369 ändert.
Die Herzöge von Burgund sichern sich nach und nach Teile der Niederlande und
zwar mit den üblichen Mitteln, die man damals so hatte.
Krieg, fröhliches Heiraten und auch ein bisschen Diplomatie.
Und jedenfalls herrschen die Herzöge von Burgund bald über Flandern,
Brabant, Holland und Seeland und bauen sich eine...
In Brüssel auf. Und langsam wachsen diese Gebiete zu einer politischen Einheit
zusammen. Die Herrscher schaffen eine zentrale Finanzverwaltung,
ein oberstes Gericht, einen Gesandtenkongress, in dem Patrizia und Adelige aller
Landesteile vertreten sind.
Ja, und dann kommen Ende des 15. Jahrhunderts schon die nächsten Fremdherrscher.
Die burgundischen Niederlande fallen jetzt an die Habsburger.
Und die kennen wir natürlich. Die stecken in dieser Zeit ja gefühlt überall mit drin.
Und der römisch-deutsche Kaiser Karl V., also ein Habsburger,
der bringt dann die noch letzten unabhängigen Territorien an der Nordsee an sich und vereint
17 Provinzen zu einer Verwaltungseinheit, die er zu, als ich zitiere,
auf ewig unteilbar erklärt.
Ja, nur zur Erinnerung, Karl V., das ist der Kaiser, der nebenbei auch noch König von Spanien ist.
Der hat ganz schön viel zu tun in seinem Weltreich, denn die Gebiete in Mittelamerika
gehören ja auch schon dazu.
Jedenfalls geht das nicht lange gut mit den Habsburgern und den Niederländern.
Ganz kurz im Schnelldurchgang nur.
Ab etwa 1550, da verbreitet sich der Kalvinismus.
Das ist eine besonders radikale Ausformung der Reformation in der Gegend und
den bekämpfen die katholischen Habsburger natürlich vehement.
Es kommt zu einem Aufstand und die Niederlande zerfallen.
Der ungefähr dem heutigen Belgien entspricht und in einen kalvinistisch geprägten
Norden. Das ist dann die Republik der Vereinigten Niederlande.
Und um den rasanten Aufstieg dieses neuen kleinen Landes zu verstehen,
müssen wir uns dessen wichtigste Stadt anschauen. Und das ist natürlich Amsterdam. Richtig.
Jeder, der da schon mal war und an den Krachten rumspaziert ist,
der weiß, das ist eine amphibische Stadt, die auf schwammigem Boden steht, gewachsen ist.
Kein Wunder eigentlich, dass sich diese Stadt dem Meer zugewandt hat.
Im 16. Jahrhundert, da ist Amsterdam bereits sowas wie Europas Handelsknotenpunkt.
Praktischerweise liegt die Stadt genau zwischen Südeuropa, dem Baltikum und
Skandinavien und versorgt dann bald den ganzen Kontinent mit Getreide aus dem
Ostseeraum, mit Holz aus Norwegen, Schweden und Russland.
Und aus Skandinavien kamen so kostbare Dinge wie Pelze und Kupfer.
Ja, und auch für den Handel über den Atlantik in die neue Welt.
Und über das Kap der guten Hoffnung nach Asien liegt Amsterdam geografisch einfach
sehr gut. Als erstes dort überhaupt knüpft Amsterdam in ein Handelsnetz bis
nach Japan und Amerika, nach Australien und zum Nordkap.
Und natürlich, wie könnte es anders sein, ist der Hafen Amsterdams der größte
der Welt. Bis zu 4000 Schiffe können dort gleichzeitig ankern.
Und wenn wir uns vorstellen, wir sind Reisende um 1600 und kommen an in Amsterdam,
dann muss dieser Anblick von so vielen Masten, so vielen Matrosen,
Hafenarbeitern und einfach dieser Masse an Waren schier überwältigend gewesen sein.
Diesen Boom, den kann man am Wachstum der Stadt förmlich ablesen.
Sie wächst von den Hafendocks wie so eine Art Spinnennetz ins Land mit einem,
Fächer aus Kanälen, die unzählige Arbeiter sehr mühsam ausheben müssen.
Vom späten 16. Jahrhundert an, da verdreifacht die Stadt ihre Fläche tatsächlich
und versechsfacht ihre Einwohnerzahl auf 200.000 Menschen, also in sehr kurzer Zeit.
Die meisten dieser Zuzügler, muss man wissen, sind übrigens Einwanderer,
vor allem viele aus den armen deutschen Landen.
Amsterdam also das Ziel für alle, die sich nach einem besseren Leben sehen.
Die Holländer, die wissen natürlich, dass Wasser alles ist, was sie haben.
Und deshalb investieren sie kräftig in die Seefahrt. Sie bauen die Handelsmarine
aus und sie erfinden auch effiziente Schiffstypen.
Einer dieser Schiffstypen ist ein Schiff, dessen Besatzung zwei Monate lang
auf See bleiben kann und wo der Fang direkt an Bord in Salzfässer konserviert werden kann.
Und sie entwickeln einen Dreimaster mit besonders großem Laderaum,
vereinfachter Takelage und Navigation, der die Meere mit weniger Mannschaft
durchquert als die Konkurrenz.
Das heißt, die Amsterdamer Räder, die sparen Personalkosten.
Ganz wichtig. Und sie können auch weniger Frachtgebühren verlangen als zum Beispiel
britische Konkurrenten.
Wichtige Wettbewerbsvorteile also.
Und um sich die Handelsmacht der Niederlande einmal vorzustellen.
Mitte des 17. Jahrhunderts ist
deren Flotte so groß wie die aller anderen europäischen Länder zusammen.
Und vor den Toren Amsterdams gibt es ja ungefähr 50 Werften,
die 300 Schiffe im Jahr bauen. Das heißt, fast jeden Tag wird dort ein neues Schiff fertig.
Und auch beim Bau selbst setzen die Niederländer neue Maßstäbe.
Sie entwickeln moderne Winden und Kräne, haben windmühlengetriebene Sägen,
sodass bis zum Stapellauf eines neuen Schiffes gerade mal ein paar Wochen vergehen.
Das heißt, nirgendwo sonst in Europa, vielleicht auf der Welt,
werden Schiffe so effizient hergestellt wie in Amsterdam. Und davon profitiert
natürlich auch die Vereinigte Ostindien Company, von der wir gleich mehr hören werden.
Und damit sind wir bei dem Thema, um das es letztlich bei Handelsgeschäften
immer geht. Geld, Geld, Geld.
Die niederländischen Kaufleute, die lassen sich da einiges einfallen,
um die Geschäfte anzukurbeln.
1598, da gründen sie eine Versicherungskammer,
bei der jeder seine Handelsabenteuer absichern lassen kann.
Und im Falle eines Schadens wird von dieser Kammer die Versicherungssumme schnell
ausgezahlt. Auch von Vorteil.
Kein Wunder, dass sich viele Kaufleute auch von anderswo jetzt lieber in Amsterdam
als in ihrem eigenen Land versichern lassen. Ja, also eine geniale Idee und
mindestens genauso genial ist die Idee der Wechselbank, die 1609 gegründet wird, die Wisselbank.
Sie beseitigt nämlich das Chaos der europäischen Währungen. Wie kann man sich
das vorstellen? Ja, also diese Bank, die wechselt alle Währungen,
egal ob aus England, Frankreich oder den verschiedenen Teilen Deutschlands und
zwar in den Diskontflurien.
Das ist ein stabiles Papiergeld, das überall in Europa akzeptiert wird.
Das ist aber nicht alles. Die Bank garantiert den Wert. Sie macht keine eigenen
Geschäfte und sie spekuliert auch nicht.
Und alle Wechsel, die sie ausgibt, sind eben durch eingezahltes Gold und Silber
gedeckt. Das heißt, die Bank verliert nichts.
Genau, weil sie ja auch nicht selber spekuliert.
Was dazu kommt ist, dass es ein Bankgeheimnis gibt.
Man weiß zum Beispiel, dass es um 1611 rund 700 Kontoinhaber gibt.
