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Ostpreußen 1945: Das Schicksal der "Wolfskinder"

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Im Januar 1945 fliehen mehr als eine Million Ostpreußen vor der Roten Armee nach Westen. Sie verlieren Haus, Besitz – und oft auch ihre Kinder. Hunderte Kriegswaisen schlagen sich ins benachbarte Litauen durch. Eines dieser »Wolfskinder« ist die siebenjährige Liesabeth Otto 


Host und Redaktion: Insa Bethke (GEOEPOCHE)

Gast: Kirsten Bertrand (GEOEPOCHE)

Sprecher: Peter Kaempfe

Produktion: Wei Quan (RTL)


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... UND ZUM LESEN

Unter www.geo-epoche.de findet ihr unser

Im Januar 1945 fliehen mehr als eine Million Ostpreußen vor der Roten Armee nach Westen.

Sie verlieren Haus, Besitz und oft auch ihre Kinder.

Hunderte Kriegsweisen schlagen sich ins benachbarte Litauen durch.

Eines dieser Wolfskinder ist die siebenjährige Lisabeth Otto.

Verbrechen der Vergangenheit. Ein Crime-Podcast von GEO Epoche und RTL Plus.

Hallo, herzlich willkommen bei Verbrechen der Vergangenheit,

dem Podcast von GEO Epoche über die dunkle Seite des Menschen und der Macht.

Wer unser Special über das Kriegsende 1945 in Deutschland gehört hat,

der ahnt vermutlich das Thema, um das es in dieser Folge geht.

Das hätte dort auch sehr gut reingepasst, wie noch viele andere Geschichten

natürlich. Wir mussten uns da aber ja irgendwie beschränken.

Wer die Serie Deutschland 1945 noch nicht kennt, die gibt es weiter auf geo

plus zu hören. Schaut einfach auf geo.de-1945 vorbei. Da findet ihr alle acht Folgen.

Und übrigens die allererste, die erzählt auch eine sehr bewegende,

sehr persönliche Fluchtgeschichte aus den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs.

Hier blicken wir gleich auf das Schicksal der sogenannten Wolfskinder.

Vorher musste ich aber nochmal um Entschuldigung für einen Fehler bitten,

den wir in unserer letzten Folge gemacht haben über den Schwarzen Prinzen.

Da geht es am Ende um die letzte große Schlacht des Hundertjährigen Krieges.

Und die fand 1453 natürlich nicht, wie von uns behauptet, bei Chrissy statt,

wo tatsächlich auch eine epochale Schlacht geschlagen wurde,

aber das schon 1346, sondern es handelt sich um die Schlacht von Castillon.

Vielen Dank an alle, die uns per Mail oder über die Kommentarfunktion in den

Podcast-Apps darauf hingewiesen haben.

Jetzt aber zu dieser Folge. Bevor wir gleich die Reportage über die Wolfskinder

hören, blicken wir einmal auf die gewaltige Dimension der Vertreibung,

die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs insbesondere in der Mitte und im Osten Europas einherging.

Dafür sitzt meine Kollegin Kirsten Bertrand hier bei mir im Studio. Ich bin Insa Bethke.

Wir freuen uns, dass ihr zuhört. Und ja, schön, dass du da bist, Kirsten.

Ja, hallo Insa. Schön, wieder hier zu sein.

Also Kirsten, das Kriegsende 1945, die Befreiung Nazi-Deutschlands durch die

Alliierten, die bringt nicht nur ein Ende der Kampfhandlungen,

gleichzeitig beginnt eine beispiellose Flüchtlingswelle, die sich durch Europa zieht.

Denn jetzt nach dem Krieg werden die Grenzen in Europa neu gezogen und das ohne

Rücksicht auf die Menschen.

Ja, stimmt genau. Und diese neue Grenzziehung, die hat ja eine längere Vorgeschichte.

Also nehmen wir jetzt beispielsweise einmal Polen. Also wir erinnern uns,

im September 1939 marschieren die Wehrmacht und die Rote Armee in Polen ein

und schon da beginnt ja eine wirklich leidvolle Geschichte für die polnischen Einwohner.

Also Deutsche wie Sowjets, die deportieren die Menschen dort aus diesen Teilungsgebieten,

sie rekrutieren Zwangsarbeiter.

Und Soldaten und sie ermorden Unschuldige. Niemand kennt die Zahl der Opfer

ganz genau, aber sie geht mit Sicherheit in die Millionen.

Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941,

da fand ja die, sagen wir mal, Zweckgemeinschaft zwischen Hitler und Stalin ein abruptes Ende.

Und als sich 1943 dann die Niederlage Nazi-Deutschlands abzeichnete,

da wurden die Weichen neu gestellt und das in Teheran.

Ja genau, also Ende 1943, da kommen in Teheran die Führer der Alliierten zusammen.

Da sitzen dann US-Präsident Roosevelt, der sowjetische Diktator Josef Stalin

und Großbritanniens Premierminister Winston Churchill zusammen,

um unter anderem über die Nachkriegsordnung zu beraten und zu verhandeln.

Und Stalin macht dabei unmissverständlich klar, dass er den russisch besetzten

Osten von Polen behalten will.

Was ja ungefähr die Hälfte des damaligen polnischen Staatsgebietes war.

Ja, also ziemlich viel Gebiet.

Und Polen sollte dann zum Ausgleich oder als Entschädigung nach Westen verschoben

werden. Also ihm sollte bisheriges deutsches Hoheitsgebiet zugeschlagen werden.

Das waren vor allen Dingen Schlesien, Hinterpommern und Teile Ostpreußens.

Die Westmächte, die da eben mitsaßen, die hatten den im Grunde genommen maßlosen

Forderungen Stalins auch nicht viel entgegenzusetzen.

Denn sie waren ja im Kampf gegen Hitler ganz maßgeblich auf die Schlagkraft

der Roten Armee angewiesen.

Also in Teheran stimmten sie den Forderungen der Sowjets weitgehend zu.

Die Polen selbst, die wurden gar nicht erst gefragt, die wurden nicht mal wirklich unterrichtet.

Es gab eine polnische Exilregierung, die saß in London und die erfuhr wohl erst

im Herbst 1944 von diesen Plänen.

Jeglicher Protest kam da aber schon zu spät.

Und diese Westverschiebung der Grenzen, die führte zu millionenfachen menschlichen Dramen.

Ja, wenn man sich das mal vor Augen führt, die Sieger hatten anscheinend die

Vorstellung, dass man ein Land einfach verschieben kann wie ein Möbelstück.

Polen sollte um einige hundert Kilometer nach Westen wandern.

Und damit sollten dann folglich auch im Endeffekt mehr als zwei Millionen polnische

Menschen nach Westen wandern. Sie sollten alles aufgeben, ihre Sachen packen,

ihre Höfe und Felder aufgeben, ihre Kirchen, Friedhöfe.

Und dann sollten diese Menschen nach Westen an fremde Orte gehen,

wo zuvor ja andere Leute, nämlich Deutsche, genauso ihre Wohnungen,

ihre Felder und Friedhöfe aufgegeben hatten und ihrerseits nach Westen und in

die Fremde ziehen mussten.

Lässt sich da eine Zahl greifen? Also wie viele Menschen damals insgesamt auf der Flucht waren?

Also die Zahlen variieren erheblich. Das ist wirklich schwer zu sagen.

Es gibt Schätzungen, die gehen davon aus, dass sich 12 bis 14 Millionen Deutsche

aus den Ostgebieten des Deutschen Reichs und aus anderen Gebieten natürlich

in Ost-, Mittelost- und Südosteuropa aufgemacht haben.

Die großen Flüchtlingsströme, die großen Trecks, die begannen jedenfalls schon

im Sommer und Herbst 1944, als die Rote Armee immer weiter Richtung Westen vordrang.

In Ostpreußen, in Ostpommern, in Schlesien und auch so im Gebiet um Danzig,

also größtenteils nicht alles deutsche Gebiete, da lebten damals so um die 10

Millionen Deutsche. Und fast die Hälfte begab sich damals schon auf die Reise ins Ungewisse.

