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258 | Ableismus: zwischen Minderheitenschutz und strenger Sprachpolizei

Wann Sprachkritik schützt und wann sie kontrolliert

Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich "blinder Fleck" schreibe? Auf LinkedIn hat mir jemand genau das unterstellt – Diagnose: ableistisch. In dieser Folge gebe ich meine Antwort. Wie besprechen, wann Sprache wirklich verletzt und warum Wortverbote fast immer das Gegenteil bewirken.

Schwerpunkte aus dieser Folge:

– Wie ein einziger LinkedIn-Kommentar diese Folge ausgelöst hat.

– Was Ableismus wirklich bedeutet – und wo der Vorwurf völlig berechtigt ist.

– Der Denkfehler hinter Wortverboten, den fast niemand bemerkt.

– Warum „saubere" Wörter sich immer wieder neu mit Verachtung aufladen.

– Der feine Unterschied zwischen Sensibilität und Sprachangst – und was er entscheidet.

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Speaker 0: Bin ich jetzt ein schlechter Mensch, weil ich den Ausdruck blinder Fleck benutze?

Speaker 0: Genau diesen Vorwurf habe ich vor einiger Zeit auf LinkedIn kassiert und in dieser Folge gebe ich dir meine Antwort.

Speaker 0: Du erfährst wann Sprache wirklich verletzt und warum es oft nach hinten losgehen kann wenn wir anderen Menschen Wörter verbieten wollen!

Speaker 0: Mit dieser Folge gehe ich jetzt schon monatelang schwanger.

Speaker 0: Ich habe mal angefangen, sie zu skizzieren und dann hab ich sie wieder beiseite gelegt weil sie noch nicht so richtig reif war.

Speaker 0: Und meine Gedanken dazu haben sich im Hintergrund noch ein bisschen entwickelt.

Speaker 0: Alles hat damit begonnen dass ich vor ein paar Monaten mal einen Beitrag bei LinkedIn gemacht habe wo ich über meine persönliche Wahrnehmung gesprochen habe das es manchmal Dinge gibt die mir nicht auffallen und ich habe das einfach genannt... Und das ist ein Ausdruck, bei dem habe ich mir jetzt nicht viel gedacht.

Speaker 0: Ich benutze den seitdem ich richtig reden kann und du wahrscheinlich auch!

Speaker 0: Das heißt, ich würde mit meiner Sprache Menschen mit Seebehinderungen irgendwie abwerten auf ihre Behinderung reduzieren oder gar ausschließen.

Speaker 0: Auch dann wenn nicht das überhaupt gar nicht beabsichtige.

Speaker 0: also ein ziemlich harter Vorwurf der da hinter diesem blinden Fleck stecken sollte und ich habe in dem Moment erst einmal gestutzt und habe gemerkt, wie sofort so zwei Stimmen gleichzeitig in mir losgesprochen haben.

Speaker 0: Die eine fragt, oh hab ich da jetzt wirklich jemanden verletzt?

Speaker 0: Habe ich da unbewusst gerade einen Angriff gestartet gegen andere Menschen obwohl ich mit dessen gar nicht bewusst bin?

Speaker 0: Und die andere Stimme hat gesagt Moment mal blinde Flecken.

Speaker 0: was hat das mit Blindheit zu tun?

Speaker 0: also irgendwie geht mir das ganze hierzu weit.

Speaker 0: Das waren die ersten beiden Reaktionen in mir.

Speaker 0: Und genau in diesem Spannungsfeld leben wir gerade, wenn wir öffentlich sprechen oder schreiben diese kleine Unsicherheit im Kopf.

Speaker 0: darf ich das noch sagen?

Speaker 0: Weil unsere Welt ist durchaus deutlich sensibler geworden auch achtsamer und bewusster im Umgang mit Sprache und halt auch umgang mit Minderheiten und dass es erstmal eine sehr gute Sache.

Speaker 0: Und gleichzeitig fürchte ich, dass diese Unsicherheit unserer Sprache manchmal mehr schadet als sie nutzt.