Doch wer diese Leute sind, also wer hinter diesen Konten steckt,
das ist eben unbekannt, das weiß niemand.
Und das ist natürlich für Geschäftsleute auch dieser Zeit unglaublich attraktiv.
Nirgendwo liegt ihr Geld sicherer als bei dieser Wechselbank in Amsterdam und
so strömt im Kapital aus ganz Europa dorthin.
Ja, also wir haben da die Versicherungskammer und die Wechselbank.
Da fehlt jetzt natürlich noch eine Institution und das ist die Börse.
Amsterdams Kaufmannsherz. So kann man das bezeichnen. Die Börse ist Europas
größter Umschlagplatz von Waren und Kapital.
Viel Zeit haben die Händler für ihre Geschäfte dort aber nicht.
Werktags von 12 bis 14 Uhr, also nur zwei Stunden pro Tag, hat die Börse geöffnet.
Und ja, da geht es dann hoch her. Hunderte Händler sind da, die mit Gold und
Silber spekulieren, mit Tabak, Grundstücken, Leder, Seife, Waltran,
bis hin zu ganzen Schiffen.
In Amsterdam kann man vielleicht zusammenfassend sagen, dreht sich wirklich alles ums Geld.
Und was ich interessant finde, ist, dass die Zeitgenossen das damals auch so wahrnehmen.
Es gibt regelrechte Amsterdam-Kritiker. Einer ist zum Beispiel Adrian Körbach.
Ich hoffe, ich habe ihn richtig ausgesprochen.
Das ist ein Vordenker der Aufklärung und der beklagt, alle Zeit,
die nicht mit Geld verdienen verbracht wird, werde von den Menschen als verlorene
Zeit erachtet, da das Anhäufen von Kapital das äußerste Ziel von allen Dingen scheint.
So, das ist aber noch nicht alles. Schon als Taufgeschenk hängt man den kleinen
Amsterdamern als Segenswunsch eine Münze um den Hals. Kein Kreuz,
eine Münze. Eine Münze, genau.
Und zum Ende des Lebens lässt sich ein Kaufmann auch schon mal die Summe des
zusammengerafften Vermögens auf den Grabstein meißeln.
Ja, sehr selbstbewusst und auch ehrlich irgendwie. Wir nehmen ja diesen Podcast
in Hamburg auf, auch bekannt als Stadt der Pfeffersäcke. Da spricht man eher
nicht so über das Geld, glaube ich, wenn man welches hat.
Aber zurück ins 17. Jahrhundert in die Niederlande. Wir haben gesehen,
dass in Amsterdam alles auf den Handel ausgerichtet ist und das heißt auch in der Politik.
Vielleicht sogar gerade in der Politik.
Man muss dazu sagen, grundsätzlich funktioniert die Politik in den Niederlanden
und auch in Amsterdam anders als im Rest Europas damals.
Und das ist sicher auch einer der Gründe für den Aufstieg des Landes,
denn die Niederlande sind eine Republik. Ja, das ist erstmal ungewöhnlich.
Das politische System ist also nicht auf eine Macht konzentriert wie ein absolutistischer
Staat, sondern dezentral aufgebaut.
Und dahinter steckt eine politische Idee, die für viele Menschen damals noch was Neues ist.
Nämlich, dass eine Gesellschaft besser funktioniert, wenn sie den Bürgern möglichst
viele Freiheiten lässt, statt sie unter die Herrschaft eines Königs oder einer
einzigen Religion zu zwingen.
Was allerdings nicht bedeutet, auch wichtig, dass Amsterdam etwa demokratisch geführt wird.
Regiert wird von oben sozusagen, von einem kleinen Kreis. Das ist ein echter
Klüngel. Also heißt, die Bürger haben in Amsterdam keine politischen Rechte,
Republik hin oder her. Tatsächlich regieren die Bürgermeister von Amsterdam...
Fast allmächtig. Zwischen 1578 und 1630 stehen der Stadt 42 Bürgermeister vor.
Und 34 davon sind im Handel tätig.
Und der Rest, der hat zumindest einen kaufmännischen Hintergrund.
Und diese Bürgermeister, die tun natürlich alles dafür, die Interessen vor allem
der Kaufmannschaft zu vertreten.
Und zur Not vertreten diese Bürgermeister ihre Interessen auch gegen die Landespolitik.
Jetzt muss man wissen, die Vereinigten Provinzen der Niederlande führen mit
ein bisschen Pause zwischendurch bis 1648 Krieg, den sogenannten 80-jährigen Krieg
gegen die spanische Krone, die die abtrünnigen sieben Provinzen eben wieder
unter ihre Herrschaft bringen will. Gelingt den Spaniern nicht, wissen wir.
Worauf es aber ankommt, während dieses Krieges werden natürlich Beschränkungen
für den Handel mit dem Feind mit den Spaniern erlassen.
Aber die Amsterdamer, die unterlaufen diese Sanktionen einfach.
Die Kaufleute, die versorgen sogar die gegnerischen Armeen mit Waffen und finanzieren
mit Krediten, deren Sold verdienen also am Krieg gegen sie.
Ja, und also auch hier merken wir, Hauptsache das Geld fließt.
Und die Amsterdamer, die profitieren also eigentlich vom Krieg.
Die füllen sich die Kassen und stecken die Kriegsgewinne in den Ausbau von Hafenanlagen
und von Verkehrswegen. Ja, rechtsgruppelos aber klingt schon alles ziemlich
bewundernswert. Dieser rasante Aufstieg der Stadt, der Niederlande überhaupt.
Aber das heißt nicht, dass auch der Großteil der Menschen, der Bevölkerung dort davon profitiert hat.
Ja, überhaupt nicht. Denn dieses goldene Zeitalter, das ruht auf einem Sockel von Not und Elend.
Etwa die Hälfte der Einwohner in Amsterdam lebt am Existenzminimum,
also in Bretterverschlägen, in Kellergruften, in Lumpenhäusern vor der Stadt.
Und wir reden hier nicht irgendwie über Bettler, sondern schon von Lastträgern
und Booten, von Kornschauflerinnen, also von Menschen, die ja 11 bis 13 Stunden
am Tag arbeiten und trotzdem kaum genug Geld zum Überleben haben.
Es ist also nicht so, dass in Amsterdam alles glänzt. Dazu kommen schreckliche
hygienische Verhältnisse. Im 17. Jahrhundert rasen fünf große Pestepidemien
durch die Stadt und raffen ungezählte Menschen dahin.
Du hast es jetzt schon gesagt, goldenes Zeitalter, das heißt eben nicht,
dass da alles glänzt, dass der Wohlstand zum Beispiel auch auf glänzender Moral ruhen würde.
Es gibt daher inzwischen auch etliche Stimmen in der Forschung,
die den Begriff ablehnen, also den Begriff des goldenen Zeitalters,
weil das eben auch mit der Not, dem Elend und dem Blut von Menschen erkauft ist.
Vor allem in den Kolonien der Niederlande, in Südostasien, aber auch in anderen
Überseegebieten. Und nicht zu vergessen, die Niederländer sind im 17.
Jahrhundert auch tief in den transatlantischen Sklavenhandel verstrickt.
Menschenhandel gab es aber auch in der Weltgegend, in der die VOC ihre skrupellosen
Geschäfte gemacht hat, im heutigen Indonesien.
Und ja, das hören wir jetzt in der Geschichte. Vielen Dank, dass du hier warst,
Manuel. Sehr gerne, Insa.
Imperium der Gier. Eine historische Reportage von Matthias Mesenhöller. Es liest Peter Kämpfe.
Batavia auf Java, an einem Sommertag um 1670.
In den Lagerhäusern verströmen Gewürznelken ihr schweres und etwas brennendes Aroma.
Süß und scharf zugleich duften die Zimtstangen.
Persisches Sandelholz füllt Samten ätherisch betörend die Luft.
Auch Muskatnüsse liegen da, festgelegt. pfeffrig, leicht, holzig, bitter.