Also zu einer Zeit, als in diesen Gebieten noch deutsche Behörden mehr oder

weniger das Sagen hatten, wie standen die denn zu den zunehmenden Fluchtbewegungen?

Das war im Herbst 1944 tatsächlich problematisch. Die NS-Führung hatte sogar

Bahnreisen über mehr als 100 Kilometer verboten.

Man wollte eben den Widerstandswillen der deutschen Soldaten im Osten stärken

und deshalb wollte man verhindern, dass sich da massenhaft Menschen Richtung

Westen quasi zurückzogen.

Die Bevölkerung kann man sagen, die wurde sozusagen in Geiselhaft genommen.

Aber als dann im Januar 1945 oder ab Januar 1945 die Sowjet-Truppen massiv angriffen,

von Ostpreußen bis zu den Karpaten, da brachen dann wirklich Panik und Chaos aus.

Die Menschen versuchten zu fliehen, Richtung Westen natürlich,

wo sich viele dann eben von den Amerikanern und den Briten eine mildere Behandlung erhofften.

Viele hatten auch wirklich lange gewartet, wirklich bis zur letzten Minute.

Sie hatten wohl immer noch gedacht, dass es schon nicht so schlimm kommen würde.

Und dann mussten sie vor den heranrückenden Soldaten der Roten Armee überstürzt

fliehen. Nur mit Handgepäck, dann zu Fuß, mit Fahrrädern, aufs Planwagen.

Und im Februar 1945 waren dann vermutlich rund fünf Millionen Deutsche innen

bzw. aus Ostpreußen, Ostpommern und Schlesien auf der Flucht.

Ja, und das mitten im Winter in einer Zeit, in der die Temperaturen auf minus 20 Grad fielen.

Das muss schrecklich gewesen sein. Die Menschen, vor allem die Alten,

die Schwachen, die Kinder, die erfroren in den eiskalten Nächten an den Wegesrändern.

Diese Trecks, diese elendlangen Trecks, die quälten sich über tief verschneite

Landstraßen Richtung Westen. Und dann kamen zu allem Elend nicht selten von

hinten noch ganze Kolonnen von flüchtenden deutschen Truppen,

die diese Zivilisten einfach brutal von den Straßen drängen.

Manche Flüchtlinge wurden auch irgendwann von den sowjetischen Einheiten eingeholt

und teilweise buchstäblich überrollt.

Also überall entlang der Wege, da lagen tote, verendete Pferde,

Koffertaschen, Rucksäcken und die Frauen.

Die mussten eben ständig Angst vor Missbrauch und Vergewaltigung haben.

Und mindestens eine halbe Million Menschen überlebten die Flucht aus ihrer Heimat erst gar nicht.

Der Weg über Land, der wurde aber für Flüchtende aus Ostpreußen ab Januar 1945

von den Russen abgeschnitten. Viele Menschen versuchten dann über die Ostsee zu entkommen.

Dort setzten die Deutschen ab Januar 1945 Schiffe ein, mit denen sie die Zivilbevölkerung

in Sicherheit bringen wollen.

Ja, da sprichst du das Unternehmen Hannibal an. Das war eine groß angelegte

Evakuierungsaktion der deutschen Kriegsmarine.

Über die Ostsee gelangten damals vermutlich rund 1,5 Millionen Zivilisten und

so ungefähr 500.000 Soldaten in den Westen.

Da gibt es ganz eindrückliche Schilderungen auch von dem Chaos in den Hafenstädten,

zum Beispiel im damaligen Gotenhafen in der Danziger Bucht. Das ist heute Dinja,

15 Kilometer ungefähr von Danzig entfernt liegt das.

Und da wird dann geschildert, wie dort die Flüchtenden versuchten,

die Schiffe zu erreichen, zu stürmen. Fast schon schreiende Mütter,

weinende Männer, Kinder mit Kennkarten um den Hals, mit dem Namen darauf.

Ja, in Gotenhafen, da lag ja auch das ehemalige Kreuzfahrtschiff Willem Gustloff.

Das Ende Januar 1945 mit mehr als 10.000 Menschen an Bord dort aufbrach.

Eine Augenzeugin, die schildert, wie die Menschen Richtung Hafen strebten und

an Bord wollten unbedingt mitgenommen werden, aber die Wilhelm Gustloff,

die war bereits absolut überfüllt.

Und die, die es dann nicht mehr geschafft hatten, die standen an den Kaimauern

und schauten dann mit Neid zu denen hoch, die es geschafft hatten und oben an

der Reling standen und waren dann unglücklich, dass sie keinen Platz auf diesem

Schiff bekommen hatten. Ja, aber den zu bekommen, das war natürlich ein trügerischer Erfolg.

Die Wilhelm Gustloff wird dann tatsächlich am Abend des 30. Januar auf offener

See von einem sowjetischen U-Boot torpediert und sinkt. Und etwa 9.000 Passagiere kommen dabei um.

Das war eines der opferreichsten Schiffsunglücke überhaupt.

Es wurden noch Dutzende andere Schiffe von U-Booten und Flugzeugen angegriffen

und versenkt, aber die Wilhelm Gustloff war schon mit das schlimmste Unglück.

Und man muss sagen, dieses Flüchtlingschaos und Leid, das wurde nach Kriegsende

nun nicht etwa in geregeltere Bahnen gelenkt. Die Siegermächte haben sich im

Grunde darum kaum gekümmert.

Nein, also auf der Konferenz der Siegermächte in Potsdam, die ja dann ab 17.

Juli 1945 stattfand, da verkündeten die Alliierten zwar, dass der sogenannte

Transfer der deutschen Bevölkerung human und ordnungsgemäß erfolgen sollte.

Aber ehrlich gesagt, da sind die Vertreibungen schon längst im Gange.

Da verläuft kaum noch was human oder ordnungsgemäß.

Die Grenzen zwischen Flüchtlingen und Vertriebenen, die sind da längst verwischt.

Von den 3,5 Millionen Sudetendeutschen etwa, die also auf dem Gebiet des heutigen

Tschechien lebten, hatten bis zum Kriegsende kaum einer seine Heimat verlassen.

Aber zwischen Kriegsende und dem Potsdamer Beschluss wurden dann mehr als 700.000

vertrieben. Also da gibt es alle möglichen Schicksale.

Der offizielle Transfer der verbliebenen Deutschen, der beginnt dann erst Ende

1945. Damals leben noch rund sechs Millionen Deutsche in Ost- und Südosteuropa,

die von dort nach den Plänen der Alliierten nach Westen gebracht werden sollten.

Ja, auf dem Papier scheint das auch alles ziemlich genau geregelt zu sein.

Es gibt da Sammelstellen, da stehen auch Abfahrtzeiten von den Zügen,

da steht, wie viel Handgepäck man mitnehmen darf, da steht was von der Versorgung

mit Proviant, Informationen zur Desinfizierung und so weiter und so fort.

Aber naja, Papier ist geduldig und die Realität sah dann tatsächlich ganz anders

aus. Da wurden die Menschen einfach planlos in überfüllte Züge gepfercht,

die waren ungeheizt, im Winter erfrieren viele. Es war also wirklich reines Chaos.

Also nach dem Krieg müssen westlich von Oder und Neiße der deutschen,

der neuen polnischen Westgrenze Millionen Menschen eine neue Heimat finden.

Und sie kommen in ein zerstörtes Land, in dem vermutlich niemand wirklich auf sie gewartet hat.

Wir kennen ja die Bilder von Deutschland nach dem Krieg. Also das Land ist eine

Trümmerwüste. Es sind überall Ruinen.

Die Lebensmittel sind knapp, das Brennmaterial ist knapp, Fabriken sind zerstört, es gibt keine Arbeit.

Und dann kommen diese sozusagen, diese in Anführungsstrichen fremden Deutschen aus dem Osten.

Denen schlägt bald Ablehnung und nicht selten auch Hass entgegen.

Es gibt ja kaum Wohnungen und die wenigen Unterkünfte, die noch stehen,

die möchte eben kaum jemand an Zugezogene abgeben.

An den Rändern vieler Städte entstehen so auch wirklich elende Lager, kann man schon sagen.