Speaker 0: und zu diesem Spannungsfeld da will ich hier diese Folge mit reinbringen.

Speaker 0: Also wir schauen uns an was Ableismus überhaupt bedeutet wo der Vorwurf absolut berechtigt ist und wo das Konzept ja so ein bisschen kippt wo der vorwürft nach hinten losgehen kann und plötzlich genau das Gegenteil von dem bewirkt was er eigentlich will.

Speaker 0: Und damit willkommen hier zu einer neuen Folge bei Die Macht der Sprache.

Speaker 0: Hier schauen wir tief in die Psychologie, hinter Branding, Copywriting und Verkauf... ...und das Ganze hier wie immer mit mir Jury Keifens!

Speaker 0: Ich bin Spiegel-Bestsellerautor, Sprachwissenschaftler, NLP und Mentaltrainer und ich beschäftige mich den lieben langen Tag mit der Macht der sprache.

Speaker 0: Und auch gerade weil unsere Sprache in Marketing, Branding & Verkaufe sehr exponiert ist wollen wir dazu natürlich sehr starkes Bewusstsein entwickelt.

Speaker 0: Was spiegelt unsere Sprache?

Speaker 0: Denn in unserer Sprache spiegels sich immer unsere Haltung, unsere Kultur und unsere Persönlichkeit.

Speaker 0: Und deswegen ist das hier eine Folge die dir vielleicht das ein oder andere etwas bewusster macht!

Speaker 0: Starten wir direkt mal ins Thema rein mit einer kleinen Definition, was ist denn Abelismus überhaupt?

Speaker 0: Und wenn du das Wort heute zum ersten Mal hörst – die Schreibweise sieht ein bisschen komisch aus und da könnt ihr auch ableismus heißen.

Speaker 0: Es kommt aber vom englischen Able also fähig.

Speaker 0: Gemeint es, wenn Menschen mit Behinderung abgewertet werden durch unseren alltäglichen Wortschatz und zwar oft ganz leise und ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Speaker 0: Wenn ich zum Beispiel sage, wenn du mir jetzt sagst hier, ah Juri hast du das hier und das nicht berücksichtigt.

Speaker 0: Und ich sag dann ja, ich bin doch nicht blind!

Speaker 0: Was mache ich damit?

Speaker 0: Unbewusst werte ich Menschen mit einer Seebehinderung ab einfach durch den alltäglichen Sprachgebrauch.

Speaker 0: Das heißt hinter unseren Wörtern stecken häufig Grundannahmen.

Speaker 0: ein Körper- und dein Geist ohne Einschränkungen gelten als Normalzustand.

Speaker 0: also wir sind nur dann normal Behinderung haben und alles andere gilt so als Abweichung, als Defizit und sogar als Mangel.

Speaker 0: Das steckt da unbewusst zwischen unseren Zeilen drin und häufig nutzen wir sowas ganz gedankenlos und halten dann mit unserem Sprachgebrauch solche Grundannahmen lebendig die ja eigentlich sehr überholt sind und überhaupt gar nicht in unserer heutigen Sprache mehr zu suchen haben.

Speaker 0: das ganze mag erstmal ein bisschen abstrakt klingen doch mal ganz konkret, weil so Ableismus zeigt sich schon alleine wenn Menschen mit einer blinden Person automatisch lauter sprechen als wäre sie auch schwerhörig habe ich zuletzt auch mal erlebt oder wenn jemand eine Rollstuhlfahrerin ungefragt hilft ohne sie überhaupt zu fragen ob sie Hilfe möchte.

Speaker 0: Oder wenn jemand sagt für deine Behinderung bist du aber echt erfolgreich?

Speaker 0: eben wenn Wörter wie Behindert als Schimpfwort über Schulhöfe fliegen, das gab es damals bei mir auch schon in meiner Kindheit.

Speaker 0: Du merkst halt also, wie dieser Sprachgebrauch... vielleicht meinen wir das nicht böse?

Speaker 0: Es hat sich irgendwie so eingeschlichen und indem wir das immer wieder reaktivieren, reaktiveren wir auch die Muster, diese Grundannahme dahinter!