Ingwerknollen, fruchtiger Kardamom, streng riechendes Moschuspulver,
Pfeffer in speziellen Varianten, ähnlich die Sorten und Duftnoten der Teeblätter.
Draußen vor den Lagerhäusern zieht ein Hauch von frisch geröstetem Kaffee über
die von immer grünen Hölzern gesäunten Alleen und Kanäle.
Aus üppigen Gärten dringt Obstbaum und Blumenduft.
Wie jeden Morgen hat sich vom Hafen her eine Seebrise erhoben,
die erst gegen Abend abeppt.
Dann trägt nach kurzer Stille ablandiger Wind eine Ahnung der umliegenden Reisfelder,
Grasflächen, Wälder in die Stadt.
Hinweg über die trutzige, starke Mauer, die Batavia umgibt und schützt,
schützen muss, denn durch das Land um die Stadt schweifen Banden entlaufender
Sklaven sowie menschenfressende Tiger.
Zum Meer hin, in den Schiffen auf der Rede drängt sich seefahrendes Volk,
nicht selten gewalttätige, gotteslästerliche, versoffene Gestalten.
Und auch das ist Batavia, der beißende Geruch des Reisschnapses Arak und die
rauchschwaden abgefeuerten Schwarzpulvers, der beklemmende Dunst der Armut und
der stechende Schweiß der Unfreien.
Der dicke, würdende Brodem aus Blut, Todesnot und eng sich drängenden,
erregten Zuschauern, wenn vor dem Rathaus Missetäter geköpft werden, gepfehlt, gerädert,
das faulige Gas, das aus den Kanälen aufsteigt.
Der inneste Kern von Batavia jedoch, sein Sinn und Zweck, riecht nicht.
Er weckt weder Ekel noch Wolllust, sondern ruht meist stumm und neutral im Dunkel
einer weggesperrten Kiste oder besteht sogar nur aus einigen Zügen Tinte auf Papier.
Gleichwohl ist es eben dieser Stoff, auf dem Batavia gründet,
für den es Batavia gibt, der Batavias großer Herr und wahrer Gott ist,
für den seine Bewohner leben, sterben, kämpfen. Geld.
Denn die Stadt ist das pazifische Hauptquartier der Vereenigte Ostindische Kompanie,
der niederländischen Ostindien-Kompanie, einer Aktiengesellschaft.
Obwohl die VOC ein privates Wirtschaftsunternehmen ist, hat sie Rechte wie ein
Staat, rekrutiert Soldaten und führt Krieg, annektiert Land und gibt den unterworfenen Gesetze.
Dennoch dient sie nur einem einzigen Ziel, einen niederländischen Gulden in
zwei zu verwandeln, in vier, in vierzig, hunderte Profit zu machen.
Weder der Machtanspruch eines Fürsten noch Ruhmlust oder Glaubensei vertreibt
die Niederländer, und anders als viele Kolonialherren wollen sie nicht missionieren,
sondern setzen auf einen schnörkellosen Kapitalismus,
ergänzt um das Mittel roher Gewalt.
Der Mangel an höheren Idealen lässt die VOC weder friedlicher noch weniger brutal
zu Werke gehen, als etwa die Spanier in Amerika, allenfalls effizienter.
Von Batavia aus erschafft die Gesellschaft binnen weniger Jahrzehnte ein pazifisches
Handelsimperium, das die kleinen Niederlande in eine wirtschaftliche,
und damit auch militärische und politische Weltmacht verwandelt,
in ein Kolonialreich des Geldes.
Die Niederlande liegen an einem zentralen Küstenstreifen Europas,
im Mündungsgebiet bedeutender Flüsse.
Schon seit dem Mittelalter wachsen hier nach und nach kleinere und größere Städte
heran, deren Bürger oftmals vom Handel leben.
Ihre verkehrsgünstig gelegenen Häfen und Messen locken Italiener,
Kastilier und Portugiesen an, Händler aus Süddeutschland und Hanse-Kaufleute.
Bald beteiligen sich auch immer mehr der einheimischen Fischer und Schiffer
am internationalen Frachtgeschäft Holen Getreide aus dem Baltikum,
führen Bier, Tuch und Hering aus Sie reisen bis ins Mittelmeer an die Levante,
Wachsende Handelsgewinne und Bevölkerungsdichte wiederum lassen die Nachfrage
nach Gütern des täglichen Bedarfs steigen Damit das städtische Gewerbe und eine
intensive Landwirtschaft gedeihen.
Um 1550 gewinnt unter den wohlhabenden, oft gebildeten Niederländern eine sehr
strenge Spielart der Reformation vieler Anhänger der Calvinismus.
Seine Prediger verdammen Bilder und Zierrat, preisen nüchterne Tüchtigkeit und
betrachten Reichtum als Beleg dafür, dass ein Mensch von Gott erwählt ist.
Die Landesherren aus dem Hause Habsburg jedoch, zugleich Könige von Spanien,
Mögen weder die neue Konfession dulden, noch respektieren sie die alten Vorrechte
der Niederländer, fordern immer höhere Steuern.
1566 kommt es deshalb zum Aufstand.
Der Kampf zwischen dem Küstenstreifen und dem Weltreich der Habsburger scheint
ungleich, doch das Imperium hat an vielen Fronten zu kämpfen und erleidet immer wieder Rückschläge.
Nach knapp 20 Jahren Krieg zerfallen die Niederlande daher in einen habsburgisch-katholischen Süden,
der etwa dem heutigen Belgien entspricht, und einen unabhängigen,
kalvinistisch geprägten Norden, die Republik der Vereinigten Niederlande.
Der Kampf zwischen beiden Lagern indes geht weiter und er bleibt nicht auf Europa beschränkt.
1595 brechen erstmals vier Schiffe aus Amsterdam in Richtung Südpazifik auf,
zum Hafen und Markt von Banten auf Java.
In jene Weltgegend, aus der kostbare und exotische Waren nach Europa gelangen,
für die jedoch gemäß dem Vertrag von Tortillas Lissabon ein Handelsmonopol beansprucht.
Portugal aber ist nach dem Aussterben seiner Königsdynastie 1580 an Spanien
gefallen und nun schicken sich die niederländischen Kaufleute an,
in das überseesche Imperium der Ibera einzudringen.
Zwei Jahre lang ist der kleine Verband unterwegs. Der Befehl lautet,
den Portugiesen in dem riesigen, schwer zu überwachenden Gebiet möglichst auszuweichen.
Dennoch geht ein Schiff verloren, überleben auf den drei anderen nur 89 von
ursprünglich 248 Mann Entbehrungen, Krankheiten und Scharmützel mit Piraten.
Schlimmer noch für die Besitzer, dank ungeschickter Verhandlungen umfasst die
teuer eingekaufte Ladung nur, Einige Fässer Pfeffer.
Doch selbst dieser enttäuschende Ertrag deckt immerhin die Auslagen.
Und so wagen sich bereits im Jahr darauf weitere Kauffahrer hinaus.
Insgesamt schicken niederländische Händler in den folgenden fünf Jahren 65 Schiffe
in 14 Flotten zu den reichen Märkten des malayischen Archipels.
Etliche Crews gehen unter, andere aber tragen den Kapitalgebern eine Rendite
von bis zu 400 Prozent ein.
Denn sie bringen einige der kostbarsten, begehrtesten Güter überhaupt nach Europa. Gewürze.
Seit dem Altertum sind fernöstliche Gewürze in Europa begehrt.
Einige machen Getränke und Speisen haltbar.
Andere überdecken mit ihren intensiven, gefälligen Aromen zumindest einen verdorbenen Geschmack.
Auch werden ihnen heilende Eigenschaften zugeschrieben. Pfeffer soll gegen Verdauungsbeschwerden
helfen, gegen die Pest, gegen ungewollte Schwangerschaft.
Muskatnuss fördert angeblich Lust und Fruchtbarkeit, wird aber auch verwandt,
um Bier zu würzen, sofern man es sich leisten kann.
Denn die auf weiten, gefahrvollen Wegen herbeigeschaffte Ware ist enorm teuer. Ein Statussymbol.