Und wie war die Ankunft all dieser Menschen in Deutschland organisiert?

Das musste ja irgendwie in Bahnen gelenkt werden.

Ja, genau. Also in den westlichen Besatzungszonen, da kamen ja rund acht Millionen

Flüchtlinge an, in Ostdeutschland rund vier Millionen.

Und in Westdeutschland zum Beispiel, da mussten sich die Flüchtlinge zuerst

in einem der zentralen Sammellager melden, zum Beispiel in Friedland,

das ist relativ bekannt.

Da hatten die Briten in ehemaligen Gebäuden der Universität Göttingen ein Grenzdurchgangslager eingerichtet.

Und im Dezember 1945 durchliefen etwa 5000 Menschen dieses Lager in Friedland jeden Tag.

Das folgte weitgehend demselben Schema. Man wurde erst registriert, ärztlich untersucht.

Dann kam die Aushändigung von Verpflegungskarten. Dann kam die Entlausung mit

DDT-Pulver. Dann die Ausgabe von Verpflegung für die nächsten 24 Stunden.

Genau festgelegt im Wert von 50 Pfennigen.

Und dafür bekam man 250 Gramm Brot, 25 Gramm Fett und 100 Gramm Fleisch oder Wurst.

Und von dort ging es dann weiter in eine ungewisse Zukunft.

Ja, Kinder ohne Begleitung, denn viele hatten ja im Chaos der Flucht ihre Eltern

oder ihre Angehörigen verloren. Die kamen in Heime.

Erwachsene, Flüchtlinge oder Familien bekamen Fahrkarten in Orte,

wo ihnen Wohnraum zugeteilt worden war. Aber Wohnraum, der vorher nicht selten

von den Behörden beschlagnahmt worden war.

Und ja, Wohnraum, das klingt jetzt ein bisschen großspurig, das war manchmal nur ein halbes Zimmer.

In der Mitte verlief ein Kreidestrich auf dem Fußboden. Und ja,

die meisten der Neuankömmlinge, die im Westen Deutschlands ankamen,

die zogen dann tatsächlich nach Bayern oder Niedersachsen.

Ja, eine armselige Bleibemeist, das muss man betonen, eine Heimat war es nicht.

Eine Heimat nicht. Die Situation war für alle Seiten sehr schwierig.

Manchmal versuchten Einheimische auch die Zugezogenen zu vertreiben, die ihnen fremd waren.

Ihre Lebensweise, ihre Konfession, ihr Dialekt, ihre Bräuche,

das alles kannte man nicht. Und die Lage besserte sich nur langsam.

Und dass diese Neubürger aus dem Osten anfangs nicht wirklich ankamen,

zeigt sich zum Beispiel auch darin, dass sehr viele gar nicht dort blieben,

wo sie zu Beginn landeten.

Im Schnitt zog bis 1960 jeder von ihnen einmal um.

Erst im Laufe der Jahrzehnte wurde es dann langsam besser. Das hatte natürlich

auch mit dem Wiederaufbau in Westdeutschland zu tun, mit dem allgemeinen Aufschwung,

mit dem Wirtschaftswunder.

Aber wir haben ja anfangs schon darüber gesprochen, nicht nur die Deutschen

verloren ihre Heimat, sondern auch sehr viele Polen, deren Land ja eben nach

Westen verrückt wurde. Wie sah es denn dort aus oder bei Ihnen aus?

Da flohen viele aus ihrer angestammten Heimat, zum Beispiel Polen,

die seit Generationen in der Nähe von Wilna oder dem heutigen Vilnius lebten.

Die hatten zum Beispiel gehört, dass ihr Dorf Teil der Sowjetunion werden sollte

und dass die Polen von dort fort sollten, dass sie repatriiert werden sollten.

Und in diesem Re steckt ja die Bedeutung zurück, also sie sollten zurück in den Westen.

Was aber nicht stimmte, denn das war ja eine Gegend und ein Land,

in dem sie noch nie zuvor waren. und das es in der Form ja vorher auch nicht gegeben hatte.

Denn Minderheiten wie etwa die Polen in der Gegend von Wilna,

die mussten da verschwinden.

Es hieß nämlich, Minderheiten hätten in der Vergangenheit oft für Streit und

Krieg gesorgt und das wollte man verhindern, indem man einheitliche Nationalstaaten schaffte.

Wenn man diesen Vergleich überhaupt wagen kann, erging es den Polen,

die in dieses neu geschaffene Polen kamen, denn besser als den Deutschen,

die nach Westen geflohen waren?

Ich würde sagen, nicht wirklich. Zunächst muss man ja sagen,

dass viele nicht freiwillig gingen, sondern die hatten Angst,

unter den Sowjets schikaniert oder enteignet oder vielleicht sogar nach Sibirien verschleppt zu werden.

Und dem kommen sie dann lieber zuvor. Dann packen sie ihre Tiere,

ihre Koffer, ihre landwirtschaftlichen Geräte, ihre Familien und ziehen eben Richtung Westen.

Offiziell darf jede polnische Familie zwei Tonnen Gepäck mitnehmen und ihre Tiere.

Aber was offiziell Repatriierung heißt, wie ja schon erwähnt,

das ist nicht selten einfach eine Flucht, bei der man nur das Notwendigste mitnehmen kann.

Und auch dieses Wenige war dann nicht sicher, wer mit dem Zug weiterfahren will,

der muss Schmiergeld zahlen.

Trifft oft auf Diebe, die das Gepäck plündern und die Rote Armee beschlagnahmt

nach Gutdünken, das Hab und Gut.

Und diese Flüchtlinge, die da nun kommen, die übernehmen dann ja die Höfe,

aus denen zuvor die Deutschen vertrieben wurden.

Zumindest teilweise ja. Also es gibt dann ein Amt für Repatriierung,

das Berechtigungsscheine für ehemals deutsche Höfe und Immobilien verteilt.

Und das wurde einem zugeteilt und da hatte man sich dann anzusiedeln.

Es gibt Erzählungen von einem Repatriierten, der seinen neu zugeteilten Hof

besichtigte und dann musste der feststellen, da lebten noch ein paar alte deutsche

Bäuerinnen, die nicht wussten, wohin.

Und denen wurde dann ein paar Stunden Zeit gegeben, dort zu verschwinden.

Und das hat den neu angekommenen Polen, die ja selbst gerade erst ihre Heimat

verlassen und verloren hatten, auch zugesetzt. Denn wer konnte den Schmerz besser verstehen als sie?

Aber so war es nun mal. Umgekehrt mussten übrigens auch viele Minderheiten das

neue Polen verlassen, zum Beispiel Ukrainer, Belarusen oder Litauer.

Die Flüchtlingsströme verliefen also auch in die entgegengesetzte Richtung.

Die Repatriierten, in Anführungsstrichen, Polen, die wurden von den Einheimischen

aber oft nicht als echte Polen anerkannt. Es gab viel Streit auch um die zugeteilten Höfe. Wieso das?

Naja, nicht selten waren die Höfe der Deutschen ja bereits verlassen und die

umliegenden Nachbarn hatten den Besitz unter sich aufgeteilt und betrachteten

ihn jetzt als ihr Eigentum. Und dann kam da jetzt plötzlich ein Fremder und

forderte, dass sie alles wieder zurückgeben.

Diese Auseinandersetzungen, die waren manchmal heftig, die führten manchmal

bis zur Zerstörung der Höfe, bis zum Mord.

Also man kann schon sagen, die Zugezogenen aus dem Osten hatten einen schweren

Stand. Ja und viele plagte natürlich auch das Heimweh.

Ja und nicht nur das, viele hatten auch Angst davor, dass die Deutschen irgendwann

zurückkommen und ihren ehemaligen Besitz zurückfordern könnten.

Dass also diese ganze irrsinnige Menschenverschiebung irgendwie irgendwann wieder

rückgängig gemacht würde.

Aber so kam es nicht. Das Chaos während der Flucht und Vertreibung hatten wir

ja schon angesprochen. Schauen wir nochmal genauer auf die schlimmen Schicksale der Kinder.

Das waren ja Abertausende, die in den Kriegswürden ihre Familien verloren.