Speaker 0: Deswegen sage ich auf jeden Fall hier vorweg, dieses Konzept des Abelismus hat durchaus eine volle Berechtigung.

Speaker 0: Also kluge Menschen nehmen es ernst und das aus gutem Grund.

Speaker 0: die Frage ist nur wie weit darf das Ganze gehen?

Speaker 0: Und da will ich mit dir jetzt Stück für Stück eintauchen!

Speaker 0: Erst mal will ich genauer hinschauen warum dieser Vorwurf berechtigt ist und in welchen Fällen.

Speaker 0: Und ich habe eben am Anfang der Folge schon erläutert und ich hab mir jetzt ein paar Wochen, ein paar Monate Zeit genommen darüber nachzudenken.

Speaker 0: Und wirklich versucht mich so gut es geht in das Thema hinein zu fühlen!

Speaker 0: Ich hab jetzt keine körperliche Behinderung doch... ...ich kann zum Beispiel sagen dass ich auch in gewisser Weise zu einer Randgruppe gehöre weil ich zb schwul bin.

Speaker 0: Wenn jemand Schwul als Schimpfwort nutzt wenn irgendwo einer sagt Boah ist das Schwul hier?

Speaker 0: Weil er etwas langweilig oder peinlich findet Wo heißt das Schwul, weil irgendetwas ulkig oder seltsam wirkt?

Speaker 0: Dann krängt mich das irgendwo.

Speaker 0: Dann fühle ich mich irgendwo indirekt angegriffen.

Speaker 0: Da kann derjenige oder diejenige noch so oft betonen – das habe ich jetzt nicht so gemeint – in diesem Moment benutzt die Person das Wort, dass einen Teil meiner Identität beschreibt als Synonym für minderwertig, für unerwünscht, für doof und unbequem.

Speaker 0: Und das wirkt!

Speaker 0: Das trifft mich.

Speaker 0: Jedes Mal aufs Neue und es bereitet mir Sorgen, weil dahinter eine Haltung steckt die wenn andere Leute sich das abschauen irgendwo bedrohlich sein könnte.

Speaker 0: Die sogar irgendwie ein hetzerisches Potenzial hat!

Speaker 0: Und ich kann mir gut vorstellen dass es Menschen mit Behinderung ähnlich gehen muss.

Speaker 0: Deswegen wirst du mich in dieser Folge niemals sagen hören Sprache können niemandem verletzen Weil Sprache kann verletzten und sie verletzt durchaus jeden Tag Menschen insbesondere wenn wir solche Dinge einfach unhinterfragt, immer weiter reproduzieren und dann verbreitet sich halt auch so eine Haltung.

Speaker 0: Und dann wird die irgendwann normal?

Speaker 0: Das finde ich keine gute Entwicklung und da dürfen wir uns bewusster werden wenn da wirklich so ein Angriff dahinter steckt, wenn wir andere Menschen marginalisieren und sie zum Synonym machen für doof, für schlecht, für unbequem was auch immer.

Speaker 0: Und genau deswegen hat der Abelismusbegriff auf jeden Fall seinen Platz.

Speaker 0: Also, wenn jemand Wörter wie Behindert oder Spasti als Abwertung und als Schimpfwörter für andere Menschen nutzt dann steckt da eine Haltung dahinter die so nicht in Ordnung ist und wir machen die Welt zu einem besseren Ort, wenn wir sowas vermeiden.

Speaker 0: Und das geht auch für solche Fälle, wo wir Witze auf Kosten von Menschen machen die sich schlecht wehren können.

Speaker 0: Also wenn Sprache andere Menschen klein macht ausgrenzt herab setzt dann ist es auf jeden Fall gut wenn es Menschen gibt die da den Finger heben und darauf hindeuten hey bitte so nicht nur.

Speaker 0: Hier gibt es jetzt eine feine Abgrenzung, denn zwischen Sprache kann verletzen und dieses eine Wort ist immer und überall verboten.

Speaker 0: Da liegt ein riesiger Unterschied Und das habe ich bei LinkedIn so erlebt mit dem blinden Fleck.