Außer dem besonderen Geschmackserlebnis verschaffen die exklusiven Körner,
Rinden und Pulver jedem, der sie üppig verwendet, das Ansehen eines reichen
und großzügigen Mannes.
Entsprechend duften die Gerichte an den Tafeln der Vermögenden intensiv nach
den betörenden Aromen der Gewürze,
schmeckt die Martins ganz kräftig und scharf nach Pfeffer, Rotkohl nach Ingwer
und der Rotwein vor allem nach Nelken, Zimt und Kardamom und weniger nach Trauben und Tanninen.
Auch daher die große Nachfrage und die anfangs riesigen Gewinnspannen.
Doch dann droht das wachsende Angebot in den Niederlanden die Erlöse zu verderben,
Und zugleich treibt die Konkurrenz der europäischen Einkäufer in Asien die Preise hoch,
Die Erträge brechen ein Daraufhin kommt es zu Streit und offener Feindschaft
Zwischen den Asienfahrern der Provinzen Holland und Seeland Bemüht sich Amsterdam
um ein staatlich geschütztes Monopol,
Die Regierung aber fürchtet um den Zusammenhalt der jungen Republik.
Statt eine Firma oder Stadt oder Provinz zu privilegieren, bringt sie die Beteiligten
mit Druck dazu, sich zusammenzuschließen.
Und so entsteht im Frühjahr 1602 die veränigte Ostindische Kompanie.
Im Gegenzug erhält die VOC das Monopol
auf den niederländischen Handel im Indischen und Pazifischen Ozean.
Dazu gehört auch das Recht, ausländische Konkurrenten zu bekämpfen,
Land in Besitz zu nehmen, mit fremden Herrschern Verträge zu schließen.
Um diese Privilegien voll auszuschöpfen, wird die VOC im Laufe der Zeit auf
neuartige Weise organisiert.
Sie verbindet nicht mehr, wie bisher üblich, einen geschlossenen Kreis von Kaufleuten
für eine konkrete Expedition oder Frist,
sondern ist auf unbegrenzte Zeit gegründet und steht jedermann offen,
der eine kleine oder große Summe investieren will, ob Besitzbürger,
Handwerker, Fischer oder Bauer, Inn- oder Ausländer.
Jeder Teilhaber haftet nur in
der Höhe seiner Einlage, die er sich nach Belieben auszahlen lassen kann.
Theoretisch. Doch da das Kapital in Schiffen und Ware gebunden ist,
bürgert es sich ein, dass die Anteile stattdessen frei weiterverkauft werden.
Der niederländische Fachbegriff für einen Anteilsschein lautet Aktie.
Die VOC ist die erste moderne Aktiengesellschaft der Geschichte.
Deren Leitung bringen die reichen Kaufmannsfamilien an sich,
während die Kontrollrechte der Kleinanleger minimal bleiben.
Bald schanzen die Direktoren einander Posten, Lieferkontrakte und lukrative Firmenanleihen zu,
und lassen Anträge, wie den einer Gruppe Aktionäre, keinen Profit mit Gewalt
oder blankem Raub zu machen, gerichtlich abweisen.
Um ihre Interessen durchzusetzen, greift die Kompanie oft zu den Waffen.
Und wo ihre Segler auf die schweren, eher auf Größe ausgelegten Schiffe der Portugiesen treffen,
behalten ihre wendigeren, mit besserer Bordartillerie bestückten,
von schärfer gedrillten Mannschaften bedienten Frachter meist die Oberhand.
Dennoch agieren die ersten Vertreter der VOC in Asien anfangs eher verhalten.
1618 aber befördert die Geschäftsleitung einen energischen 31-Jährigen mit schmalen
Zügen und wachen Augen zum Generalgouverneur, dem ranghöchsten Angestellten in Asien,
Jan Pietesson Kuhn.
Zu der Zeit konkurrieren die Niederländer in dem Umschlaghafen Banten auf Java
mit türkischen, arabischen, persischen, indischen, chinesischen und englischen Kaufleuten
um Gewürze vor allem von den Molukken, einem ostwärts gelegenen Archipel,
dem wichtigsten Anbaugebiet von Gewürznelken und der einzigen Weltregion,
in der Muskatnüsse wachsen.
Kuhn lässt nun ein Zwischenlager des VOC in der Nähe eines 100 Kilometer von
Banten entfernten Städtchens namens Jakarta an der Mündung des Flusses Chilliwung
ausbauen und befestigen.
Binnen Kurzem müssen sich die Niederländer dort gegen Angriffe des Fürsten von
Jakarta, feindseliger Engländer und der Truppen des Sultans von Banten wehren.
Es kommt zu Gefechten und Belagerungen, die die VOC vor allem wegen der Rivalität
ihrer Gegner untereinander übersteht.
Im Mai 1619 kann Kuhn einige tausend Europäer sowie asiatische Söldner und ein
paar Dutzend Schiffe zusammenziehen.
Damit fühlt er sich stark genug, um selbst zu attackieren.
Seine Truppen fallen über Jakarta her. Töten oder verjagen die Einwohner,
brennen den Fürstenhof und die Stadt nieder.
Anschließend stecken die Niederländer auf den Ruinen eine künftige Siedlung
ab, Batavia, benannt nach dem Germanenvolk der Batava, das die Niederländer
als ihre Vorfahren betrachten.
Nachdem er so den Grund zu einem Hauptquartier der VOC in Asien gelegt hat,
bricht Kuhn 1621 zu den Molukken auf.
Schon frühere niederländische Expeditionen haben dort exklusive Lieferverträge
mit den Produzenten von Muskat und Nelken geschlossen.
Doch kaum verschwanden die fremden Schiffe Richtung Europa, fühlte sich auf
den Inseln niemand mehr an die Abkommen gebunden.
Nun landet Kuhn mit knapp 2000 Mann auf der zu den Molucken gehörenden Banda-Inselgruppe,
der Heimat des Muskatnussbaums.
Über Wochen brennen die gut bewaffneten Soldaten Dörfer und Siedlungen nieder,
verschleppen hunderte Männer, Frauen und Kinder auf Sklavenmärkte.
Sie foltern, vierteilen und köpfen mehr als 40 Anführer, töten jeden,
der Widerstand leistet.
Wer kann, flieht ins Innere der Inseln, wo es wenig zu essen gibt,
der Tod nur etwas langsamer kommt.
Von den 15.000 Insulanern überleben ein paar Hundert.
Das Land teilt Kuhn in Parzellen, die er an Niederländer vergibt.
Als Ersatz für die ermordeten Einheimischen führen die Siedler und die VOC zur
Bewirtschaftung Sklaven aus
anderen Teilen Asiens ein und beherrschen bald den Weltmarkt für Muskat.
Der Gewürznelkenbaum hingegen ist weiter verbreitet, der Handel mit den wertvollen
Knosten deutlich schwerer zu kontrollieren.
Dennoch versucht Kuhn auch dies. 1623 lässt er auf der Nelkeninsel Ambon in
den Molukken je zehn englische und japanische Händler zur Abschreckung verhaften,
foltern und hinrichten.
Es ist der Auftakt zu einem jahrzehntelangen, am Ende erfolgreichen Kampf gegen
europäische und asiatische Konkurrenten.
In dessen Verlauf zerstören die Niederländer gezielt Nelken und Muskatplantagen,
um Wettbewerber auszuschalten und die Preise hochzutreiben, brechen Widerstand mit List und Gewalt.
Sie verfügen über exzellente nautische Fähigkeiten und Kenntnisse,
konzentrieren ihre Kräfte jeweils mit maximaler Entschlossenheit auf ein Ziel.
Und weil die modern organisierte VOC mehr Kapital mobilisiert,
ihre Kriegskasse besser gefüllt ist,
unterhält sie in Asien bald eine größere und stärkere Flotte als alle Rivalen,
wirbt mächtigere Kontingente von Söldnern an.
Handel und Krieg nähren sich wechselseitig. Ein chinesischer Beobachter schreibt
über die Niederländer, sie sind gierig und schlau.