Ja, also allein beim Kindersuchdienst des Deutschen Roten Kreuzes waren rund

300.000 Kinder registriert, die ihre Verwandten während der Flucht verloren hatten.

Und das war ja unheimlich schwierig, denen zu helfen. Manche waren einfach zu

klein, um sich an ihren eigenen Namen zu erinnern, geschweige denn an die Namen

ihrer Eltern oder an den Ort, aus dem sie gekommen waren.

Von diesen Kindern wurden dann oft Fotos gemacht und Steckbriefe erstellt.

Die wurden dann in Zeitungen abgedruckt.

Es gab auch Zeitungsberichte über die verlassenen Mädchen und Jungen und es

gab irgendwann auch eine Plakataktion, die Aktion Pinguin.

Da stand dann über einem Plakat mit Bildern von 40 Kindern der Satz,

diese Kleinkinder suchen ihre Eltern.

Und diese Plakate wurden dann in Bahnhöfen, an Postfilialen und in Behörden

ausgehängt, wo viele Leute unterwegs waren.

Ja, und im Westdeutschen Radio, da gab es eine Suchsendung, die jahrzehntelang

lief, tatsächlich noch bis Ende der 1990er Jahre.

Und man muss sagen, auf lange Sicht war diese Suche ja durchaus ziemlich erfolgreich.

Ja, tatsächlich ließen sich die meisten Schicksale klären. Also von diesen 300.000,

so sagt das DHK, wurden fast 280.000 Fälle im Laufe der Jahrzehnte,

muss man allerdings sagen, aufgeklärt.

Viele Kinder fanden vielleicht ihre Eltern, zumindest aber Verwandte oder ihr

Schicksal wurde eben geklärt.

Es gab aber auch ganz spezielle Probleme, etwa mit jenen Mädchen und Jungen aus Ostpreußen.

Die hatten sich dann nämlich nach Kriegsende versteckt. Sie hatten teilweise

falsche Namen angenommen, waren nach Litauen geflohen, wo sie dann auf ein besseres Leben hofften.

Das waren eben diese sogenannten Wolfskinder. Ja, über die wir jetzt noch mehr

erfahren. Vielen Dank, Kirsten, dass du da warst, für all die Infos,

die du zusammengesammelt hast.

Ihr hört Wolfskinder, eine historische Reportage von Konstanze Kindl. Es liest Peter Kämpfe.

Im Wald am Seeufer hat sie sich eine Hütte gebaut im Schatten einer hohen Tanne.

Ein Platz, so ruhig, als gäbe es keinen anderen Menschen auf der Welt.

Anfangs ist es nur ein Lager aus Gras und Laub, aus alten Säcken und einer Pferdedecke

auf dem weichen Waldboden.

Später wird es ein Zuhause mit Dach und Wänden aus Brettern.

Ein Ort, der nur ihr gehört. Als gäbe es die nahe Kleinstadt nicht,

die bunten Holzhäuser, die Turmspitzen der weißen Kirche am Fluss.

Die Hütte liegt auf einem Hügel, nur ein Pfad führt durch das Tal in die Welt hinter dem Wald.

Morgens wäscht sie sich im See, schöpft Wasser in einem alten Stahlhelm.

Essen holt sie auf Bauernhöfen, Brot, Speck, Kartoffeln. Erbettelt,

erarbeitet, manchmal gestohlen.

Wenn sie Milch braucht, schleicht sie sich heimlich in die Kuhstelle.

Sie hat gelernt, Tiere lieber zu mögen als Menschen.

Wenn sie Wärme sucht und Zuneigung, schmiegt sie sich im Stall an die Pferde,

lässt sich von den Kühen über den Kopf lecken.

Nie geht es ihr besser als im Sommer, wenn sie tun und lassen kann, was sie will.

Wenn ihr Glück, ihr Leben von nichts und niemandem abhängt.

Wenn sie auf der Wiese in der Sonne liegt, den Wolken zuschaut und den Lärchen

zuhört und an nichts mehr denken muss.

Ein Gefühl von Freiheit, für das sie keine Worte findet.

Vielleicht hilft dieses Sommergefühl beim Vergessen.

In ihrer Hütte im Wald sitzen zwei Puppen, die sie aus Holzklötzen gebastelt

hat, die Augen mit Holzkohle gemalt.

Sie spricht mit ihnen, als wären sie ihre Familie, ihre Schwester, ihr Bruder vielleicht.

Die Gesichter der Geschwister sind nur noch eine verblassende Erinnerung.

In diesem Sommer 1948 ist Lisabeth Otto zehn Jahre alt und lange schon allein in einem fremden Land.

In Litauen leben hunderte Kinder wie sie. Sie arbeiten auf Bauernhöfen,

sie ziehen als Bettler durchs Land, allein zu zweit in kleinen Gruppen.

Kinder ohne Eltern.

Kinder aus einem Land, das es nicht mehr gibt. Ostpreußen.

Sie sind fortgespült worden in einem Wirbel, der im Januar 1945 eingesetzt hat,

mit dem Vorrücken der Roten Armee, das Hunderttausende in die überstürzte Flucht trieb.

Lange Kriegsjahre hindurch galt Ostpreußen als Luftschutzkeller Deutschlands.

Frauen, Kinder, ganze Schulklassen evakuierte die Regierung aus anderen Regionen

hierher in den Osten des Deutschen Reichs.

Erst im Sommer 1944 greifen britische Bombe Königsberg an.

Der Gauleiter aber verbietet die Flucht, selbst Vorbereitungen dazu werden bestraft.

Als sich dann im Januar 1945 die Rote Armee der Stadt nähert,

ist die Eisenbahnverbindung zwischen Königsberg und Mitteldeutschland längst

abgeschnitten, der Weg nach Westen, versperrt.

In jenen Tagen setzen sich überall in Ostpreußen Trecks in Bewegung,

mit Pferden und Wagen, beladen mit Menschen und Gepäck.

Nur auf Schiffen über die Ostsee oder zu Fuß über das brüchige Eis des frischen

Hafts ist die Flucht noch möglich.

Auch Lisabeths Heimatstadt, Wehlau, erreicht der Krieg in diesem Januar.

Das Eckhaus, das sich die Ottos mit drei anderen Familien teilen,

liegt an der Straße zum Nachbardorf Paterswalde. Sie wohnen hier zu viert.

Die Mutter Martha, die beiden Kinder aus der ersten Ehe des Vaters,

Christel und Manfred, 13 und 11 Jahre alt, und Lisabeth, die Jüngste.

Geboren im Oktober 1937, die nun in die erste Klasse ginge, wenn der Krieg nicht wäre.

Der Vater ist seit kurzem als Sanitäter in einem Lazarett an der Westfront.

Zum letzten Mal haben die Geschwister ihn an Weihnachten 1944 gesehen,

da kam er spätabends an in Uniform und hatte einen ganzen Koffer roter Äpfel

dabei und in der Zimmerecke neben dem geschmückten Tannenbaum lehnte sein Gewehr. Vielen Dank.

Als die Behörden am Morgen des 21. Januar 1945 die Räumung der Stadt befehlen,

ziehen schon seit zwei Tagen Flüchtlingstrecks durch Wehlau.

Die Rote Armee ist in die Vororte eingerückt.

Es schneit heftig an diesem Sonntag. Kirchenglocken läuten Sturm,

als die Familie schwer bepackt zum Bahnhof läuft.

Jedes Kind mit seinem eigenen Rucksack.

Lisabeth hat im letzten Moment eine Puppe eingepackt.

Mit dem letzten Zug verlassen sie die Stadt.

Im Hafen von Königsberg gehen Martha Otto und die drei Kinder Wochen später

mit ihren Koffern und Taschen an Bord eines Kohlenkahns schwarz von Staub.

Über den Seekanal Richtung Pillau fährt er in der Nacht im Konvoi mit anderen

Flüchtlingsschiffen auf die unruhige Ostsee hinaus. Ein Eisbrecher vorneweg.

Auf dem Meer geraten die Schiffe unter Beschuss von Tieffliegern, die Menschen schreien,

die Mutter drückt Elisabeth und ihre Geschwister auf den Boden des Kohlenkahls

und wirft sich über sie, während Soldaten hinten im Heck mit einem Maschinengewehr

versuchen, die Flugzeuge abzuwehren.