Speaker 0: Das war so'n bisschen die Sprachpolizei Ist hier jetzt in Aktion und wirft mir irgendetwas vor wo ich überhaupt gar keine Ahnung habe.

Speaker 0: Ey!

Speaker 0: Was willst du hier von mir?

Speaker 0: Denn dieser Ausdruck blinder Fleck Der is erst einmal ein Fachbegriff aus der Physiologie.

Speaker 0: Also an der Stelle Wo der Sehnerv aus dem Auge austritt, sitzen keine Rezeptoren.

Speaker 0: Das heißt da sehen wir buchstäblich nichts und diesen blinden Fleck hat jeder Mensch – du, ich jede sehende Person oder auch Menschen die nicht so gut oder gar nichts sehen können auf diesem Planeten!

Speaker 0: D. h., der Ausdruck beschreibt also gar keine Lebensrealität blinder Menschen.

Speaker 0: er beschreibt ein Wahrnehmungsphänomen das uns alle betrifft.

Speaker 0: Da ist etwas direkt vor uns und wir sehen es trotzdem nicht.

Speaker 0: Also hier gibt es absolut gar keinen Grund, irgendjemandem Hetze oder gar Abelismus vorzuwerfen!

Speaker 0: Dazu kommt noch etwas, das wir in der Sprachwissenschaft sementische Verblassungen nennen.

Speaker 0: Das ist im Kern ganz simpel!

Speaker 0: Wir haben in unserer Sprache jede Menge Metaphoren und die nutzen sich ab.

Speaker 0: Sie verlieren mit der Zeit das Bild.

Speaker 0: also ich sage ja immer nur dass es wie Fotos die zu lange in der Sonne gelegen haben solche Sprüche.

Speaker 0: wenn ich zum Beispiel sage Boah ist dir eine Laus über den Leber gelaufen dann siehst du da kein Organ Genau so wenig weh, wenn ich sage auf Herz und Nieren prüfen.

Speaker 0: Da siehst du auch keine Orgale vor deinem inneren Auge.

Speaker 0: Du weißt einfach übertragen was gemeint ist.

Speaker 0: Und ähnlich ist das halt auch bei dem blinden Fleck.

Speaker 0: da sehe Ich überhaupt gar nichts.

Speaker 0: mein Hirn dekodiert dass sofort und weiß was damit Gemeindes etwas war sich der offensichtlich übersehe.

Speaker 0: Oder wenn du sagst, mir liegt etwas schwer im Magen.

Speaker 0: Dann sehen wir da jetzt auch irgendwie kein ein Kilo Gewicht das deinem Magendahmtrakt irgendwo herumliegt.

Speaker 0: Es ist halt einfach bildlich gesprochen.

Speaker 0: oder wenn du sagt jemandem das Herz brechen dann denkst du auch nicht daran oh ich muss das am besten jetzt erst einfrieren also Schockfrosten dabei das brechen kann.

Speaker 0: und dann breche ich das so mit den Händen über.

Speaker 0: Noch ein Beispiel.

Speaker 0: Jemandem springt etwas ins Auge, da siehst du jetzt auch nicht irgendwie einen Gegenstand oder irgendwie ein Tier das dir ins Auger reinspringt in den Augapfel hinein.

Speaker 0: Das sind alles Metaphon, das sind alles Bilder die wir allerdings so überhaupt gar nicht mehr sehen und das sind halt einfach Metaphonen, die sind verbraucht Die haben ihr Aktivierungspotenzial verloren Und trotzdem tragen Sie immer noch eine gewisse Bedeutung.

Speaker 0: Und deswegen dürfen wir sehr, sehr vorsichtig sein, welche Wörter wir an welchen Stellen jetzt hier verbieten wollen.

Speaker 0: Denn wenn blinder Fleck jetzt verboten sein soll weil da das Wort blind drin ist was ja durchaus Menschen mit einer Seebehinderung betreffen könnte dann müssten wir uns ja durchaus auch noch andere Wörtern genauer anschauen.