Für Profit wagen sie ohne Zögern ihr Leben.
Wer sie auf See trifft, wird unweigerlich beraubt.
Allein Raub ist nicht nachhaltig.
Um aber den Muskatpächtern, der VOC, malayischen Gewürzbauern und asiatischen
Händlern die wertvolle Ware abzukaufen,
müssen zunächst große Summen in Europa zusammengebracht und unter Gefahren nach
Asien geschafft werden.
Über Monate liegt das Kapital unproduktiv auf Schiffen, in Kontoren und in Europa.
Und so denkt Jan Kuhn darüber nach, das Geschäftsmodell der VOC zu erweitern.
Denn wäre es nicht viel vorteilhafter, wenn sie das erforderliche Geld in der
Region selbst verdienen würde, und zwar indem sie sich in den innerasiatischen
Fernhandel einschaltet?
Und tatsächlich dringen die Niederländer binnen Kurzem auch in dieses Geschäft vor.
Mit Kenntnisreichtum, Verhandlungsgeschick, aber auch guten Angeboten.
Ihre in mehreren Größen standardisierten Dreimaster sind kostengünstig,
ideal für den bewaffneten Langstreckenhandel und lassen sich mit kleinen Mannschaften bedienen.
Das von Kuhn ins Leben gerufene System dehnt sich schnell aus.
Bald schon bringen VOC-Schiffe von Indien Gewürze, Textilien und feines Rochenleder
nach Japan, wo sie dafür Gold, Silber und Kupfer erhalten.
Sie schaffen chinesische Seide, Lackarbeiten, Porzellan und Tee
sowie indischen Pfeffer, Kaurimuscheln, Kokosfasern, Betelnüsse nach Persien
und bringen von dort Juwelen, Wein, Früchte, Brokatstoffe und Pferde mit.
Aus Birma holen die Männer der Kompanie Reis, Sklaven und Elefanten,
von Mauritius Ebenholz aus dem malayischen Malakka, Zinn.
Den König von Sian beliefern sie mit Waffen und Stoffen, erhalten dafür Tropenhölzer,
Häute, Wachs und Elfenbein.
Auf Sumatra ertauschen sie Gold und Pfeffer.
Und allenthalben transportieren sie Massengüter wie Reis und Weizen.
Sie sind verlässliche, gut organisierte Spediteure zur See, die nebenher auch
noch die eigenen Garnisonen und Handelsstützpunkte mit Getreide,
Öl, Schinken, Bierwein und Essig versorgen.
Jan Peters Sohn Kuhn erlebt diese Blüte freilich nicht mehr mit,
der ebenso gebildete wie grausame Pionier, seine Maxime lautete,
nicht verzweifeln, den Feind nicht schonen,
ist bereits 1629 einer Tropenkrankheit erlegen.
Bei ihrem Vorgehen hilft es den Niederländern im Umgang mit ihren Kunden und
Lieferanten, dass sie bei aller Aggressivität überschaubare Ziele verfolgen.
Anders als Portugiesen und Spanier streben sie weder nach Macht und einem Weltreich
noch nach Ausbreitung ihres Glaubens. Sie wollen Geld verdienen,
nicht mehr und nicht weniger.
Bis Ende der 1660er Jahre verdrängt die Kompanie die Portugiesen mit geschickter
Bündnispolitik und Gewalt von der Zimtinsel Ceylon, heute Sri Lanka,
und der Pfefferküste im Westen Indiens.
Sie zwingt die übrigen Europäer zum Rückzug aus ihren verbliebenen Stationen
auf den Molucken und sichert sich endgültig ein weitgehendes Muskat- und Nelkenmonopol.
Zum Profit tragen auch erhebliche Mengen Baumwolle und Seide,
Salpeter, Zucker und Indigo bei.
In der Heimat streichen die Aktionäre der Kompanie in guten Jahren mehr als 100% Dividende ein,
wächst Amsterdam zur dominierenden Drehscheibe des Welthandels heran,
zum Zentrum der internationalen Finanzwirtschaft.
Und fast alle Güter müssen ein Nadelöhr passieren, eine Kontrollstation zur
Wahrung des Monopols, das Zentrum des Handelsimperiums auf Java, Batavia.
Der Ort gleicht einer Fata Morgana. Mancher Seemann, der nach einem halben Jahr
Entbehrung an Bord eines von Stürmen geschüttelten,
unter südlichen Flauten glühenden Ozeanfrachters plötzlich eine adrette,
europäisch ummauerte Stadt vor sich auftauchen sieht, ist überrascht,
ungläubig,
überwältigt.
Zuvor ist der Konvoi vor Batavia zwischen kleineren und größeren Inseln hindurch
navigiert, die zum Teil von den Niederländern befestigt worden sind.
Auf Onrust etwa sind Gebäude aus Ziegeln und Steinkorallen zu sehen,
ein Dock, windgetriebene Segemühlen, davor Schiffsleiber.
Rund 200 Zimmerleute, Seiler, Segelmacher bessern dort auf einer Werft Frachter
mit Hilfe von Sklaven aus.
Bald werden auch die eben einlaufenden, von der Reise übel mitgenommenen Schiffe hier liegen.
Zunächst aber werfen sie auf der Rede vor Batavia Anker.
Ein Wachschiff feuert zur Begrüßung Salut, dann kommt ein Zollinspektor mit
seinen Gehilfen an Bord und durchsucht die Ladung auf nicht deklarierte Ware.
Kaum ist er fort, erscheinen chinesische Krämer, um den Matrosen europäische
Messer und Nadeln, Spiegel, Hüte und Mützen, Wollsachen abzukaufen.
Den Chinesen folgen heimische Händler auf einer Flotte kleiner Boote,
die den ausgehungerten Männern für das eben eingenommene Geld,
frisches Obst und würzige Leckereien anbieten.
Eine gefährliche Versuchung.
Wer sich den Bauch allzu sehr voll schlägt mit den ungewohnten Köstlichkeiten,
bekommt schnell fiebrigen Durchfall, ringt binnen Stunden, entkräftet mit dem Tod.
Derweil lassen andere sich an Land rudern, passieren kleine und große Segler,
Kriegsschiffe sowie Leichter, die in dichtem Betrieb zwischen den Frachtern,
den Anlegestellen und Lagerhäusern Güter hin und her schaffen.
Javanische Auslegerboote, chinesische Junken,
immer höher, gewaltig und abweisend wächst vor den Näherkommenden das Kastellempor,
das die Einfahrt in den Chileun-Fluss bewacht.
Die mächtigste von Europäern errichtete Verteidigungsanlage in ganz Asien.
Über einem breiten, mit Wasser gefüllten Graben ragen sechs Meter hohe Welle
aus Steinkorallen, deren vier Ecken noch einmal zu stärkeren Bastionen ausgebaut worden sind.
Der Ort ist ideal gelegen. Batavia beherrscht die Sunda-Straße,
eine von zwei direkten Durchfahrten zwischen dem Indischen Ozean und dem Südchinesischen Meer.
Sein in einer Bucht gelegener, durch die vorgelagerten Inseln geschützter Hafen
kann auch bei Unwetter und zu jeder Jahreszeit gut angelaufen werden,
eine Ausnahme in der Region.
Der Xiliwung versorgt die Niederlassung mit reichlich Frischwasser.
Das Klima ist außergewöhnlich mild für eine Ansiedlung, so wenige Breiten gerade südlich des Äquators.
Selbst die Monsunregen, die im Winter über Tage anhalten, sind willkommen,
denn sie töten lästige Insekten und spülen sie fort.
Im Inneren der Festung, unter deren Bastionen das Boot mit den Neuankömmlingen
entlang gleitet, hat der Generalkouverneur seinen Sitz.
An zwei Nachmittagen in der Woche versammelt er hier den Indischen Rat,
der die Geschäfte der VOC vor Ort steuert.
Im Gebäude daneben residiert der zweitmächtigste Angestellte der Kompanie in
Asien, der Generaldirektor Batavias am härtesten arbeitender Mann.