Nur wenige Schiffe des Konvois schaffen es bis nach Danzig,

Die Stadt brennt, als sie ankommen Wehrmacht und Rote Armee kämpfen in den Straßen

Sowjetische Soldaten greifen sich Mädchen und Frauen Eine nach der anderen schleppen

sie aus dem Keller in dem die Familie Otto mit anderen Flüchtlingen kauert und

bringen sie irgendwann zurück,

Vergebens versuchen Lisabeth und ihre Geschwister sich an die Mutter zu klammern,

als die geholt wird Mit Gewehren stoßen die Soldaten die Kinder zur Seite.

Als Martha Otto nach langer Zeit wiederkommt, schreit sie nicht wie die anderen.

Sie scheint nur müde und legt sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden.

Aus ihrem Mund läuft Blut.

Wochen später findet die Familie mit anderen Frauen und Kindern Unterschlupf

in einem leerstehenden Haus in einem Vorort im Westen der Stadt.

Hier stirbt Martha Otto in den letzten Apriltagen des Jahres 1945,

zwei Wochen vor Kriegsende.

Ihr Leben lang wird sich Lisabeth daran erinnern, wie die Mutter in einer Zimmerecke

auf dem Fußboden lag, weinte und vor Hunger schrie.

An diesem Tag schicken die fremden Frauen Lisabeth hinaus.

Sauerampfer soll sie auf der Wiese vor dem Haus für die Mutter sammeln und die

ersten Knospen der Lindenbäume.

Als sie zurückkommt, lässt man sie nicht ins Zimmer. Die Schwester steht vor

der Tür und weint. Lisabeth hat keine Mutter mehr.

Christel, die Älteste, muss sich jetzt um die Geschwister kümmern.

In Danzig könnten sie nicht bleiben, in den Westen kämen sie auch nicht,

sagen die Erwachsenen. Sie sollten nach Hause gehen.

Mit einer Gruppe von Frauen aus Wehlau machen sich die Kinder auf den Heimweg

zurück nach Ostpreußen, in einem offenen Güterwaggon, den größten Teil zu Fuß.

Aber die Wohnung der Familie in der Rheinhauskolonie ist von sowjetischen Soldaten besetzt.

Die Geschwister ziehen weiter auf ein Gut, auf dem die rotarmisten Arbeitskräfte suchen.

Ein Dachzimmer mit einem alten Bett und einem Ofen wird ihr neues Zuhause.

Christel und Manfred arbeiten den ganzen Tag auf den Feldern.

Einmal in der Woche erhalten sie ihren Lohn, einen Leib Brot und ein Stückchen Butter oder Margarine.

Zum Überleben reicht das nicht.

Wenn Lisabeth nicht Holz für den Ofen sammelt oder Wasser aus dem Brunnen schleppt,

sucht sie Essbares, Brennnesseln, Lindenblätter, Kartoffelschalen und Gemüsereste

aus den Küchenabfällen der Soldaten.

Die Kinder fangen Spatzen und eine streunende Katze.

Erst spielen sie mit ihr, dann legen sie ihr eine Schlinge um den Hals.

Eines Abends im Spätsommer 1945 schickt Christel die kleine Schwester los,

um die wöchentliche Essensration bei den sowjetischen Streitkräften abzuholen.

Auf dem Rückweg schmilzt die Butter in der kleinen Schüssel.

Lisabeth leckt mit der Zunge daran und als sie zu Hause ankommt, ist die Schüssel leer.

Christel ist außer sich. Sie schreit und prügelt auf die kleine Schwester ein,

bis die sich losreißen kann und wegläuft.

Elisabeth versteckt sich in einem Stall hinter dem Haus und traut sich erst

wieder hinaus, als die Geschwister am nächsten Morgen zur Arbeit gegangen sind.

Eine Nachbarin findet sie weinend vor dem Haus und überredet sie,

Christels Wintermantel und ihre Schere zu holen, um sie einzutauschen gegen

Lebensmittel drüben im rund siebzig Kilometer entfernten Litauen,

wo es genug zu essen gibt für alle.

Aber schon auf dem Bahnhof von Wehlauf verschwindet die Nachbarin mit dem Tauschgut.

Allein läuft Lisabeth über den Bahnsteig, klettert schließlich in einen der

leeren Güterwaggons, die auf den Nebengleisen stehen.

Plötzlich verriegelt jemand die Türen. Der Zug rollt los.

Endlos scheint ihr die Fahrt. Irgendwann schläft sie ein.

Sie wacht auf, als Männer in den Waggon steigen, die eine fremde Sprache sprechen.

Sie packen Lisabeth und werfen sie hinaus.

Unten am Bahndamm bleibt sie liegen und kann nicht mehr aufstehen,

Mund und Bauch brennen vom salzigen Geschmack der Körner, wohl Düngemittel,

die sie vor Hunger vom Boden des Waggons aufgesammelt und gegessen hat.

Sie trinkt Wasser aus einem Bach, kriecht in ein Gebüsch, schläft wieder ein,

bis fremde Geräusche und eine leise Frauenstimme sie wecken.

Sie schiebt die Zweige auseinander, da sitzt eine Frau und melkt eine Kuh und

sagt »Oh Jesu«, als sie Elisabeth entdeckt.

Sie gibt ihr Milch zu trinken. Das Mädchen schläft wieder ein und als es das

nächste Mal aufwacht, liegt es im Heu auf einem Pferdewagen.

Maritje heißt die Frau, die Elisabeth gefunden hat und auf dem Bauernhof ihrer

Familie aufnimmt, bis sie wieder gesund ist.

Die Kinder der Familie bringen ihr litauische Wörter bei.

Lange bleiben, aber kann sie nicht. Maritje und ihr Mann haben Angst vor den

Stribai, den litauischen Paramilitärs im Sold des sowjetischen Geheimdienstes,

die überall patrouillieren.

Deutschen zu helfen, den Faschisten,

den früheren Kriegsgegnern ist den Menschen bei Strafe verboten.

Bleiben dürfen, eine Familie finden, die sie länger als nur ein paar Tage aufnimmt,

das wird für Elisabeth in den folgenden Jahren in Litauen meist nur Wunsch sein

und selten Wirklichkeit.

In der ersten Zeit läuft sie einfach los und immer weiter von Hof zu Hof mit

einem Leinenbeutel, darin sammelt sie Lebensmittel, die sie ihren Geschwistern mitbringen will.

Im ersten Herbst versucht sie noch aus Litauen nach Ostpreußen zurückzukehren,

aber immer fahren die Züge in die falsche Richtung.

Und das Gefühl, unbedingt nach Hause zu müssen zu Christel und Manfred, vergeht allmählich.

Das Leben kommt ihr dazwischen, das Überleben, das ihr alle Anstrengung abverlangt.

Sie lernt schnell, nennt sich nicht mehr Elisabeth, sondern Maritje nach der

ersten Litauerin, die gut zu ihr war.

Hängt ihren Leinenbeutel an einen Baum, bevor sie auf einen Hof kommt und klopft

mit leeren Händen an, grüßt auf Litauisch, Labbadiena, guten Tag,

und macht das Kreuzzeichen, wenn sie eintritt.

All die Bauernhäuser, aus Lehm- oder Holzstämmen gebaut, die Dächer mit Stroh

gedeckt, ähneln einander.

Drinnen große Öfen und spärliche Möbel, Tische, Bänke, Betten,

Bilder der Mutter Gottes an der Wand, auf dem Speicher neben dem Schornstein

die Räucherkammer, der Boden meist aus gestampftem Lehm nur selten ausbrettern.

Ein Holzboden ist ein Zeichen von Reichtum, aber zu den wohlhabenderen Bauern

geht Lisabeth nur, wenn sie keine andere Wahl hat.

Bei den Armen sitzt sie mit der Familie am Tisch und wenn sie gut gearbeitet

hat, sagen sie oft, Gehrer Melgeite, du bist ein gutes Mädchen und die Frauen

nennen sie Woikelle, Kindchen.