Speaker 0: wie wäre es zum Beispiel mit dem Weitblick?

Speaker 0: Ich meine Menschen mit Seebehindern haben vielleicht keinen Weitblick.

Speaker 0: sollten wir das Wort deswegen halt streichen oder übersehen Oder sowas wie Einsicht?

Speaker 0: Dann steht ungefähr das halbe, metaphorische Repertoire der deutschen Sprache unter Generalverdacht.

Speaker 0: Und das kann jetzt wohl wirklich keiner ernsthaft wollen – auch die Kritiker selbst benutzen diese Wörter jeden Tag!

Speaker 0: Der Vorwurf gegen den blinden Fleck macht also einen Denkfehler, er nimmt eine Metapher wörtlich deren Bild seit Jahrzehnten verblasst ist und was mit dem eigentlichen Kernthema irgendwelche Minderheiten vorzuführen überhaupt gar nichts mehr zu tun hat.

Speaker 0: Das heißt das ist jetzt so.

Speaker 0: der Moment wo Menschen getrieben von einer ideologischen Idee halt auch komplett blind sind für andere Sichtweisen auf das Thema und hinter jedem Wort plötzlich einen Angriff widdern keine schöne Basis für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Speaker 0: Weil ich meine, wenn du wirklich es darauf anlegst wirst du hinter jedem Satz, hinter jedem Wort das irgend ein Mensch sagt immer irgendeine böse Intention finden können Wenn Du sie nur tief genug da rein denken willst.

Speaker 0: Also die Frage bei der Kommunikation ist ja nicht Könnte irgend jemand auf diesem Planeten sich vor den Kopf gestoßen fühlen von der Art und Weise wie du Sprache gerade verwendest?

Speaker 0: dann könnten wir am Ende nur noch alle die Klappe halten.

Speaker 0: Und da soll es hier nicht hingehen!

Speaker 0: Hier kommt ein weiterer wichtiger Faktor ins Spiel, nämlich der Kontext.

Speaker 0: Jede Art von Bedeutung ist immer kontextabhängig.

Speaker 0: Ob ich dir zum Beispiel sage, gestern habe ich meinen Freund so richtig geschlagen und das war so gut und da hatte ich so viel Spaß dran?

Speaker 0: Wenn ich dir dann sage ja, wir haben Schach gespielt oder wir haben dann irgendein anderes Computerspiel gespielt zusammen, ergibt sich eine ganz andere Bedeutung.

Speaker 0: Das heißt, es gibt keine Bedeitung unabhängig vom Kontext weil das ist dann alles nur an den Haaren herbeigezogen.

Speaker 0: und dazu habe ich dir ein Beispiel mitgebracht dass mir in den letzten Wochen begegnet ist.

Speaker 0: so ist ein leichter Tanz auf dem Drahtseil und trotzdem bringt es sehr schön einen feinen Unterschied auf den Punkt.

Speaker 0: Ich habe einen guten alten Freund, der liebt so eine Art drastische Sprache und wir teilen das so sehr poetiert, sehr direkt, sehr unmittelbar kommunizieren.

Speaker 0: Und wenn er etwas richtig großartig findet, dann sagt er Boah!

Speaker 0: Das ist ja so geisteskrank!

Speaker 0: Ob das ein neues Musikalbum ist?

Speaker 0: Ein geniales Essen oder eine starke Marketingkampagne?

Speaker 0: Geisteskrank.

Speaker 0: Und das sagt er halt auch so in diesem Stil.

Speaker 0: Das ist auch einfach sein Stil, seine Art Begeisterung zu zeigen und da ist eine gewisse Übertreibung mit dabei!

Speaker 0: Jetzt frag dich mal ehrlich – denkt der in diesem Moment an Menschen in psychiatrischen Kliniken?

Speaker 0: Wirtet er die ab?

Speaker 0: Natürlich überhaupt gar nicht!

Speaker 0: Jeder in Raum versteht sofort, was gemeint ist.

Speaker 0: Und auch hier ist es ein Phänomen der sementischen Verblassung mit dabei weil wir sehen im Moment jetzt überhaupt gar niemanden irgendwie.