Denn er trägt die Verantwortung für jedes Schiff der Gesellschaft,
das hier beladen, verproviantiert und auf die Reise geschickt wird.
Ihm obliegt die Aufsicht über die Kontenbücher und die riesigen Lagerhäuser Batavias.
Er ist für die rechtzeitige Versorgung der Außenposten und die Korrespondenz
mit deren Leitern ebenso zuständig wie für die pünktliche,
größtmöglichen Gewinn verheißende Zusammenstellung der zweimal im Jahr abgehenden Konvois nach Europa.
Vom frühen Morgen an drängen sich vor dem Gebäude seines Stabes die Kapitäne,
ihre Offiziere, Handelsagenten der Kompanie, Kuriere,
um etwas zu melden, eine Unterschrift einzuholen, eine Anweisung ändern oder
Genehmigung erteilen zu lassen, Rat zu erbitten oder ungefragt anzubieten.
Nicht weit entfernt, in der Nähe der großen Waffenarsenale, werden die aus Europa
eingetroffenen Rekruten gedillt.
Knapp 1000 Soldaten leben in den kargen Kasernen auf der Zitadelle und in fünf
befestigten Stadttoren.
Die Disziplin ist brutal. Der Strafenkatalog sadistisch, der Sold? Gering.
Von der prächtig gelb- und rot ausstaffierten Gouverneursgarde abgesehen,
tragen die meisten Männer private Lumpen statt Uniform. Warum fehlen nicht einmal Schuhe?
Diese Habenichtse, die sich aus persönlicher Not, Leichtsinn oder Abenteuerlust
haben anwerben lassen, darunter viele Ausländer, auch Deutsche,
sind der Kompanie kaum das Nötigste wert.
Aus der Garnisonsküche dringt denn auch Tag für Tag der gleiche Dunst von Reis- und Hülsenfrüchten.
Zweimal pro Woche gibt es Reissuppe mit zerkochtem Büffelfleisch, sonntags Kokosbrei.
Immerhin darf jeder den monotonen Fraß frei mit Salz, Pfeffer und Essig nachwürzen.
Nach überstandener Ausbildung an Pike und Gewehr wird ein Kämpfer in die Garnison
übernommen oder auf einen moskitoverseuchten, blutig umkämpften Außenposten geschickt.
Hat das Boot mit den Neuankömmlingen aus Europa die Zitadelle passiert,
gelangt es über den kanalisierten Fluss bis mitten in die Stadt,
nicht selten direkt zu der gewünschten Adresse, denn Batavia wird durchzogen
von einem Gitter aus Grachten.
Und ebenso wie seine Straßen und Gassen verlaufen die künstlichen Wasserwege streng rechtwinklig.
Praktisch aus dem Nichts errichtet, soll das Hauptquartier der VOC dem barocken
Ideal einer rational eingerichteten Stadt so nahe kommen wie möglich.
Die Kanäle, in denen das Boot gleitet, sind gesäumt von schattenspendenden Kokospalmen
und Häusern im niederländischen Stil.
Schmale Reihenbauten, meist ein oder zwei Stockwerke hoch aus roten Ziegeln gemauert.
In der Kühle des Morgens und Abends sitzen die Bewohner mit einer Pfeife oder
einem Glas Wein auf dem Gehsteig davor, die in Asien so beliebten Straßenbuden
hingegen sind verboten.
Auf den steilen, von Treppengiebeln gegliederten Dächern stehen Schornsteinattrappen,
die an die Heimat erinnern sollen.
Vornehme Eingänge zieren kunstvoll in Stein gehauene Türfassungen.
Oft sind sie, wie die Bögen der Stadttore und viele der verbauten Ziegel,
als Ballast im Rumpf eines Frachtseglers gekommen.
Denn außer Gold und Silber hat Europa fast nichts zu bieten,
das in Asien begehrt wäre und die Schiffe auf der Heerfahrt füllen könnte.
An den Grachten, wo die Reichen wohnen, wirkt Batavia gediegen, blitzblank und neu.
Auf den ersten Blick kann die Stadt dem Neuankömmling wie ein Stück importiertes Holland erscheinen,
wären dann nicht die Krokodile, die zuweilen in die Kanäle dringen,
sowie die Menschen unterschiedlicher Sprache, Haartracht und Kleidung,
ihre Turbane und Zöpfe auf den Straßen.
Die Europäer bilden nur eine von vielen Minderheiten in dieser Stadt ohne Mehrheit.
Unter all den Chinesen, Indern, Malayen, Afrikanern, Japanern und Philippinern,
überdies eine wachsende Zahl von Abkömmlingen gemischter Beziehungen,
leben bei knapp 30.000 registrierten Einwohnern gerade einmal 2.000 Niederländer.
Die meisten sind Angestellte der Kompanie, denn deren Handelsmonopol schließt
Asien für private Kaufleute aus.
Handwerker und Bauern sind ohnehin kaum zu überreden, die reichen Niederlande zu verlassen.
Noch seltener finden sich Frauen bereit, in die Tropen zu gehen.
Selbst die Gattenen verheiratete Angestellter bleiben häufig lieber in der Heimat.
Und so nehmen sich deshalb etliche der Männer und zumal die Junggesellen eine
asiatische Haushälterin, de facto meist eine Konkubine.
Kommt es zu unehelichem Nachwuchs, erkennen viele Niederländer ihn an und so
bilden die Kinder dieser Beziehungen nach und nach die Mehrheit der als Europäer
verzeichneten Batavia.
Sie sind formal freie Stadtbürger, werden aber dennoch oft mit Misstrauen oder
Verachtung behandelt, es sei denn, die Väter bezahlen ihnen eine westliche Erziehung,
womöglich eine Ausbildung in Europa.
Dann spielt das Antlitz eine geringere Rolle als die Fertigkeit.
Und als das Vermögen natürlich. Im Kapitalismus sticht der Gulden die Herkunft.
Andere Niederländer gehen offen eine Ehe mit einer einheimischen Frau ein,
die dann den Status ihres Mannes teilt.
Und manche ihrer Töchter steigen an der Seite hoher Manager auf zu ersten Damen Batavias.
Allerdings verliert ein mit einer nicht weißen verheirateter VOC-Angestellter
sein Rückkehrrecht in die Niederlande.
Batavias Sitten mögen den VOC-Direktoren und calvinistischen Pastoren in der Heimat ein Gräuel sein.
Etwas ausrichten können sie dagegen aber ebenso wenig wie gegen den auf Java
um sich greifenden Geschmack am Luxus.
So reitet Generalgouverneur Cornelis van der Leyen um 1650 mit seinen Räten
und Gästen auf einer Auswahl edelster arabischer Pferde zur Jagd in funkelndem
persischem Schmuckzaumzeug,
begleitet von den angehörigen Damen in sechsspännigen Kutschen,
einer Kompanie mit purpur und silber herausgeputzter Kavallerie sowie einer Kompanie-Infanterie.
Trotz der Hitze tragen reiche Niederländer zumindest bei offiziellen Gelegenheiten Perücken
sowie die schwarze gedeckte Tracht ihrer Heimat mitsamt den feinen weißen Rüschen,
goldenen Schnallen und Knöpfe, die den kalvinistischen Vorbehalt gegen Luxuskonsum elegant unterlaufen.
Zuweilen treten die Frauen den Kirchgang in Kleidern aus Seide und Satin mit
Goldrändern an, edel, behängt mit Geschmeide und gefolgt von einer stattlichen Schar an Sklaven.
Denn in Batavia demonstriert man mit einem großen Gefolge an Unfreien seinen Reichtum und Status.
Wer es sich leisten kann, kauft bei örtlichen und VOC-Händlern 100 und mehr
Mädchen und Jungen für den Hausdienst zusammen.
Pagen, Bügelfrauen, Näherinnen, Friseure, Köche, Bäcker, Kutscher,
Tee, Zubereiter, Lampenanzünder, Musikanten und Masseure.
Als besonderes nur dem höchsten Personal der VOC vorbehaltenes Prestigesymbol
gilt ein Sonnenschirmträger, der hinter seinem Herrn herläuft.