Die Reicheren stellen ihr dagegen oft an der Tür eine Schale auf den Boden wie

für einen Hund, auch wenn sie den ganzen Tag für sie gearbeitet hat.

Sie hütet Schafe und Kühe und Gänse, mistet Hühnerställe aus,

jätet Unkraut aus Gartenbitten.

Wenn sie keinen Schlafplatz bekommt, legt sie sich zu den Tieren in den Stall

und deckt sich mit warmem Pferdemist zu.

Sie ist schmutzig und stinkt. Sie hat Krätze und Läuse, an den Füßen nur Lappen mit Kordeln umwickelt.

Aus den Kleidern, in denen sie Ostpreußen verlassen hat, wächst sie schon in

ihrem ersten Winter in Litauen heraus.

Die zerrissene Militärjacke, die gestopften Wollsocken, den abgetragenen Rock,

den sie fortan trägt, das alles schenken, ihr litauische Bauer.

Die Tage verschwimmen, die Zeit vergeht.

Und irgendwann scheint es nicht mehr so wichtig, den Weg zurückzufinden.

Vielleicht, denkt sie, sind Manfred und Christel gar nicht mehr da?

Vor ihre Gesichter schieben sich andere Bilder davon, wie sie in ihrem Dachzimmer

die Katze getötet haben, wie

sie Schnecken gekocht haben und die Blätter der Linden auf dem Gutshof.

Die Angst vor dem Hunger zu Hause ist stärker als die Einsamkeit in Litauen.

Sie kommt allein zurecht, auch wenn sie nicht begreifen kann,

warum es ihr nirgendwo gelingt, sich das Bleiben zu verdienen,

egal wie hart sie arbeitet.

In ihrem zweiten Herbst schickt eine Familie sie nach ein paar Monaten wieder

fort, als die Tage schon kälter werden, mitten hinein in einen ungewissen Winter.

Irgendwann, da ist sie vielleicht zwei Jahre in Litauen, beginnt Lisabeth,

die Einsamkeit zu suchen, zieht in den Wald, für beinahe ein Jahr in die Hütte am See.

Längst streifen auch andere Deutsche auf der Suche nach Essen und Unterkunft durch Litauen.

In den Hungerjahren nach dem Krieg machen sich immer mehr von ihnen auf den

Weg in das Land auf der anderen Seite der Memel, die jetzt Nehmann genannt wird.

Der südliche Teil Ostpreußens steht unter polnischer Verwaltung,

den nördlichen hat die Sowjetunion annektiert.

Die völlig zerstörte Hauptstadt Königsberg heißt ab 1946 Kaliningrad.

Und die sowjetischen Behörden gestehen nur denjenigen einen Anspruch auf die

mageren Essensrationen zu, die arbeiten.

Zum Sattwerden reichen die Zuteilungen nicht.

Im Winter graben die Menschen gefrorene Kartoffeln aus der Erde der Äcker.

Im Frühling nehmen sie die Schwalbennester aus, die unter Stalldächern und an

Dachrinnen hängen, pflücken frisch gewachsenes Gras.

Sie essen Ratten, Krähen, Frösche.

Erwachsene verhungern schneller als die Kinder Ihre Leichen liegen in den Straßen

Dabei steht die schlimmste Zeit Der nächste Hungerwinter erst noch bevor.

Schon im Frühjahr 1946 erzählen sich die Menschen in Ostpreußen immer häufiger vom Litauen.

Für die Hungernden wird das Nachbarland zum Sehnsuchtsort. Dort heißt es,

soll es nicht nur Brot geben, sondern sogar Kuchen.

So viel Essen haben die litauischen Bauern, dass sie den Überschuss auf Märkten

in Ostpreußen verkaufen.

Wer Angehörige versorgen muss, ein Zuhause, eine Arbeit in Ostpreußen hat,

der bricht zu Hamsterfahrten nach Litauen auf.

Und wer nichts mehr zu verlieren hat, macht sich für immer auf den Weg dorthin,

in ein neues Leben, in ein Land, von dem die wenigsten mehr kennen als den Namen.

Vor allem für die unzähligen verwaisten deutschen Kinder ist der Weg nach Litauen

eine Reise ins Ungewisse.

Manche sind schon auf der chaotischen Flucht vor der Roten Armee von ihren Familien

getrennt worden, viele zurückgeblieben als Mütter oder ältere Geschwister als

Arbeitskräfte in die Sowjetunion verschleppt wurden.

Andere sind die letzten Überlebenden ihrer Familien. denn alle übrigen sind

verhungert, erfroren, erschossen, erschlagen, gestorben an Entkräftung oder

an den grassierenden Seuchen, an Cholera, Typhus, Malaria.

Insgesamt, so schätzen Historiker, werden in diesen Monaten europaweit 13 Millionen

Kinder von ihren Eltern getrennt.

Manche werden Vater und Mutter nie wieder sehen, andere erst nach Jahren.

In Ostpreußen fahren nun viele dieser Kinder als blinde Passagiere in Zügen

nach Litauen, unter Sitzen versteckt, auf den Trittbrettern Puffern,

Dächern der Güterwaggons,

die beschlagnahmtes Reparationsgut als Kriegsbeute über Litauen nach Russland bringen.

Es ist eine gefährliche Fahrt. Immer wieder fallen Kinder auf die Schienen und werden überrollt.

Andere versuchen auf selbstgebauten Flößen oft nur einem einzelnen Brett oder

einer alten Holztür die Memel zu überqueren und ertrinken oder erfrieren im Wasser.

Manche landen nur zufällig in Litauen, in Zügen, von denen sie hofften,

sie würden nach Deutschland fahren.

Wokje Tukai, kleine Deutsche, nennen die Litauer die bettelnden Kinder.

Später wird man ihnen einen anderen Namen geben, Wolfskinder.

Die Wölfin lebt nicht weit von Lisabeth Ottos Hütte unter der Tanne am See.

Beide gehen auf dem gleichen Weg durchs Tal. Das Kind teilt sein Essen mit dem

Tier, hinterlässt Brot oder Speck auf dem Pfad.

Früh am Morgen beobachten sie sich oft gegenseitig.

Eines Tages sieht Lisabeth die Wölfin am anderen Ende des Tals mit drei Welpen.

Das Muttertier leckt ihnen die Ohren und Lisabeth beneidet die Jungen um die Fürsorge.

Später wird es sie immer stören, dass man ausgerechnet mutterlose Wesen wie

sie selbst Wolfskinder nennt.

An den Bahnhöfen trifft sie andere heimatlose Kinder. Manchmal erzählt Lisabeth

dann von ihrer Mutter und davon, wie sie verhungert ist auf der Flucht.

Ein paar Tage bleiben die Kinder zusammen. Fast immer löst Lisabeth sich als

erste von der Gruppe und zieht alleine wieder los.

In ihrem vierten Sommer in Litauen ist ihr die Gegend um die Kleinstadt Calvaria,

wo im Wald am Seeufer ihrer Hütte steht, nach und nach so etwas wie Heimat geworden.

An den Wochenenden trifft sie abends andere deutsche Kinder am Tanzplatz,

da trinken sie die Reste aus den Flaschen, sammeln Zigarettenstummel und legen

sich später schlafen unter der Brücke über dem nahen Fluss.

Nur anderen Wolfskindern erzählt Elisabeth von dem Schlimmsten,

das ihr in diesen Jahren zustößt.

Schlimmer als die Hunde, die man auf manchen Höfen auf sie hetzt.

Schlimmer als die Jungen, die sie überfallen, ihr einen Hitler-Schnurrbart ins

Gesicht malen, die Haare versengen und versuchen, sie aufzuhängen.

Das Schlimmste ist die Nacht im Herbst, auf dem Hof nahe der Kleinstadt Alytus,

Als ein Mann in die Scheune kommt, in der sie schläft, sie packt und schlägt und vergewaltigt.

Ihr dann sagt, sie solle abhauen, und wenn sich jemandem erzähle,

was geschehen sei, werde er sie umbringen.

Vor Schmerzen kann sie nicht gehen, bleibt liegen.