Speaker 0: ich sehe jetzt hier keine verrückten Personen in Zwangsjacken oder so.

Speaker 0: Ich fühle halt einfach seine Haltung hinter dem Wort die Energie Die Freude und die Begeisterung.

Speaker 0: Das heißt, der Kontext macht hier aus einem eher klinischen Begriff einen Ausruf von Begeisterung mit durchaus einer sehr persönlichen Note.

Speaker 0: Also das ist jetzt nicht so Standard dass jemand das Wort so benutzt doch bei ihm einfach mit dem Kontext mit der Art wie er es ausspricht geht das für mich durch und ich finde hier wird keine Minderheit irgendwie an den Pranger gestellt.

Speaker 0: also ein und dasselbe Wort kann in einem Kontext nur Art Liebeserklärung sein und in einem anderen kann sie ein Angriff sein.

Speaker 0: Die Bedeutung steckt nicht alleine im Wort, sie entsteht zwischen den Menschen, dem Ton auch in der Beziehung, in der Situation, im Kontext.

Speaker 0: und einen Wort zu verbieten weil es in manchen Situationen verletzen kann reißt das aus dem Kontext heraus Und das führt am Ende ins Absurde.

Speaker 0: Das führt dazu dass wir uns komplett nur noch selbst zensieren.

Speaker 0: Und im Kontrast zu diesem Einsatz des Wortes Geisteskrank, will ich dir noch eine andere Facette mit reinbringen.

Speaker 0: Denn ich kenne in meinem Umfeld jemanden der nutzt ganz gerne diesen Ausdruck... spricht gerne von geistig Behinderten, wenn Menschen gedankenlos irgendwelche Konzepte aus Marketing-Verkauf umsetzen ohne zu verstehen was sie da wirklich tun.

Speaker 0: Also er will so ein bisschen dieses Geistig Unterbemittelter manche Leute agieren hirnlos wie Zombies das Wille rüberbringen.

Speaker 0: und hier spürst du den Unterschied.

Speaker 0: Hier zielt das Wort nämlich tatsächlich auf eine Gruppe von Menschen ab.

Speaker 0: Also wenn er davon spricht, dass manche Leute da draußen auf dem Markt geistig behindert sind dann benutzt er diesen Begriff als Schablone für dumm und minderwertig.

Speaker 0: Und damit macht er eine reale Behinderung plötzlich zum Synonym für Versagen.

Speaker 0: Er setzt das wirklich gleich und hier siehst du mit geisteskrank-undgeistig behindert, dass ist vielleicht ne ähnliche Wortfamilie und trotzdem hat beides ne komplette unterschiedliche Wirkung und der Unterschied liegt zu hundert Prozent im Kontext und in der Haltung wie die Menschen diese Wörter benutzen.

Speaker 0: Das heißt ein Wortverbotsliste kann diesen Unterschied niemals erfassen Aber ein Mensch mit Sprachgefühl merkt das sofort.

Speaker 0: Und ich will dir, damit wir hier aus dieser Dovengrundstimmung rauskommen und zurück in die heitere Gelassenheit auch noch eine andere Perspektive auf das Wort Schwul mitgeben.

Speaker 0: Denn ich habe eine Freundin, die nutzt das sehr gerne aufwertend.

Speaker 0: Sie spricht zum Beispiel wenn Menschen sehr gut gekleidet sind, ein gutes Outfit haben und sagt sie oh, das sieht aber sehr schwul aus!

Speaker 0: Also so wirklich so mit einem anerkennenden Ton dahinter.

Speaker 0: oder sie sagt halt, wenn Wohnungen z.B.

Speaker 0: sehr gut eingerichtet sind, dann sagt er, es ist aber sehr schul eingerichtet hier.

Speaker 0: wirklich so mit Anerkennung.

Speaker 0: in der Stimme ist ein bisschen ulkig, jetzt auch ein bisschen seltsam.

Speaker 0: Wahrscheinlich auch jetzt nicht so komplett einleuchtend.

Speaker 0: doch alleine die Art und Weise wie sie das Wort nutzt!