Die Haussklaven leben meist auf den Hinterhöfen der vornehmen Anwesen,
sind der Willkür ihrer Besitzer ausgeliefert, ähnlich brutalen Strafen unterworfen wie Soldaten.
Manche Halter haben stets eine Waffe griffbereit auf Sorge, einer ihrer Unfreien
könnte die Nerven verlieren und sie angreifen.
Eher jedoch fliehen die Verzweifelten in den Dschungel, schlagen sich in Banden
durch und nehmen blutig Rache an Europäern, die ihnen in die Hände fallen.
Auch in den Werkstätten der Kompanie arbeiten überwiegend Sklaven.
Sie sind eng zusammengedrängt in kleinen Hütten untergebracht,
teils direkt bei ihren Arbeitsplätzen, öfter in einem eigenen Quartier vor den
Stadtmauern, Die Sterblichkeit ist hoch.
Zuvor sind sie unter teils fürchterlichen Verlusten aus ganz Südasien verschleppt
worden, nur nicht von Java selbst.
Ohnehin ist es Javanern verboten, sich in Batavia niederzulassen,
denn die VOC fürchtet, einheimische oder große Gruppen der gleichen Herkunft
könnten sich leichter zu einem Aufstand zusammenfinden.
Daher akzeptieren die Niederländer auch die Vielfalt der Bäuche,
Sprachen, Religionen in Batavia, versuchen gar sie zu erhalten,
um so eine gemeinsame Verschwörung und Rebellion gegen die Herren der Stadt
weniger wahrscheinlich zu machen.
Zu den Einwohnern mit den geringsten Rechten gehören auch die zu Zwangsarbeit Verurteilten,
darunter etliche Europäer, die lange auf der Zitadelle gehalten wurden,
nun im Sklavenviertel außerhalb der Mauern leben und aneinandergekettet zu besonders
schweren und gefährlichen Arbeiten eingesetzt werden.
Insgesamt zählt fast jeder zweite Einwohner der Stadt zu dieser bedenkenlos
ausgebeuteten Schicht unfreier Arbeiter.
Ihre Besitzer sind zumeist Niederländer, sowie die Wohlhabenden der knapp 3000 Chinesen in Batavia.
Die prägen das Hauptquartier der VOC beinahe ebenso stark wie die eigentlichen Herren.
Die Aspora-Chinesen leben seit langem auf dem indonesischen Archipel.
Bereits Yang Kun förderte ihre Ansiedlung in Batavia nach Kräften.
Zum einen, weil die Junken ihrer Fernkaufleute Zugang zu dem sonst weitgehend
verschlossenen Reich der Mitte hatten.
Zum anderen schätzte Kun die Chinesen als geschickte Handwerker und Landwirte,
findige Kleinhändler, fleißige Arbeiter und Fischer.
Inzwischen rudern sie in Batavia Wassertaxis und leichter, führen Gastwirtschaften
und Teehäuser für die Seeleute.
Ihre Gemeinschaft hat es den Niederländern nachgetan und ein Waisenhaus gegründet,
ein Hospital, ein Altenheim.
Mindestens ein Gebetshaus teilen sich Taoisten und Muslime.
Daneben gibt es mehrere buddhistische Tempel, aus denen der Duft von Räucherkerzen dringt.
Seefahrer opfern den Göttern für eine wohlbehaltene Ankunft.
Die reichen Chinesen wohnen oft an den gleichen vornehmen Grachten wie die wohlhabenden
Europäer, zuweilen als direkte Nachbarn, oft auch an unterschiedlichen Enden einer Straße.
Neben Handel betreiben sie Pflanzungen, Zuckermühlen und Destillen vor der Stadt,
wo sie Arak brennen, den scharfen süßen Schnaps aus Reis, Maische und Zuckerrohr oder Palmsaft.
Dort sind auch viele ihrer Sklaven eingesetzt, weniger Luxusartikel als arbeitendes Kapital.
Tägliche Verkehrssprache zwischen Batavias Völkerschaften ist jedoch weder niederländisch
noch chinesisch, sondern malayisch, das traditionelle Idiom der Händler in der Großregion.
Oder ein Pidgin-Portugiesisch, das sich mit den ersten europäischen Kolonialherren
in ganz Südostasien verbreitet hat.
Entstanden ist diese Mundart unter den sogenannten Mardaikas,
ehemaligen einheimischen Sklaven der Portugiesen, die den christlichen Glauben
meist auch europäische Namen angenommen und dafür die Freiheit erhalten haben.
In Batavia betreiben sie kleine Läden und Kramhandel.
Die Madaikias kleiden sich gern in einer bunten Kombination aus portugiesischen
Seidenhemden mit Kräuselbändern am Handgelenk, bequemen Hosen und westlichen
Hüten mit einer Feder daran.
Und obwohl sie gemäß der strengen Kleiderordnung Batavias wie alle Christen
Schuhe tragen dürfen, gehen viele lieber barfuß.
Zudem ziehen sie in die Viertel vor die Stadtmauern und halten dort Schweine,
Tauben und anderes Geflüge, bauen auch Gemüse für den Markt und Zuckerrohr an.
Einige wenige werden reich, andere verdingen sich bei den Truppen der VOC.
Mit den Jahrzehnten verwischen sich zwischen den Völkerscharen manche Grenzen.
Sie tauschen nicht nur Güter und Ehepartner, sondern auch Gepflogenheiten, Ansichten.
Die Zahl der Niederländer, die nicht mehr nach Europa zurückkehrt,
nimmt immer weiter zu und damit auch die Fremdheit zwischen den Kolonisten und der alten Heimat.
Eines jedoch bleibt bestehen, das kapitalistische Regime, das Prinzip des Profits.
Kein Glaube, keine Moral, kein rassisches Vorurteil, kein Geburtsdünkel kann
ihm auf Dauer widerstehen.
Manchen Neuankömmling trägt das Boot vom Schiff direkt in Batavias Krankenstation.
In deren muffigem und feuchtem, schlecht belüftetem Inneren kann er sein Fieber
oder seine Wunde, die Strapazen der Seereise und des Klimawechsels auskurieren oder,
sie bleibt das Letzte, was er von der wohl schönsten europäischen Ansiedlung
in Asien zu sehen bekommt.
Alle gesunden Rekoten der VOC bekommen nach ihrer Ankunft in Batavia drei Tage
frei, um sich zu erholen und zurechtzufinden.
Sie atmen die exotischen und starken Gerüche, schmecken die fremden Gewürze und Früchte.
Sie staunen über die riesigen Mengen von Fischen und Schalentieren,
Schlachtvieh und Gartengemüse auf den Märkten, die niedrigen Preise,
über den enormen Raum, den die Lagerhäuser einnehmen und vor Augen führen,
dass Batavia Besitz und Hauptquartier einer Aktiengesellschaft ist,
über die sauberen Gassen, über die Sklavenhasten, die für sie verbotenen Bürgersteige meidend.
Aus Fenstern klingt Musik. Unterricht für die Kinder eines höheren Angestellten.
Der Schrei eines zahmen Affen ist zu hören. Papageien geschwätzt.
Ungläubig beobachten die Neuankömmlinge, wie sich die einheimischen Frauen täglich,
zuweilen sogar mehrmals täglich, im Chiliwung waschen.
Andere steigen aus Umkleidehütten eine Treppe in einen Kanal hinab,
um vor ihrem Haus zu baden.
Selbst vornehme Europäerinnen kauen tagsüber gehackte und gewürzte Betelnüsse,
Asiens aufputschende Alltagsdroge, sogar in der Kirche.
Eine irritierende Nebenwirkung ist, dass sich der Speichel des kauenden Rot
färbt und verstärkt fließt.
Viele Männer verbummeln Zeit auf einer Kegel- oder Schlagballbahn,
in einer chinesischen Spielhölle, schauen Straßenakrobaten zu und prächtig gekleideten,
verführerischen Tänzerinnen.
Wer es versteht, hält seine Eindrücke in Zeichnungen fest.