Bis er irgendwann wiederkommt, ihr einen Sack über den Kopf bindet,

auf einem Karren bringt er sich hinunter zum Memel und wirft sie in den Fluss.

Zwei Fische ziehen sie aus dem Wasser, eine alte Frau pflegt sie gesund.

Aber Lisabeth schweigt über das, was ihr angetan wurde und zieht weiter, so schnell sie kann.

Einige Wochen später trifft sie deutsche Freunde am Bahnhof von Marijampole.

Zusammen fahren sie zu dem Hof in der Nähe von Alytus.

Lisabeth wartet mit einem der Jungen auf einem Hügel, bis unten im Tal Flammen auflodern.

Die anderen haben die Scheune angezündet. Gemeinsam schauen sie zu, wie sie niederbrennt.

»Das ist für dich«, sagt der Junge.

Elisabeth ist kaum zehn Jahre alt, aber sie hat gelernt, sich nur auf sich selbst

zu verlassen und auf andere wie sie.

Sie sorgt für ihre eigene Gerechtigkeit. Wenn man sie auf einem Hof schlecht

behandelt, lässt sie das Vieh im Stich und läuft weg. Oder sie rupft in den

Gemüsebeeten Pflanzen aus, als Rache.

Manchmal klaut sie auf einem Hof Essen, Schinken oder Kuchen,

um den Nächsten, bei denen sie übernachtet, ein Geschenk mitzubringen.

Vielleicht wird sie deshalb kaum noch für mehr als ein paar Tage von Familien aufgenommen.

Vielleicht auch, weil sie so schmutzig ist und stinkt.

Vielleicht, weil sie in ihrem ersten Winter in Litauen angefangen hat,

ins Bett zu machen. Vielleicht, weil sie mit zehn Jahren schon raucht.

Vielleicht, weil die Bauern Angst vor den Striebei haben, die vor allem nach

antikommunistischen Partisanen suchen, den Waldbrüdern.

Elisabeth begegnet den Widerstandskämpfern zum ersten Mal, als sie auf einem

Hof barfuß in eine Sense tritt und der Bauer die Waldbrüder um Hilfe bittet.

Nachts kommen sie auf den Hof geritten, halten ihr den Mund zu und behandeln ihren Fuß.

An der Hütte im Wald hinterlassen sie manchmal etwas Essen und Brocken von Kandiszucker.

Einmal im Winter, als es schon zu schneien begonnen hat, wacht sie am Morgen

unter einem riesigen Mantel auf, der über sie gebreitet worden ist.

Die Striebei sind böse, die Waldbrüder gut.

Man schweigt über sie und stirbt für sie, wenn es sein muss,

so lernt Elisabeth es von den Bauern.

Manchmal schickt man sie als Kurieren mit Zetteln zu den Partisanen,

um sie vor Aktionen des Striebei zu warnen.

Alle kommen sie über den gleichen schmalen Pfad durch den Wald nahe der polnischen

Grenze, wo es keine Bauernhöfe mehr gibt.

Die Wölfin, das Kind und die Kämpfer.

Rund 30.000 Bewaffnete verstecken sich in den Wäldern des Landes in unterirdischen Bunkern.

Sie tragen Patronengurte und Armbinden in den litauischen Farben gelb, grün und rot.

Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges leisten sie noch immer Widerstand gegen die Rote Armee.

Sie wissen, dass sie die Sowjet-Truppen nicht besiegen können,

aber sie glauben, so lange durchhalten zu können, bis Hilfe aus dem Westen kommt

und Litauen befreit wird.

Denn Moskau hat die besetzten baltischen Länder Litauen, Estland und Lettland

der Sowjetunion einverleibt.

Sie sind nicht bloß Vasallenstaaten mit kommunistischen Regierungen wie Polen

oder Ungarn, sondern sozialistische Sowjetrepubliken.

Doch geht es in Litauen auf dem Weg in den Sozialismus nur schleppend voran,

vor allem in der Landwirtschaft.

Im Februar 1947 ist der erste litauische Kolchos gegründet worden.

Kommunistische Funktionäre drängen die Dorfbewohner, sich zu Kollektiven zusammenzuschließen.

Aber noch Anfang 1949 sind 96 Prozent aller Höfe in Privatbesitz.

Die Partisanen, die sich in den Wäldern

verstecken, kämpfen auch gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft.

Und gleichzeitig lässt sich mit kaum einem anderen Mittel der Widerstand so

effektiv bekämpfen wie mit Kolchosen.

Die Kämpfer sind auf die Unterstützung der Bauern angewiesen.

Wer nicht mehr über Privatbesitz verfügt, kann nichts für die Partisanen abzweigen.

Auf dem Land stehen die Menschen ständig zwischen den Seiten.

Nachts kommen die Waldleute und verlangen Essen, Tagsüber fordern die Stribai

Lebensmittel und Schnaps.

Die Paramilitärs kooperieren mit der rund um die Welt der stationierten Armee

im Kampf gegen die Widerstandsbewegung.

Sie schützen Behörden vor den Angriffen der Waldbrüder und sie bestrafen die Helfer der Partisanen.

Der bloße Verdacht genügt.

Die Stribai stellen Leichen von Widerstandskämpfern in den Dörfern und Städten

öffentlich aus und lassen die Einwohner an den Toten vorbeimarschieren.

Wer sich durch sein Verhalten als Angehöriger oder Freund verrät,

den deportieren sie nach Sibirien.

Meist um Stellen bewaffnete die Höfe mitten in der Nacht.

Die Familien können nur Handgepäck zusammenraffen, bevor die Männer sie zum

nächsten Bahnhof bringen und in Viehwaggons verladen.

In Zügen werden die Vertriebenen nach Westsibirien oder Kasachstan geschickt,

eine Reise von Wochen, kaum Verpflegung und Trinkwasser.

Ihr Vieh und Eigentum werden beschlagnahmt, Gebäude niedergebrannt.

Der Staat sieht in den Deportationen auch ein Mittel, um die Kollektivierung

der Landwirtschaft voranzutreiben.

Schon im Mai 1948 sind Zehntausende aus Litauen verbannt worden.

Im Frühjahr und Sommer 1949 werden noch einmal insgesamt rund 80.000 Menschen deportiert.

Vor allem Großbauern droht die Verschleppung.

Viele Wolfskinder verlieren durch die Deportationen ein zweites Mal ihr Zuhause.

Einige von ihnen bitten darum, mit den Familien, die sie aufgenommen haben,

nach Sibirien geschickt zu werden.

Auf manchen leeren Höfen der Deportierten siedeln sich Deutsche an,

Mütter mit Kindern, Gruppen von Minderjährigen, Schicksalsgemeinschaften.

Tausende Deutsche leben Ende

der 1940er Jahre im Land, darunter vermutlich Hunderte von Wolfskindern.

Vor allem die Erwachsenen hoffen auf eine Zukunft in Deutschland.

Manche bemühen sich bei den Behörden um die Genehmigung für eine Ausreise in

die sowjetische Besatzungszone.

Doch nur wenige Wolfskinder können sich ein anderes Leben vorstellen.

Gerade die Jüngeren haben oft Familien gefunden, die sie adoptieren und haben

kaum oder keine Erinnerungen an ihre Vergangenheit.

Ältere haben mithilfe von Pflegefamilien oder Arbeitgebern falsche Papiere erhalten

und leben mit litauischem Namen.

Die sowjetischen Behörden, die seit 1947 rund 100.000 Deutsche aus der Region

Kaliningrad ausgesiedelt haben, darunter tausende elternlose Kinder,

beginnen ab 1948 auch in Litauen mit ersten Transporten, die Deutsche in die

spätere DDR bringen sollen.

Viele Litauer aber glauben, dass die Fahrten in Wirklichkeit nach Sibirien führen.

Manche Pflegeeltern warnen und verstecken deutsche Kinder vor der Registrierung.

Das Misstrauen gegenüber den Behörden ist groß.

Auch in der Gegend von Calvaria, wo Lisabeth lebt, folgen nur wenige Deutsche

dem Aufruf, sich für den Transport nach Deutschland zu melden.

So ziehen die Stribai los, um sie in die Sammelstelle zu bringen.