Speaker 0: In welchem Kontext und mit welcher Haltung dahinter macht die ganze Musik?

Speaker 0: Es gibt es auch – das erinnert mich gerade – kennst du das Unternehmen Rainbow Wool also Regenbogenwolle.

Speaker 0: Da geht's um Wolle von Schwulen scharfen.

Speaker 0: Die klappt die Verben damit dass jedes elfte oder zwölfte Schaf schwul schließlich Wolle für ihre Produkte von schwulen Schafen.

Speaker 0: und auch einfach, weißt du da bekommt das plötzlich was Komisches.

Speaker 0: Und da wird niemand an den Pranger gestellt.

Speaker 0: Und deswegen lade ich dazu ein, einfach vorsichtig damit zu sein irgendwie Menschen mit irgendwas anzuschuldigen.

Speaker 0: Denn wer mir vorwirft blinder Fleck sei abelistisch macht nämlich etwas ganz anders.

Speaker 0: er dichtet mir eine Haltung an Und unterstellt mir, ich würde blinde Menschen abwerten, obwohl ich mir beim Schreiben überhaupt nichts dergleichen gedacht habe.

Speaker 0: Das heißt, der Vorwurf ersetzt hier direkt das Gespräch und stellt mich sofort an den Pranger!

Speaker 0: Statt zu fragen hey Jury wie hast du das gemeint?

Speaker 0: Steht da sofort ein Urteil in meiner

Speaker 0: Kommentarspalte?!

Speaker 0: Und was macht das mit mir als Schreiber oder als Sprecher?

Speaker 0: Ich fange an, mich selbst zu zensieren.

Speaker 0: klingen dann alle gleich.

Speaker 0: Alle gleichermaßen vorsichtig, gleich glatt, gleich platt.

Speaker 0: und es gibt einen schönen Satz von Platon also zweieinhalb tausend Jahre und ist immer noch aktuell jeder Tyrann beginnt als Beschützer.

Speaker 0: das geht ganz schön tief!

Speaker 0: Jeder Tyrann begint als Beschützen.

Speaker 0: fast jede Einschränkung von Freiheit kommt im Gewand von Schutz.

Speaker 0: daher und verstehe mich jetzt richtig Der Wunsch, Menschen mit Behinderung vor verletzender Sprache zu schützen ist sehr ehrenwert und braucht auf jeden Fall eine Bühne.

Speaker 0: Doch in dem Moment wo aus diesem Schutz ein System aus Verboten, Verdächtigung oder Unterstellungen wird, schützt das niemand mehr?

Speaker 0: Da wird es plötzlich zum Kontrollzwang.

Speaker 0: ne dann wird das hier zur Sprachpolizei.

Speaker 0: Und natürlich lassen sich die Menschen das nicht gefallen und wehren sich dagegen weil Ausdruck unsere Sprache unserer Schrift ist etwas sehr Persönliches etwas sehr Intimes.

Speaker 0: Und wenn da plötzlich Menschen hingehen und Dinge hinein interpretieren, die überhaupt gar nichts mit der eigentlichen Grundhaltung zu tun haben.

Speaker 0: Dann ist das gefährlich!

Speaker 0: Dann wird es verletzen und dann verhärten sich die Fronten.

Speaker 0: Deswegen bin ich auch hier überzeugt davon dass Wortverbote hier nichts bringen.

Speaker 0: Sondern das, was wirklich etwas ändert ist wenn sich die Haltung verändert.

Speaker 0: Wenn sich die haltung der Menschen verändert, verändert sich die Sprache von ganz alleine.

Speaker 0: Umgekehrt funktioniert es leider selten.

Speaker 0: Du kannst deine menschen neue Wörter beibringen.

Speaker 0: Seine Verachtung bleibt dann trotzdem dieselbe.

Speaker 0: Dann lackierst du einfach nur die Fassade und das Fundament.

Speaker 0: Das ganze dahinterbleibt stehen.

Speaker 0: Die sprachwissenschaft hat auch dafür einen Begriff Und der ist herrlich bildhaft.