Die weniger Feinsinnigen betrinken sich in einem der Bordelle,
die von der Obrigkeit gegen Schmiergeldzahlungen geduldet werden.
Die Prostituierten arbeiten in niedrigen Bambushäuschen außerhalb der Mauern,
in denen Bier und Arak ausgeschenkt wird, auch Kaffee und Tee.
Die Einheimischen unter ihnen reiben sich oft mit Kokosöl und Morschuss ein,
einem schweren Duft, der manchen aus Europa gekommenen Freier eher verschreckt als demoliert.
Hier, in der Gegend zwischen der ummauerten Stadt und dem Dschungel,
erstrecken sich sattgrüne Obstgärten und Reisfelder, deren Ernte auf Märkten
innerhalb der Mauern Fall geboten wird.
Und hier siedeln neben den Sklaven auch die Söldner der kriegerischen Balinesen,
Bukis, Maduresen und Ambonesen,
die bei Unterwerfungs- und Strafexpeditionen der VOC auf dem indonesischen Archipel
fast das gesamte Fußvolk stellen,
der Truppe Masse verleihen.
Am Abend schließen sich die Tore und Zugbrücken zwischen Batavia und seiner Vorstadt.
Posten stehen auf den Mauern oberhalb des Wassergrabens bei den Kanonen,
die zwar nach außen gerichtet sind, aber mit wenigen Handgriffen nach innen
gedreht werden können, um eine Meuterei der vielstämmigen Untertanen niederzukartetschen.
Wirklich sicher aber fühlen die wenigen Eroberer sich in dieser schwülen,
fantastischen Welt immer noch nicht.
Doch das befestigte Batavia und seine mächtige Zitadelle werden nie einer Revolte
oder einem offenen Angriff trotzen müssen, ihr Niedergang kommt eher schleichend.
Denn allmählich beginnen die hübschen Kanäle zu stinken, sie versumpfen und
werden zu Brutflächen für Malaria-Mücken,
so oft die unglückseligen Kettensklaven sie auch freiräumen.
Im 18. Jahrhundert verwandelt sich die vor dem Lebenswerte Kolonie in einen
tropischen Seuchenherd, Von
der gerühmten Königin des Ostens zum verteufelten Friedhof des Orients.
Vermutlich haben die europäisch gedachten Grachten die Strömung des Chilliwung verlangsamt.
Hinzu kommen wohl zwei Erdbeben und ein Vulkanausbruch um 1700,
die den Fluss in einen zähen, schlammigen Strom verwandeln.
Wer es sich leisten kann, zieht nun hinaus. Baut im höher gelegenen Hinterland
prunkende Herrenhäuser mit Gärten voller Skulpturen, Brunnen und Zierhecken,
gründet dort Plantagen.
Denn auch das reine Handelsgeschäft der VOC nimmt nach und nach ab.
Der Markt für Gewürze erlarmt.
Und zugleich wächst im Verlauf des 18. Jahrhunderts das Massengeschäft mit jenen
Kolonialwaren, auf die die Kompanie kein Monopol hat.
Tabak, Tee, Kaffee, Baumwollstoffe.
Vor allem die Engländer, die ebenfalls das Modell der Aktiengesellschaft für
sich entdeckt haben, verdienen daran und holen den finanziellen und militärischen
Vorsprung der Niederlande auf.
Ja, sie überflügeln den kleineren Konkurrenten schon bald.
Überdies stiehlt ein Franzose Ende der 1760er Jahre mehrere Muskatpflanzen von
den Molucken, setzt sie auf Mauritius an und leitet so das Ende der künstlichen Knappheit ein.
Und dann führen vor allem Seeschlachten zwischen Engländern und Niederländern
zu dauerhaften Verlusten an Schiffen und Seeleuten schließlich gar zum Ende
der niederländischen Vormacht auf dem Meer.
Vor allem aber kehrt sich das Prinzip, auf dem die VOC gründet,
gegen sie, der blanke Eigennutz.
Um Kosten zu sparen, bezahlt die Gesellschaft ihre Angestellten seit jeher lausig,
räumt ihnen aber bei der Heimfahrt eine nach Rängen gestaffelte Dienstfracht ein.
Privatgeschäft statt heuer.
Nur hält sich bald niemand mehr an die Obergrenzen, sondern jeder VOC-Mitarbeiter,
vom Matrosen bis zum Kapitän, stopft Kajüten und Laderäume illegal voll mit privater Ware.
Hafenaufseher und Lagerverwalter erhalten ihren Anteil, schauen weg.
Noch schlimmer ist es im innerasiatischen Handel. Auf manchen Routen beansprucht
Schmuggelware mehr Frachtraum als das reguläre Geschäft.
Die führenden Handelsfamilien, die seit Langem die eigenen Interessen über die
des Unternehmens stellen, tun wenig dagegen,
und verhelfen lieber ihren Söhnen zu schmiergeldträchtigen Positionen und damit
schnellem Geld oder verkaufen diese Stellen gleich an andere.
Kritiker lästern VOC Stilfe, vergoren under corruption, zerfallen unter Korruption.
Darüber hinaus begehen Großaktionäre und Geschäftsleitungen der Kompanie eine
flagrante Konkursverschleppung.
Über Jahrzehnte gleichen sie Verluste mit immer neuen Schulden aus und bewilligen
sich und den anderen Teilhabern für ihr Stillhalten stattliche Dividenden.
Der Todesstoß kommt am Ende aber
von außen. 1795 besetzen französische Revolutionstruppen die Niederlande.
Einheimische Aufständische gründen einen neuen Staat, die Batawische Republik,
und verstaatlichen noch im gleichen Jahr die VOC ohne Rücksicht auf das alte Patriziat.
Knapp fünf Jahre später erlischt die Gesellschaft offiziell.
Aus dem Generalgouverneur des liquidierten Unternehmens wird ein öffentlicher
Kolonialbeamter, dessen Stab nicht mehr in der Zitadelle von Batavia residiert,
sondern in der nahen, aber höher gelegenen Siedlung Weltfrieden.
Die überalterte Festung am Hafen belassen die Niederländer.
An die Stelle des weitgespannten VOC-Handelsnetzes, Netzes, dessen Stützpunkte
vor allem das britische Empire übernimmt,
tritt auf Java nun eine vom niederländischen Staat gelenkte Kolonie,
die Geld mit Anbau und Export von Kaffee, Zucker und Indigo,
später mit der Förderung von Öl und Kohle, Gold und Silber verdient.
Und die expandiert. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts dehnen die Niederlande ihre
Herrschaft über den gesamten indonesischen Archipel von Nord-Sumatra bis Neuginea aus.
Der Besitz macht das Land zu einer der größten europäischen Kolonialmächte neben
Großbritannien und Frankreich.
Im Zweiten Weltkrieg besetzen die Japaner dieses Inselreich.
Danach scheitert der Versuch, die niederländische Herrschaft wiederherzustellen.
1949 wird der größte Teil der Kolonie unter dem Namen Indonesien unabhängig,
Seine Kapitale, die fast eine Million Einwohner große Stadt Jakarta.
Bis 1942 noch offiziell bekannt als Batavia.
Das war Peter Kämpfe mit einer Geschichte aus der Geo-Epoche-Ausgabe der Kolonialismus.
Mehr Geschichten zum Hören und Lesen natürlich auch von Geo-Epoche und alle
unsere Podcast-Serien findet ihr auf Geo-Epoche+.
Dort gibt es auch die neuen Folgen von Verbrechen der Vergangenheit,
wie bei RTL Plus immer 14 Tage früher zu hören als auf den anderen Plattformen.
Ansonsten freuen wir uns, wenn ihr Verbrechen der Vergangenheit in euren Podcast-Apps
abonniert und mit vielen Sternen bewertet gerne.
Wenn ihr uns per Mail an verbrechendervergangenheit.geo.de Feedback gebt,
wenn ihr Geo-Epoche auf Instagram folgt und natürlich auch ganz einfach,
wenn ihr in zwei Wochen wieder hier dabei seid. Macht's gut bis dahin. Tschüss.