Eines Morgens stehen sie in der Scheune, in der Lisabeth übernachtet hat.

Auf dem Pferdewagen, mit dem sie von Hof zu Hof fahren und auf den nun auch

Lisabeth steigen muss, sitzt bereits ein alter Mann, Deutscher wie sie.

Als sie auf einem Hof zum Essen halten, bringt die Bäuerin Lisabeth und dem

Alten Brot und Milch und warnt sie,

die Stribay wollten die Deutschen nach Sibirien bringen, vielleicht töten,

weglaufen sollen sie, wenn die Männer betäubt sind von dem Mittel,

das die Bäuerin in ihren Wodka geschüttet hat.

Und tatsächlich, die Männer schlafen auf dem fahrenden Wagen ein.

Die Pferde laufen weiter, Elisabeth springt vom Wagen und rennt.

Nie wieder wird sie sich von den Striebein einfangen lassen.

Später wird sie manchmal grübeln, wie ihr Leben verlaufen wäre,

wenn sie damals auf dem Pferdewagen sitzen geblieben und mit dem Transport nach

Deutschland gekommen wäre.

Vielleicht hätte sie zur Schule gehen können.

Vielleicht wäre aus ihr das geworden, was sie einen nützlichen Menschen nennt.

Im Spätsommer 1953, da ist sie fast 16 Jahre alt, scheint plötzlich ein anderes Leben möglich.

Es ist das Jahr, in dem sich Litauens Zukunft entscheidet, in dem der Staat

den Widerstand der Waldbrüder bricht.

Eingeschleuste Spione haben in den vorangegangenen Jahren Verstecke und Aktionen

der Partisanen verraten.

Ganze Gruppen sind getötet worden. Viele der übrig gebliebenen geben den bewaffneten

Kampf auf, als die Behörden ihnen nach dem Tod des Sowjet-Diktators Stalin im

März 1953 eine Amnestie versprechen.

Auch für Lisabeth scheint sich in diesem Sommer alles zu wenden.

Eine Familie nimmt sie auf als Kindermädchen und Helferin auf dem Hof.

Sogar bei den Behörden wollen sie Lisabeth anmelden.

Ein anderes Leben, nicht mehr wandern müssen, nicht mehr allein sein.

Doch dann kneift ihr einer der Männer in den Hintern, als sie Schweinefutter in den Stall trägt.

Lisabeth beschwert sich bei der Bäuerin, heftige Worte fallen und Ohrfeigen.

Und in der Nacht sucht Lisabeth, was sie immer sucht, wenn sie schlecht behandelt wird. Rache.

Wirft ein paar Sachen zum Überleben in eine Holzkiste, Mullwindeln einen Topf,

nimmt etwas Geld, flüchtet vom Hof und wird erwischt.

Vor Gericht steht sie als Maritje Klemmeite. Den Nachnamen hat sie sich von

einer Familie geliehen, bei der sie häufig übernachtet hat.

Dabei glaubt sie zu wissen, dass sie Otto heißt, doch erinnert sie sich nicht

sicher, ob es ihr Nachname oder der Vorname ihres Vaters ist.

Das Urteil wegen Diebstahls lautet auf fünf Jahre. Fünf Jahre in der Kinderarbeitskolonie

in Kinesma, einer Kleinstadt an der Volga, 330 Kilometer nordöstlich von Moskau.

Ein Straflager hinter Mauern und Stacheldraht mit Wachtürmen und Hunden.

Sie lacht, als man ihr das sagt, trotzig.

Und ist insgeheim erleichtert, dass sie nun nicht mehr dafür sorgen muss,

den nächsten Winter zu überstehen.

Als sie im November 1955 begnadigt wird, ist sie erwachsen.

Ein halbes Leben lang wird Elisabeth Otto quer durch die Sowjetunion ziehen.

Nie hält es sie irgendwo länger als ein Jahr.

Sie macht die Arbeit von Männern auf Baustellen und im Wald,

sitzt drei Haftstrafen ab, bringt drei Töchter zur Welt, von denen nur eine

überlebt, heißt nicht mehr Maritje Klemaite, sondern Maria Lokvinenko.

Mehr als 30 Jahre wird es dauern, bis sie ihre Familie wiederfindet,

über den Suchdienst des Roten Kreuzes in Hamburg, an den sie schließlich Anfang 1976 schreibt.

Eine Nachbarin gibt ihr die Adresse, als sie nach vergeblichen Versuchen in

Moskau die Hoffnung schon aufgegeben hat und sie bekommt Antwort.

Vater und Bruder leben in Norddeutschland.

Manfred hat Christel, die ältere Schwester, 1948 begraben, mit bloßen Händen

an einem Feldweg am Stadtrand von Kaliningrad, wo sie einfach liegen geblieben

war, gestorben an Hunger und Erschöpfung.

Im selben Jahr ist er mit einem der Kindertransporte nach Deutschland gekommen.

Lisabeth Otto fährt zu ihrer Familie nach Venen bei Oldenburg.

Sie bleibt mehr als ein Jahr dort, doch eine Heimat findet sie nicht.

Sie kehrt zurück in die Sowjetunion, reist schließlich im Frühjahr 1980 nach

Kaliningrad und kauft ein Haus im Dorf Ischewskoye, das früher wie Ditten hieß,

20 Kilometer westlich von Kaliningrad.

Dank des Hauskaufs kann man sie nicht mehr ausweisen, obwohl die Region noch

immer militärisches Sperrgebiet ist.

Im Frühjahr 2001 erhält sie die deutsche Staatsangehörigkeit zurück und einen

grünen Reisepass, Elisabeth Otto, geboren in Ostpreußen.

Elisabeth Otto Lokvinenko, 78 Jahre alt,

pendelt heute zwischen Norddeutschland und Ischewskuie, wo Tochterenkel Urenkel

leben und über die Vergangenheit, mag sie nicht mehr sprechen,

nicht rühren an den Erinnerungen, weil sie zu sehr wehtun.

Die meisten Wolfskinder haben jahrzehntelang über ihr Schicksal geschwiegen.

Diejenigen, die nach Deutschland zurückkehrten, ebenso wie die, die in Litauen blieben.

Erst der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Unabhängigkeit der baltischen Staaten ändern alles.

Ehemalige Wolfskinder in Litauen, von denen heute noch etwa 70 im Land leben,

können zum ersten Mal offen über ihre deutschen Wurzeln sprechen.

Ehemalige Wolfskinder aus Deutschland können plötzlich nach Litauen reisen und

ihrer Vergangenheit begegnen,

können all diesen halb verdrängten Erinnerungen an Hungerkälte, Todesangst begegnen,

an Verzweiflung und Verlassensein, die ihre Kindheit begleitet haben,

die Alltag waren für sie wie für Millionen anderer Kinder des Zweiten Weltkriegs,

die verschleppt wurden, verfolgt, vertrieben,

die Eltern und zu Hause an den Krieg verloren und manchmal eine ganze Identität.

Das war Peter Kämpfe mit einer Geschichte aus der Geo-Epoche-Ausgabe Europa nach dem Krieg.

Die könnt ihr bequem digital auf Geo-Epoche Plus nachlesen.

Dort gibt es auch unsere Geo-Plus-Audioserien zu hören, hatte ich anfangs schon erwähnt.

Eine davon und die neuen Folgen von Verbrechen der Vergangenheit,

die gibt es auf Geo-Epoche Plus.

Plus wie bei RTL Plus immer zwei Wochen früher zu hören als auf den anderen

Plattformen, schaut da doch gerne mal vorbei.

Ansonsten freuen wir uns wie immer über Feedback per Mail an verbrechendervergangenheit.geo.de,

wenn ihr uns freundlich in euren Podcast-Apps bewertet und wenn ihr Geo-Epoche auf Instagram folgt.

Hier geht es in zwei Wochen mit einer regulären Verbrechen-der-Vergangenheit-Folge

weiter. Aber vorher haben wir auch was für euch und zwar die erste Folge unserer

brandneuen Geo-Epoche-Podcast-Serie. So viel verrate ich schon mal.

Es geht ins Mittelalter. Macht's gut bis dahin. Tschüss.

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