Speaker 0: Es geht um die Euphemismus-Tretmühle.

Speaker 0: Schau dir zum Beispiel die Geschichte der Begriffe an aus dem Krüppel.

Speaker 0: Das kannst du hindurch aus Büchern, die hundert oder hundert, zweihundert Jahre alt sind.

Speaker 0: Kannst du das doch lesen?

Speaker 0: Aus dem Krüppel wurde der Behinderte.

Speaker 0: Aus den Behinderten wurde dann irgendwann ein Mensch mit Behinderung und daraus wurde dann einen Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Speaker 0: Und was passiert jedes Mal?

Speaker 0: Das neue Zwischenanführungszeichen saubere Wort lädt sich nach ein paar Jahren immer wieder mit denselben negativen Gefühlen auf.

Speaker 0: Warum?

Speaker 0: Weil die Haltung dahinter gleich geblieben ist.

Speaker 0: Das heißt, die Verachtung zieht sozusagen einfach mit in das neue Wort ein, braucht ein bisschen Zeit bis sich das wieder konditioniert.

Speaker 0: aber es ist so ein bisschen wie ein Mieter der die Wohnung wechselt und seinen ganzen Müll mitnimmt.

Speaker 0: Und damit meine ich das Wort ist nie das Problem, sondern die Haltung.

Speaker 0: hinter der Sprache ist es.

Speaker 0: Und natürlich können wir manchmal hinter den Worten einer Person die Haltung herauslesen.

Speaker 0: Manchmal gehört diese Haltung einfach zur Person hinzu zu einer Marke.

Speaker 0: also nicht alles muss immer perfekt glatt sein ohne Ecken und Kanten.

Speaker 0: ich sage vielleicht auch schon mal Dinge wo sich Menschen dran stoßen doch unsere Kommunikation sollte niemals auf Kosten von Minderheiten gehen und deshalb läuft echte Veränderungen immer von innen nach außen.

Speaker 0: Das heißt erst verändert sich, wie du über Menschen denkst und dann verändert sich wie von selbst, wie Du über sie sprichst.

Speaker 0: Und das ist ganz wichtig!

Speaker 0: Alles was die Reihenfolge umdreht bleibt meistens nur kosmetik.

Speaker 0: Sprich wenn jemand das Wort schwul abwertend nutzt würde ich erstmal hinschauen okay wie viele schwule menschen kennt die personen?

Speaker 0: Was für ein bild hat sie davon?

Speaker 0: Wenn es mir gelingt dieses Bild zu verändern wird die Person automatisch diesen Ausdruck nicht mehr verwenden weil er sich für Sie nicht mehr richtig und stimmig anfühlt.

Speaker 0: So fassen wir zusammen Sprache formt Wahrnehmung, also ganz klar welche Wörter wie Nutzen hält gewisse Grundannahmen und Klischees lebendig!

Speaker 0: Wir dürfen also durchaus auf die Sprache schauen.

Speaker 0: wenn da halt Dinge drin stecken, die wir in unserer Gesellschaft nicht mehr vertreten dann können wir da aufräumen, wir können sensibilisieren doch gleichzeitig sollten wir nicht an den Worten ansetzen weil das ist ja nur Kosmetik sondern wir sollten an der Haltung ansetzen Unser Weltbild, unser Menschenbild, dann verändert sich die Sprache von ganz alleine.

Speaker 0: Sprachliche Sensibilität ist also eine Stärke.

Speaker 0: Sie bedeutet du kennst die Wirkung deiner Worte, du kennest deinen Kontext und du entscheidest bewusst welche Wörter du einsetzen willst.

Speaker 0: Ich glaube das was große Kommunikatoren ausmacht ist dass sie gleichzeitig sensibel bleiben und auch mutig sind.

Speaker 0: wenn die beiden Zutaten zusammenkommen dann entstehen großartige Texte, da entsteht großartiges Sprache.

Speaker 0: Und damit sage ich Danke fürs Zuhören, bleib heiter, schreib lecker und bis zur nächsten Folge.

Speaker 0: Bye bye!

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